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Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Lange glaubte man, Stonehenge sei ein isoliertes Denkmal der Jungsteinzeit – erhaben und allein auf weiter Flur. Heute weiß man: Es war ganz anders. Jetzt haben Archäologen einen Fund gemacht, der alle früheren Vorstellungen sprengt.

Wer vor 4.500 Jahren nach Stonehenge kam, war dort nicht allein: Nicht nur das berühmte steinerne „Henge“, an dem schon 500 Jahre gebaut wurde, stand nun in voller Größe und Schönheit da – in etwa so, wie wir es noch heute sehen.

Vatikan der Jungsteinzeit

Auch in der unmittelbaren Umgebung wurde gegraben, geschichtet und gewuchtet: Rund zwei Dutzend kleinere Henges – steinzeitliche Kreisgrabenanlagen mit Wall, Graben und einer Umfriedung aus Pfählen – waren in den sanften Hügeln und Tälern um Stonehenge im Entstehen oder wurden ausgebessert. Die ganze Gegend war ein riesiger heiliger Bezirk: eine Art Vatikan der zu Ende gehenden Steinzeit.

Buchstäblich im Zentrum der jüngsten Entdeckung liegt Durrington Walls, das vermutlich größte Henge aller Zeiten: eine Anlage, so gewaltig, dass sie noch heute die Landschaft am Fluss Avon prägt.

Durrington Walls in einer Animation des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Virtuelle Archäologie:

Lange hielt man ihre Wälle für natürliche Erhebungen und erkannte erst spät, dass sie menschlichen Ursprungs sind. Moderne Häuser scheinen praktisch darauf zu stehen.

Im Innern des ringförmigen Erdwalls mit einem Durchmesser von 500 Metern, fand man die Reste von zwei kleinen Steinzeitdörfern.

Siedlungen und mehrere kleine Henges aus Holz – im Innen einer viel größeren Anlage: So stellen sich Archäologen Durrington Walls in der Steinzeit vor. (Foto: Imago, imago 0084685617)
Siedlungen und mehrere kleine Henges aus Holz – und das im Inneren einer viel größeren Anlage: So stellen sich Archäologen Durrington Walls in der Steinzeit vor. Die Anlage selbst, lässt sich wegen ihrer Größe bildlich nur schwer darstellen. Erst vor Ort erkennt man ihre Dimension. Im Hintergrund fließt auch heute noch der Avon. Imago imago 0084685617

„Reich der Lebenden“ – „Reich der Toten“

Der bekannte Londoner Stonehenge-Forscher Michael Parker Pearson nennt Durrington Walls „das Reich der Lebenden“. Stonehenge, fast in Sichtweite, sei dagegen „das Reich der Toten“ gewesen.

Aufgeschichtet wurden die mächtigen Wälle lediglich mit „Schaufeln“ aus Hirschgeweihen, Knochenplatten oder Holzstücken – eine irre Plackerei, die Tausende Menschen viele Jahre beschäftigt haben muss.

Stonehenge-Forscher entdecken riesigen Ring aus tiefen Gruben

Dieses sogenannte Super-Henge steht nun im Zentrum einer neuen unglaublichen Entdeckung, die Archäologen weltweit elektrisiert und zeigt: Der ganze heilige Bezirk war noch viel größer, die Mühen der Erbauer noch hingebungsvoller, als bisher bekannt war.

Routinemäßig untersuchen nämlich die Forscher mehrerer Universitäten die gesamte Gegend mit Magnetometer und Bodenradar – relativ neuen technischen Werkzeugen, die es erlauben, von oben in den Boden „hineinzuschauen“, ohne auch nur eine Schaufel Erde bewegen zu müssen.

Archäologen unter Leitung der Universität Bradford haben nun Gruben und Vertiefungen unter die Lupe genommen und festgestellt: Um das ohnehin schon riesige Durrington Walls gibt es einen noch vielmals größeren Ring aus riesigen Schächten. Im Schnitt sind sie fünf Meter tief und haben zehn Meter Durchmesser. Und: Sie bilden einen Kreis von drei Kilometern Durchmesser, in dessen Zentrum Durrington Walls liegt – das „Reich der Lebenden“.

Dienten die Gruben als Grenze zum heiligen Bezirk?

Rund 20 Gruben haben sie entdeckt und schätzen, dass es noch zehn weitere gibt, die aber unter modernen Gebäuden verborgen liegen. Im frei zugänglichen Portal „Internet Archaeology“ haben sie ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht.

Einige der Gruben sind heute noch mit bloßem Auge als Vertiefungen zu erkennen. Nur zuordnen kann man sie erst jetzt, wo sich langsam ein Gesamtbild ergibt.

Wozu die Gruben gedient haben? Keiner kann es sagen. Ihre Lage weist aber darauf hin, dass sie möglicherweise rituelle Grenzanlagen um den heiligen Ort Durrington Walls dargestellt haben. Und aus Funden im Innern weiß man, dass sie zu gleicher Zeit entstanden sind, wie die endgültige Version von Stonehenge: etwa 2.500 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung.

„Dinge, die wir uns nie hätten vorstellen können“

Ausgrabungsleiter Vince Gaffney von der Universität Bradford sagt: „Als diese Gruben zuerst bemerkt wurden, dachte man, es handele sich um natürliche Gegebenheiten – Hohlräume im Kalkstein.“ Die geophysikalischen Auswertungen hätten den Wissenschaftlern dann aber ein großflächiges Muster enthüllt. Durch Magnetometer und Bodenradar beginne man rund um Stonehenge Dinge zu sehen, „die wir uns nie hätten vorstellen können“.

30 Gruben von fünf Metern Tiefe und zehn Metern Durchmesser: „Ich kann gar nicht genug betonen, welche Mühen es gekostet haben muss, solche großen Gräben mit Werkzeugen aus Stein, Holz und Knochen zu graben“, sagt Gaffney. Er glaubt: Der Wunsch der Menschen, ihren Glauben und ihre kosmischen Vorstellungen dauerhaft darzustellen, sei schon vor 4.500 Jahren enorm gewesen.

Steingewordenes Goodbye an die Steinzeit

Der neue Fund veranschauliche, dass die Gesellschaftsstruktur vor Jahrtausenden viel komplexer gewesen sei, „als wir uns je hätten vorstellen können“, sagt sein Kollege Richard Bates von der Universität St. Andrews.

Die Gruben und Stonehenge – all das wurde ganz am Ende der Jungsteinzeit errichtet. Erste Spuren der Bronzezeit können Forscher bereits an Stonehenge selbst erkennen. Spätere Generationen empfanden den Bezirk aber immer noch als heilig: Bronzezeitliche Anführer ließen sich dort in großen Grabhügeln bestatten. Hunderte davon liegen rund um die Henges. So stellt sich Stonehenge für manche als ein steingewordenes Goodbye auf eine zu Ende gehende Epoche dar.

Aber, so bewundernswert das alles auch ist - andernorts war man bautechnisch schon viel weiter. Als nämlich Stonehenge seine heutige Form erhielt und die mächtigen, neu entdeckten Gruben ausgehoben wurden, da standen die über hundert Meter hohen Pyramiden im ägyptischen Gizeh schon fast hundert Jahre.

Die Bronzezeit mit ihren Entdeckungen und Veränderungen hatte im Nahen Osten schlicht 500 Jahre früher begonnen. Eins haben die beiden Orte aber gemeinsam: Man entdeckt ständig etwas neues Altes. 

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Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

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