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Katja Kipping, die Chefin der Linken, sieht die Corona-Krise als Chance in Deutschland die Vier-Tage-Woche einzuführen. Aber: Wie realistisch ist der Vorschlag?

Kipping forderte in einen Interview, dass man die Corona-Pandemie zum Anlass für eine flächendeckende Einführung einer Vier-Tage-Arbeitswoche nehmen sollte. Ihr Argument: Eine 30-Stunden-Woche mache glücklicher und produktiver. Die Vier-Tage-Woche würde auch den Unternehmen helfen, weil ihre Mitarbeiter weniger Fehler machen würden und seltener krank seien.

Welche Gründe sprechen dafür - und welche dagegen? SWR-Hauptstadtkorrespondent Uwe Lueb ist der Meinung, eine kürzere Arbeitswoche ist eine erstrebenswerte Vision. SWR-Hauptstadtkorrespondentin Nina Barth findet die Idee absolut unrealistisch.

4-Tage-Woche: Pro und Contra im Video

Idee: Kurzarbeitergeld als Anschubfinanzierung

Als Anschubfinanzierung könne ein neues Kurzarbeitergeld dienen, sagte Kipping der Rheinischen Post. Ein Jahr lang sollten Unternehmen bei verkürzter Arbeitszeit einen Zuschuss bekommen, um einen Lohnausgleich zu zahlen, erklärte die Linken-Politikerin weiter.

Katja Kipping, Parteivorsitzende der Linken, fordert Vier-Tage-Woche in Deutschland (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa)
Katja Kipping, Parteivorsitzende der Linken picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa

Nach dieser einjährigen staatlichen Förderung soll Kippings Vorschlag zufolge die Vier-Tage-Woche oder ein Arbeitszeitmodell mit höchstens 30 Stunden dann in einem Tarifvertrag beziehungsweise einer Betriebsvereinbarung geregelt werden. 

Kipping: Vier-Tage-Woche für mehr Gleichberechtigung

Eine Vier-Tage-Woche könne auch für mehr Gleichberechtigung sorgen, weil sich Paare seltener entscheiden müssten, wer für die Kinder kürzer trete, so die Linken-Parteichefin.

Die Vier-Tage-Woche macht Beschäftigte glücklicher, gesünder und produktiver.

Kipping sieht die Veränderung und Kürzung der Arbeitszeiten allerdings nicht nur als Geschenk an die Arbeitbenehmer. Auch Arbeitgeber könnten von einer höheren Produktivität profitieren. Wenn Mitarbeiter weniger Fehler machten, motivierter und seltener krank seien, hätte das Unternehmen Vorteile, hieß es in der Erklärung.

Wie realistisch ist der Vorschlag?

Neu ist der Vorschlag einer Vier-Tage-Woche nicht – er trifft allerdings offensichtlich gerade einen Zeitgeist. „Viele Leute wollen weniger und vor allem auch flexibler arbeiten“, erklärt SWR-Wirtschaftsredakteurin Geli Hensolt. Corona habe auch gezeigt, dass das bei vielen möglich sei. „Aber die Situation ist für viele Betriebe momentan wirtschaftlich so unsicher, dass sie ein Projekt wie die Vier-Tage-Woche wohl gerade nicht angehen werden“, so Hensolts Einschätzung.

Auch die Finanzierung durch den Bund, wie Kipping es vorgeschlägt, sieht Wirtschafts-Expertin Hensolt kritisch. „Das Kurzarbeitergeld wird finanziert von der Bundesagentur für Arbeit. Weil momentan so viele Menschen in Kurzarbeit sind wie nie, sind die Ausgaben dafür sowieso schon entsprechend hoch.“ Auch sonst gebe der Staat wegen der Corona-Krise gerade viel Geld aus. „Dass man da noch einmal etwas drauflegt für eine Vier-Tage-Woche, kann ich mir nicht vorstellen“, so Hensolt.

Arbeitsmarktforscher: Schuss könnte auch nach hinten losgehen

Arbeitsmarktforscher Stefan Sell von der Hochschule Koblenz hat Zweifel an der Theorie, dass kürzere Arbeitszeiten automatisch glücklicher machen. Er sagte im SWR, in Berufen mit hohem Anforderungsprofil könne er sich eine Erhöhung des Glücksgefühls vorstellen.

Aber: „Es kommt darauf an, wozu die Arbeitszeitverkürzung führt. Wenn Sie zwar quantitativ weniger arbeiten, gleichzeitig aber in der geringeren Arbeitszeit eine höhere Produktivität erbringen müssen, weil die Aufgaben faktisch erhöht werden, dann kann das sogar ein Schuss sein, der nach hinten losgeht.“ In Deutschland gebe es zwar eine große Erfahrung mit flexibler Arbeitszeit. Eine Aussage „gut oder schlecht“ lasse sich aber nicht treffen. 

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Radionachrichten 28. Juli, 02:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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