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Fast ganz Afghanistan ist von den Taliban besetzt. Nur ein berühmtes kleines Tal hält stand und startet sogar Gegenangriffe.

Fünf mal haben die Sowjets in den 1980er Jahren versucht, das Pandschirtal im Norden von Afghanistan zu erobern. Fünf mal wurden sie zurückgeschlagen, verloren Männer, Waffen und Hubschrauber – vernichtend geschlagen von Ahmad Schah Massud, dem Herrn des Tals. Sein Spitzname lautet bis heute: „Shir-i-Panjshir“ – „der Löwe des Pandschirtals“.

Pandschirtal in Afghanistan: in 40 Jahren Krieg niemals eingenommen

Kriegsherr Ahmad Shah Massud wird bis heute von vielen verehrt. Man sieht ihn rechts im Tweet, links daneben sein Sohn und Nachfolger Ahmad Massud:

#ريتوييت_لطفا مسعود در قالب پسرش برگشته است، او هرگز ما را تنها نمی گذارد. راه مسعود ادامه دارد. #مقاومت_پنجشیر https://t.co/YGsP2TrK45

Das legendäre Tal von Pandschir beginnt rund 50 Kilometer nordwestlich von Afghanistans Hauptstadt Kabul. Sein persischer Name lautet übersetzt: „Tal der fünf Löwen“.

Heute ist das Tal einer der letzten Orte Afghanistans, der noch nicht von den Taliban besetzt ist. Dorthin strömen im Moment offenbar viele, die den Kampf noch nicht aufgegeben haben - rund 10.000 Kämpfer bislang, schätzen Experten.

Auch die Taliban konnten das Pandschirtal nie erobern

Schon in den 1990er Jahren war das Pandschirtal die Zentrale der berühmten Nord-Allianz – der vereinigten innerafghanischen Front gegen die Taliban.

Auch heute wieder stoppt der ansonsten rasante Vormarsch der Taliban vor den Toren des Tals. Es ist der letzte Hort ihrer innerafghanischen Feinde. Angeblich greifen die mehrheitlich tadschikischen Kämpfer aus dem Pandschirtal sogar Nachbarprovinzen an, die die Gotteskrieger schon besetzt haben. Drei Distrikte haben sie zumindest vorübergehend erobert haben.

Afghanistans Ex-Vizepräsident: „Nie werde ich das Erbe meines Helden verraten“

Ihre Anführer kämpfen nicht nur gegen die Taliban, sondern auch für die Erhaltung der gerade untergegangenen Republik. Die wichtigste Leitfigur ist vermutlich Ahmad Massud, der 32-jährige Sohn des „Löwen“. Sein Vater war 2001, kurz vor den 9/11-Anschlägen, von islamistischen Selbstmordattentätern ermordet worden.

Massud kündigte am Sonntag an, er werde das Pandschirtal nicht aufgeben. Sollten die Taliban nicht verhandeln, sei Krieg „unvermeidlich“.

Unversöhnlicher Todfeind der Taliban

Neben Ahmad Massud stehen zwei berühmte Gefolgsleute seines Vaters: Der eine ist Amrullah Saleh, früherer Geheimdienstchef und zuletzt Vizepräsident Afghanistans. Tausende schwer bewaffnete Soldaten sollen mit ihm zusammen ins Pandschirtal geflüchtet sein, um sich dort neu zu formieren.

Forces under #AmrullahSaleh advancing towards Panjshir Valley. As per sources Amrullah Saleh forces attacked the Charikar District of Parwan Province on Aug 17-18. https://t.co/bWQDQEAU0N

Saleh gilt als unversöhnlicher Todfeind der Taliban und scheint zu allem bereit zu sein, um ihnen militärischen Widerstand entgegenzusetzen. Außerdem betont er in seinen Tweets, laut afghanischem Recht sei er nach der Flucht des Präsidenten jetzt selbst Präsident von Afghanistan.

Afghanistan

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Am Tag des Einmarsches der Taliban in Kabul twitterte Saleh: „Ich werde mich nie und nimmer und unter keiner Umständen den Taliban-Terroristen beugen. Und nie werde ich das Erbe meines Helden Ahmad Shah Massud verraten – Kommandeur, Legende und Anführer.“

I will never, ever & under no circumstances bow to d Talib terrorists. I will never betray d soul & legacy of my hero Ahmad Shah Masoud, the commander, the legend & the guide. I won't dis-appoint millions who listened to me. I will never be under one ceiling with Taliban. NEVER.

Widerstand in Afghanistan zwischen Diplomatie und Gewalt

Der andere ist der langjährige Außenminister Abdullah Abdullah. Er kämpft wie schon früher an der diplomatischen Front: Gemeinsam mit Ex--Präsident Hamid Karzai führt er Gespräche mit den Taliban – auch über seine Heimat, das Pandschirtal.

Langfristig könnte er der Mann werden, auf den es ankommt. Denn das Pandschirtal ist von den Taliban umzingelt. Womöglich müssten sie die Gegend lediglich abriegeln. Experten glauben, dass der Widerstand im Pandschirtal vor allem dazu dienen soll, Druck auf die Verhandlungen in Kabul zu erzeugen.

We met with the elders, religious scholars, representatives & commanders of Panjshir Province in my residence in Kabul. We discussed the current developments in the country, & ways of supporting peace & stability. https://t.co/RVE4WfIiyU

Ins Tal hineinkommen dürften sie allerdings auch weiterhin nicht. Im Moment sieht es eher umgekehrt aus. Der amerikanische Afghanistan-Reporter Bill Roggio vom bekannten Long War Journal hat am Freitag getwittert:

„Der Widerstand in Pandschir, den Amrulla Saleh leitet, ist noch lang keine Lösung, aber Afghanistans letzte Hoffnung. Er hat einen Riss im Panzer der Taliban entdeckt und drei Distrikte erobert.“

It has been a dark, dark week and several months. The resistance in Panjshir, led by @AmrullahSaleh2, is a long shot by far, but it is Afghanistan's last best hope. It found a chink in the Taliban's armor and took control of 3 districts in Baghlan and 1 in Parwan. https://t.co/eN7S05R7Cb

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 22. Oktober, 05:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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