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Vor einem Jahr verlor die 18-jährige Dicle aus Freiburg ihren Vater an Corona, kurz davor ihre Mutter an Krebs. SWR3-Reporter Nils Dampz hat eine junge, sehr starke Frau kennengelernt, die nur eines nicht verstehen kann: Warum unterschätzen manche immer noch dieses Virus?

Vom ersten Fieber bis zum letzten Herzschlag hat es keine 14 Tage gedauert. „Er wollte nicht ins Krankenhaus“, erinnert sich Dicle. Viel habe die damals 17-Jährige verdrängt, an die letzten Stunden erinnert sie sich aber ganz genau.

April 2020, die erste Welle. Dicles 63-jähriger Vater hat Fieber. Hohes Fieber. „Wir haben alles probiert, Hausmittel, Medikamente, nichts hat funktioniert“. Er will nicht ins Krankenhaus, vielleicht auch weil er Angst hatte, vermutet Dicle. Angst, sich mit diesem neuen Virus angesteckt zu haben.

Denn er ist Risikopatient, hatte Vorerkrankungen. Sein älterer Sohn „zwingt“ ihn dann in die Klinik. Wenige Tage ist er ansprechbar, die Ärzte versetzten ihn bald ins künstliche Koma. Die Lungen arbeiten nicht mehr richtig.

Wir konnten nicht da sein, weil wir auch infiziert waren.

Dicle und ihre Brüder wissen nicht wo, aber sie haben sich auch infiziert. Kein dramatischer Verlauf. Das Schlimmste: sie können ihren Vater nicht besuchen. Die Klinik meldet sich, ihrem Vater gehe es schlechter. Mit Ablauf der Quarantäne geht's sofort ins Krankenhaus in Baden-Baden.

Er hat noch gelebt, er hat uns gehört, davon bin ich überzeugt. Keine 10 Minuten nachdem wir da waren, hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Wenigstens ist er nicht allein gestorben.“

Für den Vater die Schule geschwänzt

Dicles Mutter stirbt 2019 an Krebs. Die Monate danach seinen für sie und ihren Vater eine intensive, schöne und gemeinsame Zeit gewesen. Beide verreisen, entwickeln gemeinsame Interessen, Dicle schwänzt sogar immer wieder die Schule, um mehr Zeit mit ihrem Vater verbringen zu können. „Ich konnte schöne Erinnerungen sammeln, die mir jetzt helfen.“

Dicle aus Freiburg hat ihren Vater durch Corona verloren (Foto: imago images, Imago)

Nachrichten Dicle: "Haben uns neu entdeckt"

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Hilfe in einer Jugendtrauergruppe

Ein Mal monatlich besucht Dicle eine Jugendtrauergruppe in Baden-Baden. Die ehrenamtlichen Betreuerinnen haben ihr geholfen der Trauer was entgegenzusetzen, genauso wie der Austausch mit Gleichaltrigen, die Ähnliches erleben mussten.

Dicle lebt mittlerweile in Freiburg bei Onkel, Tante und deren beiden Kindern. Journalistin möchte sie werden, aktuell besucht sie ein kaufmännisches Berufskolleg. Ihre Eltern seien immer noch da, sagt sie, „ich empfange Kraft und ich liebe mein Leben, so wie es jetzt ist. Alles passiert aus einem Grund – ich bin so gespannt auf die Zukunft.“

Wir leben hier zusammen. Jeder muss was dafür tun.

Nur eins versteht sie nicht - nach all den Monaten Pandemie, nach den vielen Toten auf der Welt. Wie es immer noch Menschen geben kann, die die Maßnahmen gegen das Virus nicht ernst nehmen.

Vielleicht begreifen es manche Menschen erst dann, wenn jemand im engsten Kreis infiziert wird. Das wünsche ich niemandem. Passt auf euch auf, passt auf uns auf. Wir leben hier zusammen. Jeder muss was dafür tun.“  

Nachdem wir den Artikel und den Social-Media-Post zu Dicles Geschichte bei Facebook und Instagram veröffentlicht haben, gab es neben vielen positiven und unterstützenden Beiträgen leider auch viele Nachrichten, in denen sie persönlich beleidigt und angefeindet wurde. Nicht nur unter unseren Postings, sondern auch auf ihren privaten Social-Media-Accounts.

Um Dicle zu schützen, haben wir uns in der Redaktion dazu entschieden, die Beitrage zu bearbeiten, zu anonymisieren bzw. zu löschen. Um transparent in einem neuen Post zu erklären, was passiert ist. Wir freuen uns auf allen Kanälen immer über sachliche und auch angeregte Diskussionen und auch Meinungen, aber rassistische, diskriminierende und beleidigende Kommentare können und wollen wir auf unseren Kanälen nicht tolerieren.

Dicle hat ihren Vater durch Corona verloren (Foto: imago images, Imago)

Nachrichten Dicle hat ihren Vater durch Corona verloren

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 16. Oktober, 14:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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