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INTERVIEW
Stefan Scheurer
ONLINEFASSUNG
Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic (Foto: SWR3)

Gut gemacht bei Putin: Verhandlungsexperte Matthias Schranner stellt dem Bundeskanzler ein gutes Zeugnis aus, aber Putin hat das beste Pokerface. Was geht da vor sich und was passiert hinter den Kulissen?

Herr Schranner, wie läuft's aus Ihrer Sicht bei den Verhandlungen?

Schranner: Aus Verhandler-Sicht sind wir kurz vor der ultimativen Eskalation. Es braucht noch mehr Stress, es braucht noch mehr Druck, um eine Einigung wirklich herbeizuführen.

Hier das Interview mit Matthias Schranner schauen!

Wie hat sich Olaf Scholz denn geschlagen?

Schranner: Ich gebe ihm eine Schulnote 2, er hat es gut und souverän gemacht. Er hat sich als jemand positioniert, der auf Augenhöhe verhandeln kann. Den Seitenhieb auf der Pressekonferenz hätte er sich verhandlungstechnisch sparen können (Anm. der Red.: Olaf Scholz sagte auf der Pressekonferenz, dass beide, Putin und er, in ihrer Amtszeit ein Beitrittsersuchen der Ukraine nicht mehr sehen würden, allerdings wisse er ja nicht, wie lange Putin gedenke, im Amt zu bleiben). So ein Seitenhieb kann in zwei Richtungen aufgenommen werden, einmal als deeskalierend, aber eben auch als persönlicher Angriff nach dem Motto „wir warten jetzt mal, bis du weg bist“, aus verhandlungstechnischer Sicht viel zu gefährlich.

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Welche Note bekommt Putin?

Schranner: Putin bekommt von mir eine klare 1, verhandlungstechnisch hat er alles richtig gemacht. Er ist wieder auf der großen Bühne angekommen und hat strategisch alle Trümpfe in seiner Hand.

Als Scholz bei Putin reingekommen ist: Wie muss man sich das vorstellen? Smalltalk, Kaffee und Kuchen?

Schranner: Also es gibt in der Politik ein wichtiges Gesetz: Man ist sehr freundlich in der Öffentlichkeit – aber sehr klar, wenn die Türen zu sind. Die haben sicher ein zwei Sätze Smalltalk gemacht und dann haben sich die beiden ganz klar gesagt, was sie erwarten, was geht und was nicht geht. Hinter geschlossenen Türen ist man eben brutal ehrlich. In der Pressekonferenz demonstriert man Gemeinsamkeiten und den Willen zur Einigkeit.

Wir waren ja alle von dem großen Tisch beeindruckt, hatte der was zu bedeuten?

Schranner: Eine Verhandlung hat immer mit Macht zu tun und mit Signalen der Macht. Ein wichtiges Signal ist beispielsweise, dass die Leute immer zu ihm nach Moskau fahren müssen. Ein anderes Signal ist dieser Tisch um zu zeigen: „Wir sind weit auseinander und ich bestimmt hier die Regeln“. Dann sein mürrisches Gesicht, das signalisiert: „Ich will eigentlich nicht mit dir reden, aber ich höre es mir halt mal an.“

Wie gut stellt sich denn der Westen an?

Schranner: Der Westen verhandelt sehr ungeschickt, weil es keine gemeinsame Linie gibt. Die EU findet überhaupt nicht statt, ist nicht eingeladen. Präsident Biden ist geschwächt im eigenen Land, er tritt nicht auf als jemand, der als Weltmacht Russland gegenübertritt. Der Westen macht einen sehr schlechten Job zur Zeit. Er müsste klar machen, in welcher Rolle er auftritt: Bin ich Verhandlungsführer oder bin ich Vermittler. Da fast alle Länder in der Nato sind, muss er als Verhandlungsführer auftreten. Und erst, wenn die Fronten total verhärtet sind, dann ist es Zeit für einen Vermittler, zum Beispiel ein OSZE-Gremium oder ein neutrales Land wie die Schweiz, um zwischen den Fronten zu vermitteln.

Sind das eigentlich außergewöhnliche Verhandlungen?

Schranner: Putin hat ein perfektes Pokerface. Und er verbirgt seine wahren Absichten. Was er verhandlungstechnisch geschaffen hat: Fakten. Nach dem Motto: „Ich habe die Panzer an die Grenze gestellt, und wenn ihr meine Forderungen nicht erfüllt, dann könnte ich jederzeit das Go geben“. Und genau das macht es verhandlungstechnisch so interessant, denn es gibt kein Ultimatum, denn die Zeit liegt hier in der Hand von Putin.

Also Putin hält der Ukraine die Pistole an die Schläfe und verhandelt. Hat das Ähnlichkeiten zu einer Geiselnahme?

Schranner: Nein, die Geiselnahme ist anders, denn die wird aus einer Emotion heraus geführt, aus einer oft aussichtslosen Situation. Putin dagegen hat das Ganze jahrelang vorbereitet, das wist orchestriert, und er hat die Fäden in der Hand. Es ist eine sehr strategische und taktische Verhandlungsführung.

Hat sich Putin denn schon entschieden?

Schranner: Das weiß man nicht, weil er die Verhandlung sehr gut spielt. Er verheimlicht sehr viel und zeigt sehr viel Ungewisses. Was man sieht ist, dass er noch verhandelt. Was man nicht sieht, ist was tatsächlich im Hintergrund passiert, welche Linien in der Diplomatie vielleicht auch zum Erfolg führen könnten.

Wie geht's weiter im Ukraine-Konflikt?

Schranner: Ich denke, Putin wird das Ende der Olympischen Spiele abwarten, weil er sicher nicht möchte, dass während der Olympischen Spiele ein Krieg entflammt und der Fokus von den Olympischen Spielen zum Krieg geht – es wäre eine Demütigung für den chinesischen Präsidenten. Er wird abwarten, und am Tag nach den Olympischen Spielen wird sich das ganze entscheiden.

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