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Björn Widmann (Foto: SWR3)

Aerosolforscher haben in einem Brief an die Bundesregierung gefordert, dass in der Corona-Pandemie andere Schutzschwerpunkte eingeführt werden sollten.

Die Bundesregierung sollte nach dem Willen von Aerosolforschern bei den Corona-Maßnahmen umdenken. Die Forscher, die sich mit der Verbreitung der Coronaviren durch winzige Tröpfchen der Luft beschäftigen, schreiben in einem offenen Brief an Bund und Länder: „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass drinnen die Gefahr lauert“.

Die „allermeisten Infektionen“ gebe es in geschlossenen Räumen, schreiben die Forscher – in Wohnungen, Büros, Schulklassen und Wohnanlagen. Die „andauernden Debatten“ über Besuche in Biergärten oder andere Aktivitäten unter freiem Himmel seien dagegen „kontraproduktiv“. Im Freien gäbe es Infektionen nur im Promillebereich.

#GAeFNews: Open Letter to Germany's Political Leaders The #GAeF board and @DrScheuch wrote an open letter to Germany's political leaders pointing out that #SARSCoV2 is predominantly transmitted indoors. Find the letter (in German) here: https://t.co/QI8pXt2Jqv #COVID19

„Konkret nervt mich am allermeisten, dass man das Problem auf den Außenbereich richtet“, sagte der ehemalige Präsident der ISAM (International Society for Aerosols in Medicine), Gerhard Scheuch in SWR3. Er ist einer der Unterzeichner des Briefes.

Für ihn sei es schlimm gewesen, dass an Ostern zum Beispiel das Rheinufer oder andere Ausflugsziele gesperrt wurden: „Das hat mich sehr irritiert, weil dort keine Gefahr lauert“. In einer Studie in Irland hätten Forscher zum Beispiel herausgefunden, dass von 232.000 Infektionen nur 262 im Außenbereich stattgefunden hätten. „99,9 Prozent der Infektionen finden in Innenräumen statt“.

„Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt“, kritisieren Scheuch und seine Kollegen in ihrem Brief. Drinnen könne man sich auch infizieren, wenn man sich nicht direkt mit jemandem trifft, aber ein ansteckender Infizierter vorher in einem schlecht belüfteten Raum aufgehalten hat, warnen sie.

Scheuch: „Alles einsetzen, was wir haben“

Viele Schulen haben in den vergangenen Monaten Raumluftfilter installiert, dann hat das Umweltbundesamt die Empfehlung dieser Geräte wieder zurückgenommen. Lüften sei besser als Raumluftfilter, hieß es zur Begründung.

Das stört Scheuch, denn man solle sich eher darauf konzentrieren, alle Maßnahmen zu kombinieren: „Wir müssen alles einsetzen, was wir haben. Nicht sagen, das eine ist besser als das andere“, klagt Scheuch. In Schulen würde er zum Beispiel auf Lüften setzen, auf Raumluftfilter und die Klassen Teilen.

Auch die Unterrichtsstunden würde Scheuch verkürzen: „Wenn ich die Zeit in einer Unterrichtsstunde halbiere, dann viertelt sich das Risiko“. Das seien Maßnahmen, die man kombinieren müsse, um das Infektionsrisiko zu verringern.

Maskenpflicht im Freien hat eher „symbolischen Charakter“

Maßnahmen wie die Maskenpflicht beim Joggen an Alster und Elbe in Hamburg seien  eher symbolischer Natur und ließen „keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen erwarten“, schreiben die Experten.

Auch die Ausgangssperren seien überbewertet: „Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen“, schreiben die Forscher.

„In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen.“

So ähnlich sieht das auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er ist allerdings dafür, die Maßnahman draußen weiter beizubehalten, schrieb er auf Twitter: „Treffen am Abend beginnen oft draußen und enden drinnen.“

(1) Risiko besteht in Innenräumen: stimmt. Risiko besteht NUR in Innenräumen: falsch. Dropletinfektion draussen ergänzt Aerosolübertragung. Dazu: Treffen am Abend beginnen oft draussen und enden drinnen. Studien zeigen daher, erwartungsgemäss, das Ausgangsbeschränkugen wirken https://t.co/BKGY2mVEYt

Was empfehlen die Experten für drinnen?

Wer sich also drinnen mit Menschen trifft, sollte sich an mehrere Maßnahmen halten. Treffen sollten so kurz wie möglich sein, mit häufigem Stoß- oder Querlüften. Auch effektive Masken in Innenräumen zu tragen und Raumluftreiniger und Filter überall dort zu installieren, wo Menschen sich länger in geschlossenen Räumen aufhalten müssen, sei sinnvoll.

„Die Kombination dieser Maßnahmen führt zum Erfolg“, heißt es weiter. „Wird das entsprechend kommuniziert, gewinnen damit die Menschen in dieser schweren Zeit zugleich ein Stück ihrer Bewegungsfreiheit zurück.“

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