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Björn Widmann
Björn Widmann (Foto: SWR3)

Die Gruppe Fridays For Future hatte eine Musikerin mit Dreadlocks erst ein- und dann wieder ausgeladen – weil sie als weiße Frau Dreadlocks trägt. Das steckt hinter der Kritik.

Die Gruppe Fridays For Future hatte bei Musikerin Ronja Maltzahn angefragt, ob sie bei einer Demo in Hannover auftreten will – ihr dann aber wieder abgesagt. Die Kritik von Fridays For Future: „Dreadlocks bei weißen Menschen sind eine Form der kulturellen Aneignung“, schrieb FFF der Musikerin zur Begründung. Der Post auf Instagram ist mittlerweile gelöscht.

Fridays For Future bekommt schwere Vorwürfe zu hören

Ronja postete die Absage auf Instagram. Darauf musste sich die Fridays For Future-Gruppe in Hannover unter anderem vorwerfen lassen, rassistisch zu sein. Dabei legte Ronja großen Wert darauf, mit den Aktivisten in den Dialog zu gehen – und eben keinen Shitstorm loszutreten.

Das sagte sie auch nochmal in einem Video, in dem sie Stellung bezog. „Ich fand es sehr schade, dass wir ausgeladen wurden“, sagte Ronja. Sie erzählte, dass sie schon mit einer Vertreterin der Aktivisten telefoniert habe und man sich bei ihr für den unsensiblen Tonfall der Ausladung entschuldigt habe – vor allem für die Aussage, dass sie spielen dürfe, wenn sie ihre Haare schneidet.

Was meint Fridays For Future mit „kultureller Aneignung“?

Die Diskussion in den sozialen Medien dreht sich vor allem um den Begriff „kulturelle Aneignung“. Was ist damit genau gemeint? Die Aktivisten meinen einen Teil der politischen Geschichte der Dreadlocks – oder Rastalocken – wie Dreadlocks auch genannt werden. Dieser Begriff geht auf die Rastafari-Bewegung in Jamaika in den 1930er Jahren zurück.

Jamaika: Dreadlocks sind für Rastafari eine Lebenseinstellung

Damals bildeten die Rastafari eine Minderheit innerhalb der sozialen Unterschicht auf der Insel. Die Rastafari glaubten, dass Haile Selassie, der letzte Kaiser von Abessinien – dem heutigen Äthiopien – der Messias sei. Als Selassie nach dem italienisch-äthiopischen Krieg 1936 aus dem Land floh, schworen seine Anhänger, ihre Haare natürlich wachsen zu lassen, bis der Kaiser wieder auf dem Thron sitzt.

Die Rastafari glaubten auch, dass ihnen die verfilzten Haare Stärke und Macht verleihen würden. Diese Annahme geht auf die Geschichte von Samson aus dem Buch der Richter im alten Testament zurück. Demnach trug Samson sieben Locken als Zeichen der göttlichen Stärke. Er verlor seine Kräfte, nachdem ihm seine Geliebte Dalila die Locken abschnitt.

Dreadlocks waren Zeichen gegen Kolonialisierung

Die Rastafari trugen ihre Dreadlocks aber auch aus einer politischen Haltung heraus. In den 1930er Jahren war Jamaika noch eine Kolonie Großbritanniens. Die Rastafari wollten sich mit ihren Dreadlocks ganz bewusst von den Engländern unterscheiden.

Die Dreadlocks entsprachen ganz und gar nicht dem Schönheitsideal der britischen Besatzer Jamaikas. Für die weiße Oberschicht waren die Rastalocken der einfachen Rastafari abstoßend und bedrohlich. Daher stammt auch der Begriff Dreadlocks: Dread bedeutet übersetzt Furcht. Die Engländer fürchteten sich vor den Rastafari.

Nicht zuletzt durch den Erfolg von Reggae-Legende Bob Marley, der selbst auch Dreadlocks trug, wurde die Frisur schnell in der ganzen Welt bekannt.

Warum es immer wieder Kritik an weißen Menschen mit Dreadlocks gibt

Fridays For Future kritisierte bei Musikerin Ronja Maltzahn, sie würde sich die Dreadlocks kulturell aneignen. Soll heißen: Weiße Menschen mit Dreadlocks eigneten sich den Teil einer anderen Kultur an, „ohne die systematische Unterdrückung dahinter zu erleben“.

Mit dieser Kritik steht Ronja nicht alleine da: Auch Lady Gaga, Justin Bieber oder Miley Cyrus trugen schon Dreadlocks – und wurden dafür kritisiert. In der Punk- und Metal-Szene sind Dreadlocks Teil der Identität von Bands wie Korn. P.O.D. oder In Flames. Für sie sind die Dreadlocks ein Zeichen der Rebellion gegen geltende Traditionen.

Dreadlocks sind nicht immer Zeichen der Unterdrückung

Dabei sind Dreadlocks nicht zwangsläufig mit der Unterdrückung und Diskriminierung von schwarzen Menschen verbunden. Die Filzlocken gibt es schon seit tausenden von Jahren in ganz verschiedenen Kulturen.

Schon die Priester der Azteken trugen in der Zeit vor Kolumbus verfilzte Locken. Sie waren ein Erkennungsmerkmal der Azteken-Priester. In Indien werden Dreadlocks schon seit mehr als 3000 Jahren getragen: Die Gottheit Shiva und ihre Anhänger, die Sadhus, tragen die verfilzten Haare. Für die Sadhus sind sie ein direkter Bund mit Shiva.

Selbst im Islam sind Dreadlocks keine Seltenheit. Die Derwische, die Angehörigen des Sufismus, einer asketisch-religiösen Strömung im Islam, tragen Dreadlocks. Sie gelten als bescheiden und diszipliniert.

Dreadlocks waren im 17. Jahrhundert sogar in Europa in

Und selbst in Europas Königshäusern wurden im 17. Jahrhundert Dreadlocks getragen. König Christian IV. von Dänemark litt an einer Hautkrankheit, die seine Haare verfilzen ließ. Um dem König zu gefallen, trugen die Menschen an seinem Hof ebenfalls Dreadlocks.

Wenn man also die Geschichte der verfilzten Haare in der Gesamtheit betrachtet, sind Dreadlocks also eindeutig eine religiöse Erscheinung. Erst vor knapp 100 Jahren wurde durch die Rastafari-Bewegung in Jamaika auch eine politische Erscheinung daraus.

Interessant zu wissen wäre jetzt: Aus welchem Grund trägt Ronja Maltzahl Dreadlocks? SWR3 hat bei ihr angefragt, bisher aber noch keine Antwort bekommen.

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