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Ein neuer Fall von Kindesmissbrauch und Kinderpornografie aus Münster hat für Entsetzen gesorgt. Was bisher bekannt ist und wie die Bundesregierung reagiert hat.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen hat am Freitag massenhaft kinderpornografisches Material sichergestellt, aufgenommen mit hochprofessioneller Technik. Die Filme, die damit gedreht wurden, waren im Darknet angeboten worden. Hinter all dem steckte wohl kein Einzeltäter, sondern ein bundesweites Pädophilen-Netzwerk, wie die Polizei mitteilte. Dem waren rund dreieinhalb Wochen lange Ermittlungen vorausgegangen.

Haupttatort ist Gartenlaube einer Erzieherin in Münster

Darauf folgten bundesweit elf Festnahmen – sieben der Beschuldigten befinden sich nun in Untersuchungshaft. Darunter ist auch die Mutter des Hauptbeschuldigten aus Münster, die bis zuletzt wohl als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet hat. Die Gartenlaube der Erzieherin in Münster gilt als der Haupttatort, an dem mehrere kleine Jungen missbraucht und dabei gefilmt worden sein sollen. Die Erzieherin soll ihrem Sohn, dem Hauptverdächtigen, die Gartenlaube überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben.

In dieser Gartenlaube in Münster sollen mehrere Kinder missbraucht worden sein. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marcel Kusch/dpa)
In dieser Gartenlaube in Münster sollen mehrere Kinder teils stundenlang missbraucht worden sein. picture alliance/Marcel Kusch/dpa

Am Sonntag hieß es von der Polizei, derzeit gebe es keine Hinweise auf Taten der 45-Jährigen im Kindergarten. Der WDR hatte zuvor über den Arbeitsplatz der Frau berichtet.

Jungen wohl teils stundenlang missbraucht

Drei Jungen, um die es geht, sind bereits als Opfer identifiziert worden: Sie sind nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft fünf, zehn und zwölf Jahre alt. Darunter der heute zehnjährige Stiefsohn des Hauptangeklagten. Er soll den Ermittlern wichtige Hinweise zu mutmaßlichen Mittätern gegeben haben.

Die drei Kinder sollen teilweise stundenlang von mehreren Männern sexuell missbraucht worden sein – in einem Fall vom eigenen Vater, in einem anderem vom Lebensgefährten der Mutter. Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein, hieß es zudem. Mittlerweile sind sie in der Obhut des Jugendamtes.

Hauptbeschuldigter ist ein 27-Jähriger aus Münster

Der Hauptbeschuldigte in dem Fall ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. Ermittler stellten mehr als 500 Terabyte professionell verschlüsselten Materials sicher. Nach der Auswertung der ersten Daten gehen Polizei und Staatsanwaltschaft davon aus, dass bislang nur ein kleiner Teil der mutmaßlichen Verbrechen bekannt geworden ist. Viele der Daten müssen noch entschlüsselt werden. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Handelsübliche Computer für den Heimgebrauch haben Speicherplatten mit einer Größe von eins bis drei Terabyte.

Bei den weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich den Angaben zufolge um Männer aus Hannover, Schorfheide in Brandenburg, Kassel und Köln.

Münsters Polizeipräsient: „Unfassbare Bilder“

Die Ermittler hätten schon bei der bisherigen Ermittlungen „unfassbare“ Bilder sehen müssen, so Joachim Pollz, der Leiter der Ermittlungen. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte außerdem:

Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.

Nicht nur die bearbeitenden Beamten sind offenbar bestürzt über den Fall – auch aus der Bundesregierung und Gesellschaft kamen viele entsetzte Reaktionen. Tatort-Münster-Schauspieler Jan-Josef Liefers dankte auf Instagram den Beamten, die sich „durch Terabytes übelster Kinderpronografie arbeiten müssen“.

... an Polizei, Staatsanwaltschaft und ALLE ERMITTLER in Münster, NRW und bundesweit für diesen gelungenen Schlag gegen Ring von Kinderschändern!!! Respekt und Mitgefühl für alle Ermittler*innen, die sich durch Terabytes übelster Kinderpronografie arbeiten müssen, um Beweise zu erbringen und Opfer wie Täter zu identifizieren! Fassungslos macht mich das...

Wachsamkeit in der Gesellschaft ist wichtig

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft noch wachsamer sind, um frühzeitig Missbrauch erkennen und wirksam dagegen vorgehen zu können.“ Zum Schutz von Kindern brauche es ein aufmerksames Umfeld, das hinschaue und Hilfe organisiere. Man müsse derzeit davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder von sexuellem Missbrauch betroffen seien.

Der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, gab allerdings zu bedenken, dass es für die zumeist sehr engagierten Beschäftigen der Jugendämter generell sehr viel schwerer sei, sexuellen Missbrauch von Kindern zu erkennen als zum Beispiel körperliche Misshandlungen oder Vernachlässigung.

Oft fehlen für sexuelle Gewalt erkennbare Indizien. (...) Missbrauchstäter sind Meister der Täuschung. Ihre perfiden Strategien sind voll darauf ausgerichtet, ihr Umfeld zu verwirren, um unentdeckt zu bleiben.

Rörig: mehr Prävention, bessere technische Austattung für Ermittler

Außerdem forderte Rörig mehr Präventivmaßnahmen. Der Kampf gegen sexuelle Gewalt müsse als nationale Aufgabe verstanden werden, sagte Rörig der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Montag. Er erwarte, dass das Thema „bei allen Entscheidungsträgern in der Politik endlich ankommt und dort als Querschnittsthema überall mitgedacht wird“.

Rörig forderte außerdem eine personell gut ausgestattete Polizei, da Missbrauchstäter den Ermittlungsbehörden technisch sehr oft voraus seien. Er drängte auf eine Schärfung der Ermittlungsinstrumente wie die EU-rechtskonforme Vorratsdatenspeicherung der IP-Adressen. Und: Er sprach sich für den verstärkten Einsatz künstlicher Intelligenz gegen Missbrauchsabbildungen im Netz aus.

Münster

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Der brutale Missbrauch an mehreren kleinen Kindern in Münster hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. SWR3 hat mit Betroffenen gesprochen, die als Kind selbst zum Opfer wurden und bis heute unter den Folgen leiden.  mehr...

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Radionachrichten 28. Juli, 02:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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