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Kira Urschinger (Foto: SWR3)

Medien berichten von einer jungen Frau in Indien, die 17 Jahre lang einen toten Zwilling in ihrem Bauch getragen haben soll. Kann das sein? Ist das möglich? SWR-Wissenschaftsredakteurin Veronika Simon hat sich den Bericht der behandelnden Ärzte angeschaut und schätzt die Meldung ein.

Sie hatte jahrelang Schmerzen, der Bauch war geschwollen und wuchs immer weiter: Bei einer 17-Jährigen aus Indien fanden Ärzte einen wissenschaftlich besonderen und sehr seltenen Grund für ihre Beschwerden: In ihrem Bauch wucherten Zellen von ihrem fehlentwickelten Zwilling, die sie bereits im Mutterleib in sich aufgenommen hatte.

Zu Beginn einer Schwangerschaft können zwei Eizellen befruchtet werden oder eine befruchtete Eizelle kann sich in zwei Zellen teilen: So entstehen Zwillinge – wenn alles gut geht. In extrem seltenen Fällen kann es passieren, dass während der Entwicklung von dem einen Embryo Zellen in den anderen wandern.

Aus eingewanderten Zellen entstehen Gewebe wie Haare

Während der Schwangerschaft reift dann nur ein gesundes Kind heran: Die eingewanderten Zellen des zweiten Zwillings können sich nicht mehr richtig entwickeln, sie verbleiben in dem überlebenden Kind. Aus den Zellen entsteht kein vollständiger Mensch mehr, sie können sich aber noch teilen und zum Beispiel Haare, Zähne oder Gliedmaße ausbilden.

Im Fall der 17-Jährigen aus Indien entstand so eine circa 30 Zentimeter lange und 16 Zentimeter breite Masse, die aus verschiedenen Geweben wie Knochen oder Fett bestand. Die Ärzte konnten sie in einer Operation vor zwei Jahren entnehmen, die Patientin hat seitdem keine Beschwerden mehr.

„Fetus in fetu“: meistens schon früher Beschwerden

Auch wenn die junge Frau 17 Jahre lang Gewebe von einem Embryo in sich trug: Mit einer Schwangerschaft hat dieses Phänomen nichts zu tun, Mediziner nennen es „Fetus in fetu“ – und es ist extrem selten. Man schätzt, dass es bei einer von 500.000 Geburten vorkommt. Weltweit sind weniger als 200 Fälle bekannt.

Der Fall aus Indien ist aber auch besonders, weil es sich bei der Patientin um eine Jugendliche handelt. Meist haben betroffene Kinder schon sehr früh Beschwerden wie Bauchschmerzen und die fremden Zellen können herausoperiert werden. Es gibt nur sieben weitere Fälle, in denen Jugendliche oder Erwachsene betroffen waren – und das waren bisher alles Männer.

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