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Geht's jetzt los? Der US-Arznei-Riese Pfizer hat zusammen mit dem Mainzer Unternehmen Biontech einen aussichtsreichen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt. Er elektrisiert die Corona-Bekämpfer – und könnte schon bald eingesetzt werden. Erst mal aber in den USA.

Gerade hatte die Bundesregierung entschieden, wie und wer geimpft werden soll, da schlug die Botschaft ein: Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech hat nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem US-Unternehmen Pfizer einen Impfstoff entwickelt, der einen 90-prozentigen Schutz gegen das Coronavirus bieten soll – und somit auch einen Schutz vor der Lungenkrankheit Covid-19.

Nebenwirkungen seien bislang nicht registriert worden, hieß es. Noch stammen sämtliche bekannten Informationen nur aus einer kurzen Mitteilung der Hersteller und noch sind eine ganze Reihe wichtiger Fragen offen. Doch in der kommenden Woche wollen beide Unternehmen die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragen.

Impfstoff-Deal zwischen EU und Biontech steht

Deutschland und die übrigen EU-Staaten kaufen bis zu 300 Millionen Dosen des vielversprechenden Corona-Impfstoffs der Firmen Biontech und Pfizer. Die EU-Kommission billigte am Mittwoch formal den Rahmenvertrag. Die beiden Firmen wollen noch dieses Jahr mit der Lieferung beginnen – vorausgesetzt, sie bekommen eine europäische Zulassung der Arzneimittelbehörde EMA.

Für Millionen Europäer ist dennoch weiter Geduld gefragt: „Selbst ein Impfstoff ist kein Patentrezept“ zum sofortigen Stopp der Pandemie, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Auch nach einer Zulassung laufen Produktion, Lieferung und Abgabe an die insgesamt 450 Millionen Europäer nur in Etappen. Solange gelte: „Es ist extrem wichtig, uns selbst und diejenigen in unserer Nähe zu schützen“, sagte Kyriakides. Auch Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) erwartet, dass erst ab Sommer 2021 flächendeckend Impfstoff bereit steht, wie sie der Augsburger Allgemeinen sagte. Der neue EU-Vertrag sieht den Kauf von 200 Millionen Impfstoffdosen von Biontech/Pfizer vor und die Option auf 100 Millionen weitere. Nach einer EU-Vereinbarung werden künftige Impfstoffe nach Bevölkerungszahl verteilt. Deutschland kann demnach aus diesem Rahmenvertrag mit knapp einem Fünftel der Menge rechnen – rechnerisch etwa 56 Millionen Einheiten. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte hingegen die Erwartung auf bis zu 100 Millionen Impfdosen geäußert.

Wann könnte die Lieferung beginnen?

Biontech teilte am Mittwoch mit, die Lieferung könnte Ende dieses Jahres beginnen, sollte sich der klinische Erfolg bestätigen und die behördliche Genehmigung vorliegen. Die Impfstoffdosen für Europa sollen in Deutschland und Belgien hergestellt werden. Der EU-Vertrag sei der bisher größte für Biontech und Pfizer, sagte Pfizer-Chef Albert Bourla.

Zuerst könnte der Impfstoff in den USA eingesetzt werden

Erstmals eingesetzt werden könnte der Impfstoff schon bald in den USA – nämlich als Notfallzulassung. Die wollen Biontech und das Partnerunternehmen für die Entwicklung, Pfizer, nun nämlich in den USA beantragen. Notfallzulassung bedeutet, dass ein Medikament – hier der Impfstoff gegen das Coronavirus – schon eingesetzt werden darf, obwohl längere Studien zur Sicherheit und Wirkung noch fehlen. Aber ist das sicher?

Wer wann wie viel Impfstoff bekommt, ist aber noch nicht klar. „Weil der Impfstoff bei -70 Grad gelagert werden muss und voraussichtlich erstmal nur in 60 großen Impfzentren gespritzt wird, wird es schätzungsweise eher Frühjahr oder Sommer werden, bis die ersten geimpft sind“, sagt SWR-Wissenschaftsredakteurin Ulrike Till. Bis alle Freiwilligen in ganz Deutschland geimpft sind, können allerdings bis zu zwei Jahre vergehen.

Trump bezieht Impfstoff-Nachricht ausschließlich auf sich

Einer ist allerdings stinksauer wegen der Impfstoff-Geschichte – und bezieht das alles ausschließlich auf sich: Noch-US-Präsident Donald Trump. Er glaubt, Pfizer habe absichtlich bis fünf Tage nach der Wahl gewartet, um den vermeintlichen Riesen-Erfolg bekannt zu geben und teilt das gleich in einer ganzen Reihe von Tweets mit.

„Die (US-Gesundheitsbehörde) FDA und die Demokraten wollten nicht, dass ich vor der Wahl eine großen Impfstoff-Erfolg habe – deshalb haben sie das fünf Tage später bekannt gegeben. Wie ich schon gesagt habe.“

The @US_FDA and the Democrats didn’t want to have me get a Vaccine WIN, prior to the election, so instead it came out five days later – As I’ve said all along!

Spahn: Wirkstoff aus Deutschland zuerst hier einsetzen

Spahn ließ ich davon aber offensichtlich nicht beeindrucken. Er sagte, sein Ziel sei es, zu erreichen, dass ein Impfstoff aus Deutschland nicht „zuerst in anderen Ländern zur Verfügung steht“. Auch von Biontech heißt es, die vorhandenen Dosen sollten „fair“ verteilt werden. Es werde nicht „ein Land alles erhalten“.

Sollte die Zulassung klappen, könnte der Impfstoff schnell auf den Markt kommen, sagt Clemens Wendtner, der Chefarzt der München Klinik Schwabing. „Wenn dieser Schritt erfolgen wird, könnte in der Tat bereits Ende 2020 eine Impfwelle anrollen.“ Die Ergebnisse die Biontech vorgestellt hat, seien ein „Silberstreifen an dem sonst so düsteren Horizont“.

Der Virologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine in New York nannte die Bekanntgabe des 90-Prozent-Schutzes die „beste Nachricht“ für ihn seit Beginn der Pandemie.

Dear World. We have a vaccine! Best news since January 10. https://t.co/KtQCHcCc3Y

Welche Fragen sind noch offen?

Biontech und Pfizer haben bisher keine Details zu den infizierten Probanden veröffentlicht. Das heißt, wir wissen noch nicht, ob der Impfstoff vielleicht Jüngere besser schützt als alte Menschen. Oder ob Menschen mit Vorerkrankungen optimal geschützt sind. Das sind wichtige Daten, die bald geliefert werden müssen.

Aber Biontech-Chef Sahin hat im Interview mit dem SWR gesagt, dass mehr als die Hälfte der Probanden über 65 waren – deshalb geht er davon aus, dass die hohe Wirksamkeit auch für Senioren gilt.

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 22. Oktober, 05:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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