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Nicht zuletzt Corona hat für ein Rekordjahr bei der Fahrradbranche gesorgt. In Baden-Württemberg sind die Regale vieler Händler leer und sogar Reparatur-Termine sind schwer zu kriegen. Noch schlechter sieht es aber für Schnäppchenjäger aus.

Wolfgang Renner geht durch sein riesiges Lager in Magstadt (Kreis Böblingen) und blickt in gähnende Leere. Dort, wo sonst Tausende von Fahrrädern auf ihre Auslieferung zum Händler warten, steht gerade kein einziger Karton in den Hochregalen. „Eine solche Situation habe ich aber noch nicht erlebt“, sagt Renner.

Mehr als fünf Millionen Fahrräder sind 2020 in Deutschland verkauft worden, das ist ein Plus von fast 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, berichtet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Allein E-Bikes machen dabei fast 39 Prozent aus. Und der Trend hält in diesem Frühling ungebremst an – so stark, dass dem Handel im Sommer die Fahrräder ausgehen könnten. Es habe einen regelrechten Run auf klassische Fahrräder, E-Bikes, Ersatzteile und Zubehör gegeben, teilten Händler aus Baden-Württemberg sowie der Zweirad-Industrie-Verband mit.

Plötzlich wollten alle raus mit dem Fahrrad

Raus in die Natur anstatt zu Hause im Lockdown, nicht im engen Bus oder der überfüllten Bahn sitzen, wo das Infektionsrisiko höher sein kann und kaum Möglichkieten zum Verreisen – all das hat dazu geführt, dass Corona den Trend zum Radfahren 2020 bei prächtigem Fahrradwetter beschleunigte. Nach und nach wurden die Lager der Hersteller leergeräumt.

Das Infektionsrisiko ist im öffentlichen Nahverkehr, dem baden-württermbergischen Verkehrsminister zufolge, gleich groß wie mit dem von Auto- oder Radfahrern.  (Foto: Imago, imago images/ITAR-TASS)
Imago imago images/ITAR-TASS

Corona hat Lieferketten für Fahrrad-Bauteile unterbrochen

Als die Pandemie im März 2020 Europa überrollte, wütete das Coronavirus längst schon in Asien und unterbrach die Lieferketten dort, wo das Herz der weltweiten Fahrradproduktion schlägt. Als in Deutschland aber die Fahrradläden nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durften, „wurden sie geradezu überrannt“, erklärt Renner.

Schnäppchen bei E-Bikes und Co. sind Mangelware

Wer derzeit vorhat, ein Fahrrad zu kaufen, muss Leidensbereitschaft mitbringen. Vor allem, wenn es ums Thema Schnäppchen geht. Denn daran bräuchten die Kunden schon gar nicht zu denken, sagt Peter Litterst, der Geschäftsführer von Link Rad Quadrat, einem großen Fahrradhandel in Gengenbach (Ortenaukreis). Im Gegenteil: „Die Hersteller erhöhen jetzt schon die Preise, weshalb Fahrräder im Laufe des Jahres wohl um mindestens zehn Prozent teurer werden.

Auch Ersatzteile werden langsam knapp

Noch gibt es in den meisten Fahrradläden Räder und Ersatzteile. Gut möglich aber, dass sie bald ausgehen. Und wann Nachschub kommt, wissen die Händler nicht. Experten rechnen selbst für das kommende Jahr noch nicht mit einer Entspannung der Lage. Manche Bremsen oder Schaltungen haben bereits jetzt Lieferzeiten von mehr als 500 Tagen. Und nicht immer bekommt ein Kunde konkret das, was er sich vorstellt: Der Händlerverband Verbund Service und Fahrrad (VSF) spricht dabei von einer „gewissen Knappheit“ und der Möglichkeit, dass am Ende zwar jeder Kunde ein gutes Rad finde, nicht aber jeder von ihnen auch „jedes Rad in jeder Farbe“.

Zweirad-Industrie-Verband: Situation wird noch Monate andauern

Die Fahrradbranche hat derzeit weltweit Wachstumsraten von mehr als 30 Prozent“, sagt Bernhard Lange vom ZIV, der auch geschäftsführender Gesellschafter bei Shimano Deutschland ist. Selbst kühnste Optimisten hätten damit nicht geplant. Die Lage werde wohl noch Monate so andauern, aber man werde die Probleme lösen, ist sich Lange sicher.

Er freut sich, dass das Thema Radfahren auch bei den Stadtplanern angekommen ist. Seiner Meinung nach, werden die Städte so lebenswerter. Er sieht goldene Zeiten für die Branche: „Das Fahrrad hat die beste Zukunftsperspektive, die es jemals hatte.

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