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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer, SWR3; Foto: SWR3
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Wie knapp das 850 Jahre alte Wahrzeichen Frankreichs wirklich vom Einsturz entfernt war, zeigt eine spannende Recherche der New York Times: Eine Gruppe von Freiwilligen ging mitten ins Feuer, um den Bau zu retten.

Die Geschichte beginnt am 15. April um 18.18 Uhr: Da sieht ein Sicherheitsmitarbeiter, der erst seit drei Tagen in Notre Dame angestellt ist, das Wort „Feu“ (Feuer) auf seinem Bildschirm. Wo genau das ausgebrochen sein soll, versteht er nicht. Klar ist nur: Es geht um einen der Dachstühle.

Notre Dame; Foto: dpa picture alliance / AP Photo

Ein Bild vom Beginn der Katastrophe: Die Flammen brechen gerade durch den Dachstuhl.

dpa picture alliance / AP Photo

Der Wachmann, den er losschickt, begibt sich also in den Dachstuhl der Sakristei – ein eigenes Nebengebäude. Doch dort brennt nichts. Der Sicherheitsmitarbeiter glaubt an einen Irrtum und versucht, den Alarm auszustellen. Erst eine halbe Stunde später – nach Rücksprache mit seinem Chef – schickt er den Wachmann in den Dachstuhl der Kathedrale selbst: Und der steht bereits lichterloh in Flammen. Da erst, um 18:48 Uhr, wird die Feuerwehr alarmiert.

Das wahre Problem hängt im Nordturm

In einer spannenden Multimedia-Reportage hat die New York Times (NYT) den Abend rekonstruiert und Abläufe und Rettungsversuche grafisch nachgestellt (hier der Link).

Als der Feuerwehr-General Jean-Marie Gontier kurz vor 19 Uhr bei Notre Dame eintrifft, ist die Ausbreitung des Feuers demnach kaum noch zu verhindern: Der Dachstuhl steht in Flammen und auch im Nordturm brennt es. "Das ist, als wenn man einen 400-Meter-Lauf startet, aber die anderen Läufer haben schon ein paar Dutzend Meter Vorsprung“, sagt Gontier später.

Bald entdeckt der erfahrene Brandbekämpfer: Der Nordturm ist das eigentliche Problem. Acht riesige Glocken hängen darin. Sie tragen Namen von Heiligen wie Étienne, Maurice oder Marcel. Jede wiegt mehrere Tonnen. Vor allem aber hängen sie an hölzernen Balken. Und auf die ist das Feuer des Dachstuhls übergesprungen.

Der weitere Ablauf erscheint klar: Brechen die Balken, dann stürzen die Glocken in die Tiefe wie acht mächtige Abrissbirnen und nehmen den Turm mit. Und wer weiß, was der Nordturm dann alles mitnimmt. Womöglich den Rest des 850 Jahre alten Gebäudes.

Ein Kommandant der Vorstadt-Feuerwehr lehnt den Job ab

Notre Dame; Foto: Imago

Feuerwehrleute betreten das Mittelschiff unter dem brennenden Dachstuhl.

Imago

Gontier entscheidet, seine Rettungsversuche dorthin zu konzentrieren. 500 Feuerwehrmänner und -frauen sind vor Ort. Doch jetzt braucht er ein kleines Team, das bereit ist, sein Leben einer ziemlich großen Gefahr auszusetzen. Der Plan: Der Trupp soll auf den Südturm steigen, von dort die Balustrade über der Kathedralenfront überqueren und dann in den brennenden Nordturm einsteigen.

Er fragt ein Team aus einer der Vorstädte. Deren Kommandant lehnt ab: zu gefährlich. Wer sich letztlich bereit erklärt, geht aus dem Bericht der NYT nicht hervor. Es sind jedoch eine Handvoll Leute, die schließlich den Job übernehmen.

Sie müssen mitten ins Feuer. Als sie den brennenden Nordturm betreten, kommt es fast zu einem tragischen Unfall: Einer der Männer stürzt beinahe von einer der Holztreppen in die Tiefe. Der Einsatz erfolgt dazu nur wenige Meter von den Flammen entfernt. Die Freiwilligen kämpfen ab diesem Moment nicht nur um Notre Dame, sondern auch um ihr eigenes Leben, denn die Balken in der oberen von zwei Turmkammern können jederzeit brechen.

In 15 Minuten ist das Wichtigste geschafft

Am Ende haben sie Erfolg. Und es geht sogar schnell: Nur 15 Minuten dauert die entscheidende Rettungsaktion, die dem Bericht zufolge den Einsturz von Notre Dame verhindert. Dann sind die Tragbalken im Nordturm gelöscht.

Zwar sind hunderte Feuerwehrleute noch viele Stunden damit beschäftigt, den brennenden Dachstuhl über dem riesigen Mittelschiff zu löschen. Doch der Bau selbst ist gerettet.

Am Ende bleibt nur die Frage: Wie ist das Feuer ausgebrochen? Ein Kurzschluss oder eine brennende Zigarette von Baubarbeitern auf dem Gerüst über dem Mittelschiff gelten als Hauptverdächtige. Und dann natürlich: Wer hat beim Ausbruch des Brandes den entscheidenden Fehler gemacht? Ein Kommunikationsproblem heißt es wie so oft. Die Ermittler sind dran.

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