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Fast eine Million Menschen sind im Nordwesten Syriens auf der Flucht. Die humanitäre Lage ist dramatisch. Aber worum geht es im Syrien-Konflikt eigentlich? Und: Was wollen die einzelnen Akteure?

In dem umkämpften syrischen Rebellengebiet um die Stadt Idlib herrscht momentan Waffenruhe – darauf hatten sich die Schutzmächte Türkei und Russland geeinigt. Die Vereinbarung war eine Reaktion auf die Eskalation in der Region in den vergangenen Wochen.

Eine Eskalation, die zur Zeit wieder vermehrt dazu führt, dass Menschen aus Syrien flüchten – viele von ihnen in die Türkei. Schon jetzt sollen in Istanbul bis zu einer Million Flüchtlinge leben. Manche legal, manche illegal. Nach UN-Angaben sind seit Dezember fast eine Million Menschen vor Angriffen, Kämpfen und den heranrückenden Truppen der Regierung in Richtung türkischer Grenze geflohen.

„Fremd im eigenen Land“

SWR-Türkei-Korrespondentin Karin Senz berichtet, dass in manchen Stadtteilen vor allem die konservativen Syrer das Stadtbild prägen. Das heißt: starke Verschleierung und arabische Schilder. Immer wieder höre man von Türken deshalb, sie fühlten sich schon fremd im eigenen Land. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bedeutet das einen steigenden innenpolitischen Druck.

„Es geht um Terrorismus“

Der Sprecher von Erdoğans Regierungspartei, Ömer Celik, erklärt, was die Türkei eigentlich in der Region will: „den Terrorismus bekämpfen“.

Eigentlich war das Regime gar nicht in unserem Visier. Aber es hat sich durch Angriffe auf unsere Verbände und die Tötung türkischer Soldaten zur Zielscheibe gemacht. Auch Russland haben wir da nicht in Visier. Im Gegenteil – wir verhandeln mit Russland, und wir einigen uns.

Ömer Celik, Sprecher von Erdoğans Regierungspartei

Diese Verhandlungen mit Russlands Präsident Wladimir Putin sind allerdings nicht immer ganz einfach. Bei einem Treffen im Januar betonte Erdoğan noch, die beiden „Nachbarländer Türkei und Russland werden auch in der kommenden Zeit zwei entschlossene Weggefährten bleiben“. Doch keine zwei Monate nach dieser Aussage warnte er Putin scharf, Russland solle sich ihm in der Region Idlib nicht in den Weg stellen.

Syrien ist Erdoğan ein Dorn im Auge

Eins ist sicher: Syrien entzweit die selbsternannten Weggefährten regelmäßig, denn im Konflikt stehen die beiden Staaten auf unterschiedlichen Seiten. Russland unterstützt in dem Konflikt den syrischen Machthaber Baschar al-Assad und bezeichnet in der Regel alle Gegner Assads als Terroristen – die Türkei unterstützt dagegen aktiv Rebellen, die gegen Assad kämpfen. Dementsprechend definieren beide Parteien unterschiedlich, wer „Terroristen“ in der Region sind – und wen es zu bekämpfen gilt.

Wer will was?

Unterm Strich haben beide Staaten Angst um ihre Sicherheit: Moskau will die Einheit Syriens bewahren, denn eine Destabilisierung der Region könnte der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) helfen. Der Türkei ist dagegen vor allem die Kurdenmiliz YPG im Norden Syriens nahe der türkischen Grenze ein Dorn im Auge. Das Land betrachtet die YPG als Verbündeten der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK, die wiederum für mehr Autonomie in der Türkei kämpft. Seit ein paar Jahren verwalten sich die Kurden im Nordosten Syriens selbst. Die Türkei sieht dadurch ihre Sicherheit gefährdet.

Außerdem fordert Erdoğan auch immer wieder Hilfe vom Westen, zum Beispiel wenn es um Hilfe für Geflüchtete geht, die auf syrischer Seite an der Grenze zur Türkei ausharren. Zuvor hatte der Präsident schon seine Drohung wahrgemacht, die Grenze zur EU für Flüchtlinge zu öffnen. Griechische Polizisten und Soldaten hindern seitdem Tausende Menschen daran, die Grenze zu überqueren.

Erdoğans Sprecher Ibrahim Kalim sagte dazu, man habe sich immer bemüht, die Flüchtlingsströme in die EU aufzuhalten – allerdings seien die Kapazitäten der Türkei nun ausgeschöpft.

Was will die EU?

In der EU nimmt man das offenbar anders wahr: EU-Haushaltskommissar Johannes Hahn hat weitere Finanzhilfen an die Türkei an Bedingungen geknüpft. Er erwarte, dass die Türkei mit ihrer „erpresserischen Politik“ aufhöre, sagte er der Zeitung Die Welt. Die EU sei dann auch bereit, weiteres Geld zur Unterstützung der Flüchtlinge bereitzustellen.

Die EU rief die Türkei und Russland außerdem dazu auf, humanitärer Hilfe ungehinderten Zugang zu der Region zu gewährleisten. Zudem müssten alle Beteiligten dafür sorgen, dass die Waffenruhe halte und die Zivilbevölkerung geschützt werde, hieß es am Freitag nach einem Syrien-Krisentreffen der EU-Außenminister in Zagreb.

Militärisch will man sich allerdings weiter raushalten, weshalb der Konflikt weiterhin ein Stellvertreterkonflikt mit den Strippenziehern Russland und Türkei bleibt.

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