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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Wieder mal ein Streit um „kulturelle Aneignung“ und Rassismus. Diesmal geht es um die Familie von Häuptling Winnetou. Klar, dass da die Gemüter hochkochen.

„Der junge Häuptling Winnetou“ – die Geschichte ist ein Spinoff der Karl-May-Bücher. Winnetous Sohn muss darin mit seinem weißen Freund Tom Abenteuer bestehen. Seit Anfang August läuft der Film in den Kinos.

Wer aber das Buch dazu kaufen will, geht leer aus: Wegen des Vorwurfs der „kulturellen Aneignung“ sowie rassistischer Vorurteile hat der Ravensburger Verlag das Buch vor knapp zwei Wochen zurückgezogen. Auch ein Buch für Leseanfänger dazu wird nicht mehr verkauft.

Der @RavensburgerBVL Verlag hat die #Kinderbücher "Der junge Häuptling #Winnetou" aus dem Programm genommen. Ravensburger reagierte damit auf Vorwürfe, dass in den Büchern rassistische Stereotype über Ureinwohner Amerikas wiedergegeben werden sollen. https://t.co/9lXH86twti

Ravensburger: „Haben mit Winnetou-Titeln Gefühle anderer verletzt“

Vorausgegangen waren der Entscheidung wohl Proteste in den Social Media. Dabei ging es um Vorwürfe einer überholten Darstellung der Kultur indigener Völker bis hin zum „romantisierten Völkermord“.

Am 11. August hatte Ravensburger dann genug und zog die Bücher zurück. Die Begründung des Verlags: „Euer Feedback hat uns deutlich gezeigt, dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben. Das war nie unsere Absicht und das ist auch nicht mit unseren Ravensburger Werten zu vereinbaren. Wir entschuldigen uns dafür ausdrücklich.“

Auf SWR3-Anfrage führt der Verlag den Grund für den Verkaufsstopp weiter aus:

Typische Reaktion auf Ravensburger-Entscheidung: „Völlig verrückt“

Die Reaktionen sind erwartbar: Seit dem Ravensburger-Rückzug fallen vor allem auf Twitter viele über den Verlag und seine „woken“ Kritiker her.

„Völlig verrückt“, so Presserechts-Anwalt Carsten Brennecke:

Völlig verrückt: #Ravensburger nimmt #Winnetou-Kinderbuch für 7 -jährige aus den Programm, in dem ein (neudeutsch) "amerikanischer indigener Ureinwohner" eine echte Freundschaft mit einem weißen Jungen hat. Die Kritik: Das beinhalte „Romantisierung von Völkermord, reproduziere...

Der Medienanwalt Ralf Höcker ruft rundweg zum Ravensburger-Boykott auf:

Wenn @RavensburgerBVL #Winnetou cancelt, dann cancle ich jetzt eben Ravensburger. Ich habe drei kleine Kinder. Den Umsatzverlust wird der Verlag verkraften. Aber wenn viele mitmachen, werden die schon merken, dass sie vollkommen irre geworden sind. https://t.co/mPgs8A5axY

Der USA-Korrespondent des ZDF, Elmar Theveßen, gibt zu bedenken:

Lieber #Ravensburger -Verlag, ich kann den Inhalt des Winnetou-Spiels nicht beurteilen, was aber den Begriff „Indianer“ angeht: Die meisten Stämme in den USA finden die Begriffe „American Indian“ oder „Indigenous American“ besser als alle anderen Bezeichnungen,…

Doch es gibt in den sozialen Netzwerken auch Menschen, die die Vorwürfe grundsätzlich überdenken. So Elim Garak in diesem Tweet zu Karl May im Allgemeinen:

@RABrennecke @AlexSchaumburg In seinen Romanen spricht May von „edlen Wilden“, was ich persönlich als „romantisierenden Rassismus“ bezeichnen würde. Er spielt sich als der aufgeklärte Erklärbär auf, der niemanden töten will, aber kein Problem hat, feindliche „Indianer“ zu verkrüppeln. 2/

Experte zu Winnetou-Entscheidung: „Angst der Marketingabteilung“

Der Potsdamer Kunstpädagoge und Karl-May-Experte Andreas Brenne kritisiert den Ravensburger Verlag für seine Entscheidung: „Ich halte es für nicht richtig, ein solches Buch nur aufgrund eines Shitstorms aus dem Verkehr zu ziehen“, hat Brenne der Neuen Osnabrücker Zeitung, wie auch SWR3 gesagt.

Karl-May-Fachmann Andreas Brenne im SWR3-Interview (SWR3 Sommerradio, 22. August 2022, 16 Uhr) über das Buch und den Film:

Mika Ullritz (l) als Winnetou und Milo Haaf als Tom Silver in einer Szene des Films „Der junge Häuptling Winnetou“. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Leonine | -)

Nachrichten „Karl May ist einer, der den Finger auf die Wunde legt“

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Der Verlag hätte sich vor diesem Schritt von Experten für das Werk Karl Mays und das Genre des Kinder- und Jugendbuches beraten lassen sollen. Hier habe wohl die Angst der Marketingabteilung des Verlages, das Haus könne in Verruf kommen, das Vorgehen diktiert.

Nach Brennes Worten ist das Buch unbedenklich, weil ja schon in einer Vorbemerkung klargestellt werde, dass es als fiktive Geschichte und nicht als sachgerechte Darstellung des Lebens indigener Völker zu verstehen sei.

Auch SWR3-Redakteur Klaus Sturm tut sich schwer mit der Ravensburger-Entscheidung. Seine Meinung: Man könnte es doch ganz entspannt sehen, denn Winnetou ist nur Fiktion:

Die Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache hält die Rassismusvorwürfe dagegen für gerechtfertigt. Sie sagt, dass diese Bücher eingeordnet und kommentiert werden müssen. Es muss deutlich gemacht werden, wo das Problem liegt.

SWR Aktuell-Moderator Andreas Herrler hat mit Heidrun Kämper gesprochen:

Die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Heidrun Kämper (Foto: dpa Bildfunk, Leibniz Institut für Deutsche Sprache)

Sprachwissenschaftlerin "Rassistische Klischees sind nicht akzeptabel"

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Völkermord ein „zentrales Motiv bei Karl May“

Der Wissenschaftler und Karl-May-Experte Andreas Brenne warnt davor, den Vorwurf der kulturellen Aneignung unreflektiert zu generalisieren. „Schon das Verkleiden als Indianer gilt dann als rassistischer Akt“, kritisierte Brenne, der zugleich Karl May (1842-1912) selbst gegen den Vorwurf des Rassismus und Kolonialismus in Schutz nahm.

Der Vorwurf gegen den Klassiker der Wildwestliteratur, er habe den Völkermord an den indigenen Völkern Nordamerikas ignoriert, sei falsch. In den 1893 publizierten Winnetou-Romanen werde das ja geschildert. „Das ist ja gerade ein zentrales Motiv bei Karl May“, präzisierte Brenne, der im März 2023 an der Universität Potsdam eine Fachtagung zum Thema Karl May und kulturelle Aneignung ausrichtet.

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