Die Proteste im Iran gehen weiter. Zu den Regierungsgegnern gesellen sich Demos von Regierungsanhängern, bis zu 20 Menschen sind bereits gestorben. Doch warum ist die Lage in dem Land so undurchsichtig?

Wasserwerfer gegen iranische Demonstranten; Foto: MEK-Netz im Iran/dpa/picture alliance

Dieses Foto einer iranischen Widerstandsgruppe soll zeigen, wie Sicherheitskräfte gegen Demonstranten vorgehen.

MEK-Netz im Iran/dpa/picture alliance

Wer geht dort auf die Straßen?

Das Staatsfernsehen zeigt seit dem Morgen zahlreiche Regierungsanhänger auf den Straßen. Zehntausende oder gar Hunderttausende sollen für das islamische Regime demonstrieren, heißt es. Bereits seit einer Woche protestieren viele, vor allem junge Iraner, aus unterschiedlichen Gründen.

Richteten sich die Proteste anfangs gegen die schlechte Wirtschaftslage, gestiegene Lebensmittelpreise und schlechte Zukunftsperspektiven junger Menschen, so wenden sich die Demonstranten offenbar zunehmend gegen die gesamte Regierung und die geistlichen Führer des Landes.

Wer steckt hinter den Protesten?

Hassan Ruhani; Foto: dpa/picture alliance

Auch gegen ihn richten sich einige Proteste: der gewählte Präsident Hassan Ruhani.

dpa/picture alliance

Die iranische Führung selbst soll die Regierungsanhänger zu den Protesten aufgerufen haben. Sie skandieren: „Nieder mit den USA, mit Israel und mit Saudi Arabien!“ Der geistliche Führer des Iran, Ajatollah Chamenei, hatte am Dienstag Feinde seines Landes für die Proteste gegen ihn und die Regierung verantwortlich gemacht, nannte aber ausdrücklich keine Länder.

Die Demonstranten selbst fühlen sich dadurch verhöhnt. Sie seien keine Agenten des Auslandes, sondern kämpften für bessere Lebensbedingung. Auslöser der Proteste vor inzwischen einer Woche waren Demonstrationen gegen massiv gestiegene Preise für Lebensmittel.

US-Präsident Donald Trump hatte die Proteste der Iraner begrüßt. Damit hat er den Demonstranten aber keinen Gefallen getan, schätzt Iran-Korrespondentin Karin Senz die Lage ein. Der Führung des Iran spiele das in die Hände, es bestärke ihre Behauptung, Agenten des Auslands steckten hinter den Protesten.

Was ist denn bisher passiert?

Proteste im Iran; Foto: FreedomMessenger/dpa/picture alliance

Hier soll ein Angriff auf eine Polizeistation abgebildet sein. Die Echtheit kann nicht überprüft werden.

FreedomMessenger/dpa/picture alliance

Bei den Protesten und offenbar auch Angriffen, etwa auf Polizeistationen, sollen in den vergangenen Tagen 21 Menschen getötet worden sein. Unter den Opfern befinden sich Demonstranten, aber wohl auch Sicherheitskräfte. Pedram Shahyar vom „Netzwerk junger Iran in Berlin“ sieht die Aktivisten in Gefahr, Kommunikation mit ihnen ist kaum möglich und wenn sehr gefährlich: „Ich habe jetzt keinen direkten Draht zu meinen Verwandten. Es ist nicht ohne Risiko, wenn man mit den Leuten spricht. Jede Verbindung ins Ausland, zu irgendwelchen ausländischen Aktivisten, kann sehr gefährlich sein.“ Kontakt gebe es derzeit nur indirekt über politische Netzwerke. Dass es trotzdem so große Demonstrationen gebe, sei umso bemerkenswerter. „Das berührt einen. Es ist im Iran ja nicht so leicht zu demonstrieren. Man riskiert, ins Gefängnis zu kommen, gefoltert oder auch erschossen zu werden.“

Es sind die größten Unruhen seit 2009. Damals demonstrierten die Bürger gegen die Wiederwahl des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad als Präsident. Die Opposition war sich sicher, dass die Wahl manipuliert worden ist. Die Proteste vor neun Jahren wurden von Reformern organisiert und angeführt. Die Demonstrationen heute sind eher chaotisch und spontan.

Warum ist die Lage im Iran so unklar?

Berichte über die Demonstrationen und Proteste sind gespickt mit Konjunktiven, „offenbar“ und „womöglich“. Das liegt daran, dass es kaum gesicherte und verlässliche Quellen gibt. Die Bilder aus dem TV stammen meist vom Staatsfernsehen – das ist, wie der Name schon sagt, dem Staat verpflichtet und nicht unabhängig.

Ausländische Berichterstatter gibt es wenige und noch weniger dürfen Fotos und Videos machen. Aber auch bei Berichten und Videos der regierungskritischen Demonstranten ist Skepsis angebracht. Die Herkunft und Aktualität der Videos, die oft über Messenger verbreitet werden, kann nicht unabhängig überprüft werden. Zudem sind viele Internetdienste im Iran gesperrt, was die Kommunikation zusätzlich erschwert.