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Die Ukrainerin Tania ist mit ihren beiden Kindern vor acht Wochen aus Kiew geflüchtet und lebt seitdem bei der Stuttgarterin Hilli, die die Familie in ihrem Haus aufgenommen hat. So läuft ihr Leben in der neuen, fremden Heimat.

Den Moment, auf den sich Hilli Pressel seit Tagen versucht vorzubereiten, rettet ihr Hund. Denn als die ukrainische Familie – geflohen aus Irpin bei Kiew und seit einer Woche im Auto unterwegs – über die Türschwelle der Stuttgarterin tritt, zaubert Hündin Chica mit ihrem Willkommens-Gebell ein Lächeln auf die müden Gesichter der Kinder. Es ist das erste mal seit Tagen. Denn sie sind nun endlich angekommen, in Sicherheit.

Im Audio: So war die erste Begegnung in Stuttgart.

Die Stuttgarterin Hilli Pressel (zweite von links) und Familie Stychynska. (Foto: SWR, Barbara Lampridou)

Nachrichten Flucht aus der Ukraine: Die Familie kommt in Stuttgart an

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Wir begleiten Tanja und ihre Familie über die kommenden Wochen und Monate und erzählen in diesem Artikel ihre Geschichte regelmäßig weiter. Über die Links könnt ihr direkt zu einzelnen Kapiteln springen. Das neueste Kapitel steht gleich oben.

Zwei kleine Zimmer im oberen Stock

Ich möchte, dass sie sich wohl fühlen, ich möchte, dass sie zur Ruhe kommen“, sagt Hilli, die als Sozialarbeiterin arbeitet. Zwei kleine Zimmer im oberen Stock ihres Hauses hat sie für die Familie eingerichtet. Dort gibt es auch ein eigenes Bad und eine kleine Küche unterm Dach. Mehrfach entschuldigt sich Hilli, dass alles nur sehr einfach und auch schon etwas älter ist. Aber Tania ist in diesem Moment einfach nur dankbar. Sie kann kaum glauben, dass sie nun hier kostenlos mit den beiden Kindern bleiben darf.

In der Ukraine hatte die Familie ein gutes Leben

Die Familie, das sind Mutter Tania, die 18-jährige Tochter Sonia und Sohn Wowa, 11 Jahre alt. Vater und Ehemann Dima ist in Kiew geblieben. Wie alle wehrpflichtigen Männer zwischen 18 und 60 darf er das Land nicht verlassen. Die Familie hatte ein gutes Leben in Kiew, zählt zur gehobenen Mittelschicht. Sie arbeitet als Friseurin, er ist Architekt. Bis vor wenigen Wochen lebten sie in einem modernen, voll digitalisierten Haus. Jetzt schlagen um sie herum die Bomben ein und Tania sagt, dass sie nie damit gerechnet habe „hundert Jahre zurück zu gehen“. Denn auch das bedeutet Flucht: Zerstörung, Verlust und sozialer Abstieg.

Bild aus einem Leben, das es so nicht mehr gibt: Die Familie in ihrem Haus in Irpin bei Kiew. Vater Dima, Mutter, Tania und die beiden Kinder Sonia und Wowa (von links nach rechts). (Foto: SWR)
Bild aus einem Leben, das es so nicht mehr gibt: Die Familie in ihrem Haus in Irpin bei Kiew. Mutter Tania, Vater Dima, und die beiden Kinder Sonia und Wowa (von links nach rechts).

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Der Krieg spielt auch in Hillis Leben eine besondere Rolle

Ich hab sie wirklich schon ins Herz geschlossen“ sagt die Stuttgarterin Hilli einige Tage später. Das Verhältnis ist herzlich. Die ganze Familie in der Ukraine kennt Hilli jetzt schon vom Telefon: Die Omas und Opas und natürlich Ehemann Dima. Sie alle sind froh, dass Tania und die Kinder in Sicherheit sind und Hilli sich so herzlich um sie kümmert. Das rührt die Stuttgarterin. Sie ist froh, dass sie etwas tun kann und sagt, dass Krieg schon immer eine besondere Bedeutung in ihrem Leben hatte. Ihre eigene Mutter ist Holländerin und litt unter der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg. Der Vater war Arzt an der Front und in russischer Gefangenschaft. Das Thema gehe ihr „unter die Haut“, sagt Hilli.

Tania will Deutsch lernen und arbeiten

Sitzen und warten will die Familie nicht. Stattdessen lernt Tania mit den Kindern Deutsch über einen Onlinekurs. Sie sagt, das Land in dem man lebt, solle man respektieren – und das zeige man, indem man die Sprache lernt.

Wowas Freund wurde auf der Flucht erschossen

Tania hofft auf eine schnelle Arbeitserlaubnis und dass ihre Kinder vom Krieg wegkommen. Auch mit dem Kopf. Hilli hat deswegen organisiert, dass der 11-Jährige Wowa beim Schwimm-Schnupperkurs mitmachen kann. Jetzt nach den Osterferien soll für ihn auch endlich die Schule losgehen. Denn der Junge will unbedingt wieder andere Schulkinder treffen – vielleicht kann er so besser seine Traumata verarbeiten. Eines davon dreht sich um seinen Schulkameraden, der am Anfang des Krieges versuchte zu fliehen. Bis ans Taxi hatten er und seine Mutter es geschafft – dann wurden sie erschossen.

Wowa in einem Kostüm und sein 12-jähriger Freund Vanya, der bei der Flucht aus Kiew erschossen wurde.  (Foto: SWR)
Wowa in einem Kostüm und sein 12-jähriger Freund Vanya, der bei der Flucht aus Kiew erschossen wurde.

Tochter Sonia findet schneller Anschluss

Der 18-jährigen Sonia scheint es einfacher zu fallen, Anschluss zu finden. Abends trifft sie oft neue Freunde in der Stadt. Tania entschuldigt sich schon mit einem Lachen, dass ihre Tochter so viel unterwegs ist. Doch Hilli winkt lachend ab. Sie hatte sich mehr Leben im Haus gewünscht und freut sich, dass die Familie so schnell so vernetzt und selbstständig ist. „Die melden sich, wenn sie was brauchen. Das ist einfach klasse!“

Nachts, wenn die Bomben einschlagen

Sehr oft ist Tania mit den Gedanken bei ihrem Mann Dima, der in Irpin im Haus der Familie geblieben ist: Lebt er noch? Was passiert mit ihm? Am liebsten wäre sie bei ihm, würde für ihn und die Soldaten kochen. Doch ihr Mann verbietet ihr zurückzukommen – sie solle sich in Deutschland um die Kinder kümmern, denn in Irpin ist es nach wie vor nicht sicher. In Momenten wie an jenem Abend, als sie mit ihm telefonierte und der Bombenalarm losging, fällt das allerdings schwer. „Du musst Dich sofort verstecken“, hat sie gerufen.

Tanias Vater ist von Putin überzeugt – wie kann sie damit umgehen?

Der Krieg in der Ukraine zieht eine tiefen Graben durch Tanjas eigene Familie. Sie seufzt tief, bevor sie anfängt, über das Thema zu sprechen. Denn die Eltern sind ein russisch-ukrainisches Paar und leben in Moskau. Die Mutter, eine Ukrainerin, beschreibt Tania als sehr modern. Sie hat TikTok und Telegram und informiert sich auch dort über den Krieg. Der Vater, ein Russe, ist allerdings schon über 70 und davon überzeugt, dass Russland die Ukraine von den Neonazis befreit. Auch Tanias Schwester ist Putin-Fan.

Für Tania ist die Situation extrem schwierig. Sie will den Kindern nicht die Großeltern und die Tante wegnehmen oder den Kontakt nach Russland kappen. Doch sie muss auch einen Weg finden, um mit den Verbrechen russischer Soldaten in der Ukraine umzugehen.

Sie sagt, dass man nicht selbst so ein grausamer Mensch werden darf. Vielmehr will sie ihre Kinder weiter in Liebe erziehen. Solche Dinge dürften nicht das ganze Leben bestimmen. Tania will ihren Kindern Vorbild sein und sagt, dass nicht alle Menschen aus Russland in einen Topf geworfen werden dürfen. Die Kinder Wowa und Sonia haben hier in Deutschland sogar russische Freunde gefunden.

Tania glaubt aber auch, dass Russland die Ukraine nicht besiegen wird. Sie sagt, dass die Ukraine erst jetzt richtig geboren wird. Und zu einer Geburt gehörten auch Blut, Schmerzen und Tränen dazu.

Das lange Warten auf die Arbeitserlaubnis

Nach rund einem Monat in Stuttgart wartet Tania weiterhin auf ihre Arbeitserlaubnis. Auch wenn sie im oberen Stock eine eigene kleine Wohnung haben, fällt Tania und ihrer Tochter an manchen Tagen die Decke auf den Kopf. Deswegen hat Hilli den beiden vorgeschlagen, ehrenamtlich bei der Tafel zu arbeiten. „Unter Leute kommen, was zu tun haben, ein bisschen Deutsch üben...“, all das sind gute Gründe, sagt Hilli. Mutter und Tocher haben auch schon ehrenamtlich in der Ukraine gearbeitet und nehmen das Angebot sofort an.

Wowa hat weiter Online-Schulunterricht

Dass der Alltag trotz Flucht irgendwie normal weiterläuft, ist wichtig für die Familie. Es sind kleine, selbstbestimmte Entscheidungen, die wichtig sind. Wie zum Beispiel das Auto zur Werkstatt bringen zu können – auch in Deutschland.

Oder dass Sohn Wowa weiterhin Schulunterricht hat. Bevor er an eine Schule hier in Deutschland gehen kann, nimmt er am Online-Unterricht teil, den die Lehrer aus der Ukraine organisieren. Es gibt sogar Online-Sportunterricht für die Schülerinnen und Schüler, die in halb Europa verstreut sind. Wowa berichtet, dass sie ihren Lehrer, der in der Ukraine geblieben ist, neulich dazu zwingen mussten, den Unterricht zu beenden, denn es hatte dort wieder einen Bombenalarm gegeben. Der Lehrer hatte aber darauf bestanden, zuerst die Aufgaben fertig zu machen.

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Von der Ukraine nach Deutschland geflohen: Die Familie zieht ein erstes Zwischenfazit

Etwas mehr als sechs Wochen leben Tania und die Kinder jetzt bei Hilli in Stuttgart. Hundert Prozent eingelebt haben sie sich noch nicht, aber ganz fremd sind sie auch nicht mehr. Viele kleine Dinge im Alltag kann die Familie selbst bewältigen, was sehr wichtig für sie ist.

Tania sagt, dass die Menschen hier sehr nett zu ihr sind. Das will sie auch mitnehmen, wenn sie irgendwann zurückgeht in die Ukraine. Ganz unabhängig von politischen Entscheidungen, wie Waffenlieferungen an die Ukraine, die hier kontrovers diskutiert werden.Dass man auf der menschlichen, der persönlichen Ebene kommuniziert, ist das Wichtigste“, sagt Tania. Es sei das, was die Menschen zusammenhält und aufbaut.

SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 20. Mai, 19:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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