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Christian Spöcker
Christian Spöcker (Foto: SWR3, privat)

Staatsanwälte wollen laut Bild Jan Marsalek ausgeliefert bekommen. Damit würde eine Geschichte mit einem Mix aus viel Geld, Spionen und internationaler Politik vor Gericht landen.

Deutsche Behörden haben einem Zeitungsbericht zufolge bei der Regierung in Moskau um Hilfe gebeten. So berichtet die Bild, noch vor Ostern habe die Münchner Justiz den Kreml darum gebeten, einen Mann festzunehmen und an Deutschland auszuliefern – und damit offenbar ausgerechnet jetzt, wo die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland wegen des Ukraine-Kriegs ohnehin auf dem Tiefpunkt sind. Dabei soll es sich nicht um irgendwen handeln, sondern um den ehemaligen Vertriebschef des insolventen Wirecard-Konzerns Jan Marsalek.

Er wird verdächtigt, beim Untergang des Münchner Unternehmens eine große Rolle gespielt zu haben. Behörden fahnden wegen mutmaßlichen Betrugs nach dem heute 42-jährigen Österreicher.

Wirecard gehörte in Deutschland mal zu den ganz Großen

Wirecard war einmal ein so großes deutsches Unternehmen, dass es sogar im DAX und damit sozusagen im Club der 30 größten deutschen Börsen-Unternehmen vertreten war (mittlerweile besteht der DAX aus 40 Unternehmen). Doch die Erfolgsgeschichte des Münchner Finanzdienstleisters, der auch durch Zahlungsdienstleistungen in der Porno-Branche groß geworden war, wurde mehrfach von öffentlichen Vorwürfen begleitet, bei Wirecard gehe es bei den internen Finanzen nicht mit rechten Dingen zu. Britische Journalisten bekamen für ihre Berichte selbst Probleme mit der deutschen Justiz, weil sie wegen ihrer Vorwürfe angezeigt wurden. Selbst deutsche Wirtschaftsprüfer hatten Wirecard in den Jahren vor der Pleite immer wieder ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Wirecard: Einer der größten deutschen Wirtschaftsskandale

Heute, nach der Wirecard-Pleite 2020, sind sich Ermittler sicher, dass der Österreicher Jan Marsalek und Kollegen aus der Wirecard-Chefetage über Jahre hinweg Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbuchten, um das Unternehmen über Wasser zu halten und sich Kredite zu erschleichen. Es geht um den Vorwurf der Bilanzfälschung im Umfang von mindestens 1,9 Milliarden Euro, weshalb das Thema Wirecard als einer größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte gilt.

Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters zu sehen. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sven Hoppe)
Die damalige Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Wirecard-Pleite war für viele Aktionäre unvorstellbar und ein Schock

Auch viele Privatanleger, die Aktien von Wirecard gekauft hatten, mussten mitansehen, wie ihre Wertpapiere durch die Pleite plötzlich so gut wie nichts mehr wert waren. Was sollte bei einem deutschen DAX-Unternehmen mit einem Ok der Wirtschaftsprüfer schon schiefgehen, hatten viele von ihnen gedacht und dabei teilweise auch auf Rendite für ihre Altersvorsorge gehofft. Ende 2021 scheiterten jedoch viele von ihnen mit Klagen gegen die aus ihrer Sicht mitschuldigen Wirtschaftsprüfer.

Dass Marsalek und weitere Wirecard-Entscheider wirklich betrogen und sich damit des Betrugs schuldig gemacht haben, ist derzeit nur ein Vorwurf, bis ein Gericht letztlich darüber entschieden haben wird.

Markus Braun, Ex-Geschäftsführer bei Wirecard (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Lino Mirgeler/dpa)
Markus Braun, Ex-Geschäftsführer bei Wirecard picture alliance/Lino Mirgeler/dpa

Im Herbst steht in München Marsaleks Kollege, der frühere Wirecard-Chef Markus Braun, vor dem Landgericht, ebenso wie zwei weitere ehemalige Wirecard-Manager.

Bericht: Marsalek hatte russisches Geheimversteck und Söldnerkontakte

Der heute 42-Jährige Marsalek ist dagegen seit dem Sommer 2020 und damit seit kurz nach der Pleite abgetaucht.

Ein Fahndungsaufruf auf einer Hamburger Leuchtreklame nach Jan Marsalek, Ex-Vertriebsvorstand des Dax-Konzerns Wirecard; im milliardenschweren Bilanzskandal bei Wirecard sollen philippinische Einwanderungsbeamte Reiseunterlagen Marsaleks gefälscht haben (Foto: dpa Bildfunk, Daniel Bockwoldt)
Ein Fahndungsaufruf auf einer Hamburger Leuchtreklame Daniel Bockwoldt

Glaubt man den Angaben der Bild-Zeitung, dann muss es sich bei seiner Flucht um Szenen gehandelt haben, die man ansonsten aus Agenten-Filmen kennt: Der Ex-Wirecard-Vorstand soll in einem Versteck bei Moskau untergekommen sein, das ihm der russische Geheimdienst bereitgestellt habe. Falls das stimmt, wäre eine Frage, warum russische Behörden einem flüchtigen Ex-Chef aus Deutschland Unterschlupf gewährten beziehungsweise immer noch gewähren – und warum, so ebenfalls ein Vorwurf der Bild-Zeitung, deutsche Behörden und sogar das Kanzleramt schon seit dem vergangenen Jahr von dem angeblichen Versteck wussten. Außerdem ist die Rede davon, Marsalek soll während seiner Zeit in Russland mit einer Söldnertruppe in Verbindung gestanden haben.

Wusste der BND von Marsaleks Versteck?

In der Woche vor Ostern seien schließlich Münchner Staatsanwälte nach Berlin gefahren, um beim Bundesnachrichtendienst (BND) geheime Marsalek-Akten einzusehen, berichtet die Zeitung. Darin sei auch ein früheres Angebot der russischen Behörden enthalten gewesen, wonach die deutschen Ermittler Marsalek verhören dürften.

BND-Zentrale in Berlin (Foto: dpa/picture-alliance)
BND-Zentrale in Berlin dpa/picture-alliance

Nun berichtet die Zeitung, die Münchner Behörde verlange aktuell von der russischen Justiz, Marsalek aus dem Versteck zu holen, in Haft zu nehmen und an die deutschen Behörden zu überstellen. Offenbar hoffen die Ermittler darauf, Marsalek genauso wie den früheren Wirecard-Chef Markus Braun in München vor Gericht stellen zu können.

Auf die Frage, ob die Angaben der Bild stimmen, teilte die Staatsanwaltschaft München I mit, man könne sich nicht zu Maßnahmen der internationalen Rechtshilfe äußern.

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Christian Spöcker (Foto: SWR3, privat)

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