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Björn Widmann (Foto: SWR3)

Im Südosten von Großbritannien geht eine neue Variante des Coronavirus um. Angeblich ist sie viel ansteckender als das bisher bekannte Coronavirus. Was ist dran an den Meldungen? Das ist bisher bekannt.

Seit einigen Wochen breitet sich im Südosten von England eine neue Variante des Coronavirus aus. Die Mutation sei um einiges ansteckender als die ursprüngliche Variante, gegen die die Welt schon seit einem Jahr kämpft.

Seit der Nacht auf Montag gilt deswegen in Deutschland zwar ein Landeverbot für Flugzeuge aus Großbritannien. Trotzdem sind viele Passagiere mit Maschinen zum Beispiel aus London schon vor Inkrafttreten des Landeverbotes in Deutschland angekommen.

Keine Fluggäste aus England im Südwesten positiv getestet

Auf den Flughäfen in Stuttgart und Karlsruhe/Baden landeten am Sonntag zwei Maschinen aus England. Alle knapp 300 Passagiere und Crew-Mitglieder an Bord wurden nach der Ankunft getestet. Ein positiver Befund war nicht dabei.

Am Flughafen in Hannover wurde dagegen ein Fluggast aus einer Maschine aus Großbritannien Corona-positiv getestet. Es sei bisher aber noch nicht klar, ob sich der Passagier mit der neuen, hochansteckenden Variante infiziert hat. Dazu liefen Tests, der betroffene Fluggast und seine Begleitpersonen seien in eine Quarantäneeinrichtung gebracht worden, teilte die Region Hannover mit.

Was ist bisher über die neue Variante des Coronavirus bekannt?

Die mutierte Form des Virus soll um einiges ansteckender sein als das bisherige Sars-Cov-2-Virus. Der britische Premierminister Boris Johnson warf am Wochenende eine Zahl in den Raum: Die neue Form sei bis zu 70 Prozent ansteckender als die bekannte Form.

Der Virologe Christian Drosten zweifelt, dass dieser Wert wissenschaftlich belegt sei: „Diese Zahl ist einfach so genannt worden.“ Politiker würden solche Zahlen nennen, Medien nähmen sie auf. „Plötzlich steht so ein Wert im Raum – 70 Prozent – und keiner weiß überhaupt, was damit gemeint ist.“ Eine Mutation bringe dem Virus auch nicht zwingend einen Vorteil, schrieb Drosten auf Twitter.

Die B.1.1.7-Linie hat zwei evtl. verstärkende und eine wohl abschwächende Mutation (ORF8). Weitere unklare Mutationen. Ursprungsvirus/Mutante noch nicht im Labor verglichen. Verbreitung kann Zufall sein, nicht zwingend Selektionsvorteil, aber möglich. In D bisher nicht gesehen. https://t.co/gn6xl2Xrl3

Auch der Virologe Martin Stürmer ist skeptisch, was den 70-Prozent-Wert angeht. Stürmer ist Virologe, Leiter eines Medizinlabors und Lehrbeauftragter für Virologie an der Universität Frankfurt. Er sagte SWR3: „Wir müssen jetzt erst mal abwarten, ob da nicht noch andere Faktoren eine Rolle spielen.“

Drosten: Neue Virusvariante wahrscheinlich schon in Deutschland

Unabhängig davon geht Drosten davon aus, dass das mutierte Virus schon in Deutschland angekommen ist. Drosten sagte im Deutschlandfunk: „Dieses Virus ist ja jetzt gar nicht so neu. Davon darf man sich jetzt wirklich nicht irgendwie aus der Ruhe bringen lassen.“

Seit September sei es in England im Umlauf. Im Oktober sei es aber trotzdem noch nicht im Fokus gewesen. „Wir wissen jetzt: Es ist schon in Italien, in Holland, in Belgien, in Dänemark – sogar in Australien. Warum sollte es nicht in Deutschland sein?“

In Australien wurde das neue Virus im Norden von Sydney nachgewiesen. Das Virus dort breite sich sehr schnell aus, teilte die Regierung des Bundesstaates New South Wales mit. Mittlerweile seien 83 Menschen in der Region „Northern Beaches“ mit der neuen Variante des Coronavirus infiziert.

Drosten wegen neuer Virusvariante nicht „so sehr besorgt“

Zur neuen Virusvariante sagte Drosten: „Ich bin darüber nicht so sehr besorgt im Moment. Ich bin allerdings auch – genau wie jeder andere – in einer etwas unklaren Informationslage.“ Die bisher bekannten Fakten seien noch lückenhaft, das würden Wissenschaftler aus Großbritannien auch so sehen.

„Die sagen auch, sie müssen zumindest mal noch bis diese Woche warten, bis ein paar vorläufige Datenanalysen abgeschlossen sind, um überhaupt zu sagen, dass der Verdacht, den sie da äußern stimmt.“ Bis jetzt sei auch noch nicht klar, ob die neue Virus-Variante für die vielen Infektionen verantwortlich sei, „oder ist das so, dass einfach lokal Übertragungsmechanismen zum Tragen gekommen sind, die auch jedes andere Virus hochgespült hätte.“

Neue Coronavirus-Variante soll keine Auswirkungen auf Impfstoff haben

Dass die neue Variante des Coronavirus Auswirkungen auf die Wirkung der Impfung haben könnte, glaubt Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel aber nicht. „Ich sehe da derzeit keinen Grund für Alarm.“

Auch Andreas Bergthaler von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) in Wien hält die Entwicklung nicht für „wahnsinnig alarmierend“. Dass Mutationen auftauchen, sei nicht ungewöhnlich. Zurzeit wisse man nicht einmal, ob die Veränderungen am Virus überhaupt entscheidende Auswirkungen auf die Eigenschaften des Erregers haben.

Dass sich die neue Viren-Variante schneller ausbreite, sei aber grundsätzlich plausibel, sagt Neher. Wenn sich das bestätige, seien deutlich schärfere Maßnahmen nötig, um die Ausbreitung einzudämmen. Es sei aber auch denkbar, dass die schnelle Ausbreitung des neuen Virus Zufall sei und möglicherweise auf ein Superspreading-Event zurückgehe.

Was unterscheidet das neue vom bisherigen Virus?

Britische Wissenschaftler haben festgestellt, dass die neue Variante ungewöhnlich viele genetische Veränderungen aufweise – vor allem im Spike-Protein, also den namengebenden Stacheln auf dem Virus. Weil das Virus unter dem Mikroskop so ähnlich aussieht wie eine Krone, gaben ihm Wissenschaftler schon vor Jahren den Namen „Corona“ – spanisch für Krone.

Das Spike-Protein braucht das Virus, um in die menschlichen Zellen einzudringen. „Was man derzeit nicht weiß ist, ob irgendeine dieser Mutationen zu Veränderungen des Virus führt“, sagte Bergthaler. Veränderungen könnten die Übertragbarkeit des Virus betreffen oder den klinischen Verlauf der Erkrankung.

Mutationen könnten Wirksamkeit eines Corona-Impfstoffes beeinflussen

Theoretisch können Mutationen auch die Wirksamkeit des Impfstoffes beeinflussen – der zielt nämlich genau auf das Spike-Protein. Ändert sich dessen Aufbau, könnte das Immunsystem auch nach einer Impfung blind für den Erreger sein. So ist zumindest die theoretische Überlegung.

Allerdings löst der zurzeit eingesetzte Corona-Impfstoff eine Immunreaktionen gegen das gesamte Spike-Protein aus, sagte der schweizer Wissenschaftler Neher. „Selbst wenn eine Mutation vorhanden ist, verhindert dies nicht die Erkennung durch das Immunsystem.“ Einfach gesagt: Einzelne Mutationen reichen nicht aus, um das komplexe Immunsystem auszutricksen.

Trotzdem muss man Impfstoffe immer wieder anpassen. Zum Beispiel Grippe-Impfstoffe. Eine Anpassung des in Großbritannien eingesetzen Corona-Impfstoffes ist nicht schwer. Die neuartigen mRNA-Impfstoffe enthalten keine vollständigen Viren, sondern nur eine genetische Bauanleitung für ein Virus-Protein. Diese Bauanleitung lässt sich relativ schnell an einen neuartigen Erreger anpassen.

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Björn Widmann (Foto: SWR3)

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