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Stefan Troendle
Stefan Troendle (Foto: SWR3)
Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)

Clan-Kriminalität sei ein Riesenproblem, das nicht mehr totgeschwiegen werden dürfe, sagt NRWs-Innenminister Reul nach der Schießerei in Duisburg. Über die Hintergründe und was die Politik damit zu tun hat, lest ihr hier.

Es klingt wie eine Filmszene: Mitten in der Stadt schießen die Rockergruppe Hells Angels und ein türkisch-arabischer Clan aufeinander. Genau das ist aber auf dem Hamborner Altmarkt in Duisburg am Mittwochabend passiert. Rund 100 Menschen sollen an dem Tumult beteiligt gewesen sein. Auf verwackelten Twitter-Videos sind Schüsse im Sekundentakt zu hören. Am Ende sind mindestens vier Personen zum Teil schwer verletzt. Worum es ging weiß man nicht – Verteilungskämpfe oder ein Streit um die Familienehre sind aber gut möglich.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) findet drastische Worte. Er spricht von schockierenden Bildern und dass Clan-Kriminalität keine PR-Erfindung, sondern ein Riesenproblem sei, „dass die Menschen besonders im Ruhrgebiet in Angst und Schrecken versetzt“.

Unsere Kollegen vom WDR fassen in diesem Video-Beitrag nochmal zusammen, was passiert ist.

Doch was bedeutet Clan-Kriminalität, woher kommt sie, wie groß ist das Problem und was tut Deutschland überhaupt dagegen? Einer, der sich damit auskennt, ist Oliver Huth, NRW-Landesvorsitzender beim Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Was ist Clan-Kriminalität?

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hat Clan-Kriminalität so definiert:

Clankriminalität ist die Begehung von Straftaten durch Angehörige ethnisch abgeschotteter Subkulturen. Sie ist bestimmt von verwandtschaftlichen Beziehungen, einer gemeinsamen ethnischen Herkunft und einem hohen Maß an Abschottung der Täter, wodurch die Tatbegehung gefördert oder die Aufklärung der Tat erschwert wird. Dies geht einher mit einer eigenen Werteordnung und der grundsätzlichen Ablehnung der deutschen Rechtsordnung.

Folgende Punkte weist Clan-Kriminalität häufig dabei auf:

  • Eine patriarchalisch-hierarchisch geprägte Familienstruktur
  • Mangelnde Integrationsbereitschaft
  • Räumlich konzentriert (in bestimmten Städten, Stadtteilen)
  • Provozieren von Eskalationen auch bei geringen Anlässen
  • Die Möglichkeit schnell als größere Gruppe aufzutreten und dadurch bedrohlich zu wirken.

Wie groß ist das Problem der Clan-Kriminalität?

Clan-Kriminalität sei kein relevantes Problem sondern ein virulentes Problem, sagt Huth. Jährlich legt das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen nun einen Lagebericht vor. Huth sagt, es sei wissenschaftlich bewiesen, dass man sich um das Problem kümmern müsse. Jedes fünfte Strafverfahren gegen die organisierte Kriminalität hat in NRW auch einen Bezug zur Clan-Kriminalität, schreibt die Polizei.

Wie konnte das Problem der Clan-Kriminalität so groß werden?

Die Clan-Kriminalität sei von der Politik vernachlässigt worden, sagt Huth. „Sie wurde nicht thematisiert, weil man Angst hatte, dass wenn man das Thema anpackt, man Personengruppen stigmatisiert.“ Das habe sich jetzt aber mit Innenminister Herbert Reul (CDU) geändert.

„Ein Problem das Jahre gewachsen ist, verflüchtigt sich nicht über Nacht. Wir kriegen diese #Kriminalität klein - Stück für Stück, mit kleinen Schritten, mit #NullToleranz. Wir lassen nicht nach, wir halten den Druck aufrecht“, so Minister Reul zur #Schießerei in #Duisburg. https://t.co/ZpTyjyOdlj

Huth erklärt: In den Clan-Familien gibt es viele Mehrfach-Tatverdächtige – also Personen, die in kurzen Zeiträumen mehrere größere Straftaten begehen. Ein wichtiger Faktor soll dabei die Familie spielen, sagt der Ermittler. „Normal ist eine Familie ein Haltepunkt im Leben und in der Sozialisation. Und hier ist es so, dass Familie Straftaten begünstigt und zu Straftaten auch überredet und anleitet.“ Das sei das gleiche wie bei der Mafia, wo Kinder in bestimmte Familienstrukturen hineingeboren werden. Die Familie begünstige Straftaten, überrede dazu und steuere diese. In den Familien gäbe es ein eigenes Norm- Wertesystem – willentlich abgekoppelt von der demokratischen Entwicklung.

Den ganzen Beitrag zum Anhören gibt es hier.

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Nachrichten SWR3-Topthema: Clankriminalität – „Blick in eine Parallelwelt“

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Clan-Kriminalität hat auch mit (gescheiterter) Integration zu tun

Wir haben auch diese Personen nicht integriert. Sie hatten jahrelang einen fragilen Aufenthaltsstatus“, sagt Huth. Als die Menschen in den 80er-Jahren nach Deutschland kamen, habe man sie nicht als Kriegsflüchtlinge, sondern als Wirtschaftsflüchtlinge betrachtet, erklärt Islamwissenschaftler Ahmad A. Omeirate. Man habe gehofft, dass sich das Problem von alleine „aussitzt“ und die Menschen wieder gehen. Wirkliche Integrationsmaßnahmen habe es nicht gegeben. Sogar die Schulpflicht für diese Kinder sei ausgesetzt worden. Dass solche Fehleinschätzungen der ideale Nährboden für die Entstehung von Parallelgesellschaften sind, ist ziemlich offensichtlich. „Der Staat hat es vernachlässigt, diesen Menschen die Hand zu reichen, frühzeitig zu intervenieren, Integrationskonzepte anzubieten“, ergänzt Huth.

Doch auf der anderen (politischen) Seite steht die schon angesprochene Angst vor der Stigmatisierung der Menschen – oder auch der als Ausländerfeind dazustehen. Omeirate sagt, dass dieses Lager die Menschen teils als „engelsgleiche Wesen“ betrachtet habe. Kriminelle Strukturen und Parallelgesellschaften seien so ignoriert oder wegdiskutiert worden. Die Betroffenen hätten diese vermeintliche Toleranz als Schwäche empfunden und ihre eigenen Regeln etabliert, fasst Ahmed Senyurt, der im Clanmilieu recherchiert hat, zusammen.

Der dritte Punkt sind die damals nicht gesteuerten Migrationsströme. Was ebenfalls wieder mit einer gewissen politischen Ignoranz zu tun hat. Viele Menschen, die damals nach Deutschland kamen, hätten einfach die Städte aufgesucht, in der schon Personen aus ihrem Kulturkreis wohnten, erklärt Huth. Die hätten sich dann auch darum gekümmert, dass Dinge wie der Gang zum Amt möglich waren – also um die tägliche Lebens-Unterstützung.

Die Politik hat weggeguckt, und das ist das Ergebnis.

In unserem Podcast, „Der Gangster, der Junkie und die Hure“ sprechen wir unter anderem mit Maximilian Pollux, der wegen Gewaltverbrechen 10 Jahre im Gefängnis saß. Hier berichtet er, wie er in die Kriminalität abgerutscht ist.

GJH Staffel 1 (Foto: SWR3)

Der Gangster, der Junkie und die Hure Wieviel ist ein Menschenleben wert? – Max' Habgier

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Was wird gegen Clan-Kriminalität unternommen?

In Nordrhein-Westfalen versucht die Polizei nun zum Beispiel mit großen Programmen und einem Dauerfeuer aus Razzien und vernetzten Kontrollen des Problems Herr zu werden.

Schulen, Sozialträger, Polizei, Justiz treffen sich regelmäßig zu einer Sicherheits-Konferenz um das Problem ganzheitlich anzugehen. Es geht um Prävention schon in der Familie, Aussteigerprogramme für die, die raus aus der Kriminalität im Clan wollen. Aber auch Repressionen, Strafen und der Aufforderung sich der Mehrheitsgesellschaft anzupassen, sich zu integrieren und eben keine Parallelgesellschaft aufzubauen. „Der Staat kann nicht nur zugucken und geben, sondern er muss auch Forderungen stellen, die umgesetzt werden. Das muss alles Hand in Hand gehen,“ fasst Huth zusammen.

Es ist nicht die Nationalität, die Sprache, sondern es ist der Kulturkreis, das Wertesystem und natürlich das Ansinnen der Familie, wie man mit Kriminalität und mit den Kinder umgeht. Das sind eigentlich die Themen, die auf den Tisch müssen.

Aber, und auch das betont Huth: „Die Polizei kann tatsächlich nur dann aktiv werden, wenn Politik auch unterstützt.“ In Nordrhein-Westfalen will man das nun angehen. Mit Blick auf die Vorfälle von Mittwochabend scheint der Weg aber noch lang zu sein.

Unsere Kollegen von SWR1 haben mit den Spiegel-TV-Reportern Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer über die kriminellen Machenschaften dieser Clans gesprochen. Im Video erzählen sie von den Ursachen der Kriminalität und was ihrer Meinung nach dagegen getan werden kann.

SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 7. Juli, 12:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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