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Sie kamen aus den Schützengräben und feierten miteinander im Niemandsland: Deutsche, Briten und Franzosen verbrüderten sich Heiligabend 1914. Am Ende musste sogar die eine oder andere Schnapsleiche vom Feind bis vor die eigenen Gräben zurück eskortiert werden.

Diese Geschichte kann man immer wieder erzählen - sie ist eine der außergewöhnlichsten in dem alten Menschheitsdrama um Krieg und Frieden. Und sie macht Hoffnung, wie kaum eine andere. Denn irgendwann im Laufe des Heiligabend 1914 – knapp fünf Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs – geschahen an der Westfront außergewöhnliche Dinge.

Eine Welt aus kaltem Schlamm und Toten

Dabei war die Welt, in der Soldaten aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich an diesem Weihnachtsmorgen erwachten, gerade erst im Stellungskrieg erstarrt: Niedrige Temperaturen, Regen, kalter Schlamm und das Dauerfeuer der Scharfschützen prägten die Szenerie.

Kälte und Tod: deutsche Soldaten im Dezember 1914. (Foto: Imago, imago images / Schöning)
Kälte und Tod: deutsche Soldaten im Dezember 1914. Imago imago images / Schöning

Und Tote: „Die Toten waren überall“, berichtete der ehemalige britische Hauptmann Valentine  Williams 20 Jahre später in einem Artikel für die New York Times. „Die Toten der zurückliegenden Monate, die Toten der vergangenen Woche, die Toten der letzten Nacht – armselige Figuren, wie Vogelscheuchen mit bleichen Gesichtern und Händen … Es gab Leichen, die in die Brüstungen der Gräben eingebaut waren. Sie drangen aus dem schlürfenden Morast hervor, und lagen zwischen den Füßen der Männer in den Gräben.“

Kerzen und aufklappbare Weihnachtsbäumchen

Vor allem deutsche Soldaten sollen es gewesen sein, die dann plötzlich am Weihnachtsabend Kerzen und aufklappbare Tannenbäumchen auf den Brüstungen ihrer Laufgräben aufstellten. Die Armeeführung hatte sie zu Zehntausenden an die verschiedenen Frontabschnitte verschickt, um die Stimmung zu heben.

„Engländer, kommt raus, kommt zu uns“

Was dann geschah, war spontan – und geschah an vielen Frontabschnitten gleichzeitig: Nach und nach, oft noch vorsichtig und mit dem Gewehr im Anschlag, entstiegen zuerst Deutsche ihren Gräben, wünschten ihren „Feinden“, die oft nur 30 Meter entfernt lagen, frohe Weihnachten und forderten sie auf, zu ihnen ins Niemandsland zwischen den Fronten zu kommen.

Der britische Rekrut Frederick Heath berichtet: „Sie riefen: ‚Engländer, kommt raus, kommt zu uns‘. Einen Moment lang waren wir noch vorsichtig und antworteten nicht einmal. Die Offiziere argwöhnten einen Hinterhalt und befahlen uns, still zu sein. Aber hier und da entlang der Frontlinie antworteten schon die Ersten auf die Weihnachtsgrüße des Feindes. Wie konnten wir der Aufforderung widerstehen, uns Frohe Weihnachten zu wünschen – selbst dann, wenn wir uns gleich darauf wieder an die Kehle gehen würden? Also fingen wir an, zu den Deutschen zurückzurufen. Dabei hatten wir die Hände schussbereit auf unseren Gewehren… Doch nicht ein Schuss wurde in dieser Nacht mehr abgegeben.“

1. Weihnachtsfreiertag 1914: Deutsche und britische Offiziere stehen friedlich rauchend im Niemandsland zwischen den Schützengräben beieinander. (Foto: Imago, imago images / United Archives)
1. Weihnachtsfreiertag 1914: Deutsche und britische Offiziere stehen friedlich rauchend im Niemandsland zwischen den Schützengräben beieinander. Imago imago images / United Archives

Der Film „Merry Christmas“ von 2005 mit Diane Kruger, Benno Führmann und Daniel Brühl schildert eine der vielen Szenen in wunderbarer Weise (hier in der englischen Version):

Marmaduke Walkington, der als Soldat an einem anderen Abschnitt hundert Meter von den Deutschen entfernt war, berichtet: „Wir sangen auf beiden Seiten Weihnachtslieder. Dann riefen wir und die Deutschen uns Sachen zu, teils Witze, teils Obszönitäten.

Irgendwann rief ein Deutscher in gebrochenem Englisch herüber: ‚Engländer! Morgen ihr nix schießen, wir nix schießen!“ Am Morgen hätten sich dann die Ersten vorsichtig und immer wieder zurückzuckend aus den Gräben gereckt und sich dann zugewunken.

Dann ging die Party los: Irgendwann kamen an vielen Stellen Soldaten beider Seiten aus ihren Gräben, rufend und winkend. Immer mehr strömten ins Niemandsland, verbrüderten sich, boten sich Zigaretten und Schnaps an, machten sich kleine Geschenke, verständigten sich mit Händen und Füßen und rissen gutmütige Witze über die andere Seite: „England kaputt“, johlten Deutsche.

Briten fragten süffisant, wo eigentlich die deutsche Kriegsflotte bleibe, die Kaiser Wilhelm so großartig angekündigt hatte. Manche tauschten sogar Namen und Adressen aus.

„Die Tapferen. Welch eine Schande“

Verfeindete Offiziere standen beieinander, unterhielten sich und ließen ihre Männer feiern oder Tote bergen.

Williams berichtet, wie ein deutscher Offizier zusah, als Briten britische Gefallene eines gerade zurückliegenden Angriffs einsammelten: „Da stand er, neben seinem britischen Gegenpart, mit Tränen in den Augen, und sagte auf Französisch zu ihm: ‚Die Tapferen. Welch eine Schande.‘“

Mindestens drei Fußballspiele sind dokumentiert

Offenbar geschah das an vielen Frontabschnitten in Flandern, wo sich vor allem Deutsche und Briten gegenüberlagen. Doch selbst an manchen Sektoren in Frankreich, wo der Hass zwischen den Gegnern noch größer war, wurde mancherorts Champagner und Schnaps getrunken und Geschenke ausgetauscht – an manchen Stellen an Heiligabend, an manchen am ersten Weihnachtsfeiertag.

Selbst von der Ostfront in Russland werden derartige Szenen berichtet. Allerdings waren sie dort schon deshalb seltener, weil die russisch-orthodoxen Soldaten ihrerseits erst am 6. Januar Weihnachten feierten.

Mindestens drei spontane Fußballspiele sind zwischen den Gegnern an der Westfront dokumentiert. An einem beteiligten sich Dutzende Soldaten beider Seiten, rangelten in kleinen Duellen um den Ball oder kickten ihn einfach wild von einer Seite der Front auf die andere.

Feldgeistlicher drückt beim Abseits beide Augen zu

Bei einem anderen Match, das nach den Regeln ausgetragen wurde, machte ein britischer Feldgeistlicher den Schiri. Am Ende übersah er wohl in christlicher Milde ein deutsches Abseits. Nur deshalb hätten die Deutschen 3:2 gewonnen, betonten die Briten später.

Insgesamt sollen sich mehrere zehntausend Mann aller drei Nationen an den verschiedenen Verbrüderungsszenen beteiligt haben.

Betrunkener Deutscher wollte nicht in den eigenen Schützengraben zurück

Am Ende gingen wieder alle in ihre Gräben zurück. Die eine oder andere Schnapsleiche landete dabei auf der falschen Seite und wurde fürsorglich durchs Niemandsland zu den eigenen Linien zurück eskortiert.

Eve H. Williams, damals Offizier, berichtet von einem glücklich betrunkenen Deutschen, der überhaupt nicht mehr gehen wollte: „Erst, als wir ihm sagten, wir müssten ihn offiziell gefangen nehmen, wenn er jetzt nicht gehe, sagte er: ‚Oh Gott, was? Nein.‘ Er wollte aber immer noch nicht los. Irgendwann griffen wir ihn zu zweit unter den Armen und brachten ihn bis zum deutschen Stacheldraht.“

Selbst das Ende des Weihnachtsfriedens war respektvoll

Der Frieden hielt unterschiedlich lang: An manchen Frontabschnitten nur wenige Stunden, an anderen bis ins neue Jahr hinein. Doch selbst als die Kämpfe wieder losgingen, war man noch zu Großmut und gegenseitigem Respekt geneigt:

Der Hauptmann einer Kompanie der Royal Welch Fusiliers stieg auf die Brüstung, schoss drei Mal in die Luft und hielt eine Flagge hoch. Auf der stand: „Merry Christmas“. Sein deutsches Gegenüber, ein Hauptmann von Sinner, stieg dann auf seine eigene Brüstung und hielt ebenfalls eine Flagge hoch: ‚Thank you‘.

Die beiden Offiziere grüßten einander militärisch und verbeugten sich dann voreinander. Dann schoss von Sinner seinerseits zwei Mal in die Luft – die militärische Losung der Deutschen für den Kampfbeginn – und stieg zurück in seinen Graben.“ Danach war wieder Krieg.

Ab jetzt waren die Generäle auf der Hut

Für die Generalstäbe roch der „Weihnachtsfrieden“ nach Revolte. Fortan zogen sie andere Saiten auf: Jegliche „Verbrüderung“ wurde unter Androhung härtester Strafen verboten. Selbst über das Niemandsland hinweg gerufene harmlose Gespräche, konnten jetzt als „heimlicher Feindkontakt“ geahndet werden.

Doch noch oft kam es anschließend zu großherzigen Akten des „Leben und Lebenlassens“, des absichtlichen Wegsehens und Vorbeischießens, der ritualisierten Kampfhandlungen, die in Wahrheit darauf abzielten, den Gegner zu schonen, ohne dabei einen Befehl nachweisbar zu verweigern.

Doch eine solche „Love-Parade“ der Truppen wie an Weihnachten 1914, wussten die Generalstäbe in den kommenden Jahren zu verhindern. Das eine Mal hatte ihnen gereicht. Erst knapp vier Jahre und rund 20 Millionen Tote später, kam das Töten des Ersten Weltkriegs zum Stillstand.

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