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Kira Urschinger (Foto: SWR3)

Die Zahl der registrierten Neuinfektionen in Frankreich steigt. Seit Sonntag gelten in Frankreich sieben weitere Regionen als Risikogebiete. Darunter auch Straßburg und Korsika. Regionale Maßnahmen sollen helfen: Maskenpflicht unter freiem Himmel und zum Schulstart im Klassenzimmer.

Die Akzeptanz der Franzosen für die härteren Regeln ist dabei erstaunlich hoch, wie unsere Paris-Korrespondenten Sabine Wachs, Marcel Wagner und Martin Bohne für SWR3 berichten.

Steigende Zahlen von Neuinfektionen

Seit den Corona-Lockerungen in Frankreich steigen die registrierten Neuinfektionen stetig an. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden ist die Zahl der Ansteckungsfälle in der vergangenen Woche innerhalb von 24 Stunden erstmals wieder um 8.550 gestiegen.

28 Départements gelten als Risikogebiete

Seit dem 6. September hat Frankreich sieben weitere Regionen als "rote Zonen" eingestuft. In diesen Bezirken wurde eine aktive Zirkulierung des Virus festgestellt:

  • Nord
  • Bas-Rhin
  • Seine-Maritime
  • Côte-d'Or
  • die beiden Verwaltungsbezirke auf der Mittelmeerinsel Korsika
  • das Übersee-Département auf der Insel La Réunion im indischen Ozean

Diskussion um Maskenpflicht im Freien

In Paris wurde bereits eine Maskenpflicht im Freien durchgesetzt. Für Straßburg und zwölf kleinere elsässische Gemeinden war die Maskenpflicht im Freien kurzzeitig beschlossen worden, ein französisches Gericht hat die allgemeine Maskenpflicht dann gekippt. Das Verwaltungsgericht in Straßburg begründete dies in einem Eilentscheid mit der „Einschränkung der Freiheit“ der Bürger und der zu großen Reichweite des Verwaltungserlasses. Geklagt hatten zwei Krankenhausärzte. Das Verwaltungsgericht hat Präfektin Josiane Chevalier aufgefordert, ihren Erlass zu überprüfen.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden im Moment regional getroffen, denn nicht alle Départements, Städte und Gemeinden sind gleich stark vom Anstieg der Neuinfektionen betroffen.

Kein weiterer, landesweiter Lockdown für Frankreich

Einen weiteren, landesweiten Lockdown soll es nach Wunsch der französischen Regierung nicht mehr geben. Allerdings hat Premierminister Jean Castex vergangene Woche auf einer Pressekonferenz erklärt, dass im Notfall Pläne für national geltende Beschränkungen bereitliegen.

Woher genau die vielen Neuinfektionen kommen, ist nicht ganz klar. Menschen, die aus dem Urlaub zurückkehren, dürften in Frankreich genauso eine Rolle spielen wie in Deutschland, aber auch Nachlässigkeit bei den Hygiene- und Abstandsregeln wird im Nachbarland diskutiert. Es gab außerdem Fälle illegaler Partys – eine etwa mit bis zu 10.000 jungen Menschen auf einem Feld in Südfrankreich, Pool-Parties in Saint Tropez an der Côte d’Azur oder die feiernden Fußballfans ohne Masken und ohne Abstand auf den Champs-Elysées, nachdem der Fußballverein Paris Saint Germain ins Finale der Champions League eingezogen ist. Die New York Times berichtet, dass rund 30 Prozent der Neuinfizierten in Frankreich in einer eher jungen Altersgruppe sind, und zwar zwischen 15 und 44 Jahren.

Schulbeginn in Frankreich mit Maskenpflicht

Trotz der hohen Fallzahlen begann in Frankreich wie immer am 1. September die Schule für alle Kinder und Jugendlichen im ganzen Land gleichzeitig. Die Regierung will damit ein klares Zeichen setzen:

Schule ist wichtig für die Zukunft unserer Kinder. Die Kinder müssen in die Schule gehen!

Bildungsminister Jean-Michel Blanquer

Wir müssen mit dem Virus leben!

Premierminister Jean Castex

Allerdings müssen Schülerinnen und Schüler ab einem Alter von elf Jahren (genau wie alle Lehrkräfte) eine Maske tragen – sowohl im Unterricht in den Klassenräumen, als auch in den Pausen unter freiem Himmel. Einige Mediziner hatten sogar eine Maskenpflicht ab sechs Jahren gefordert. Die Vereinigung der Kinderärzte in Frankreich hat sich aber vehement dagegen ausgesprochen.

SWR3 Topthemen am Mittag: Schulstart in Frankreich

Schulstart in Frankreich (Foto: SWR, SWR3/Marcel Wagner)

Nachrichten Marcel Wagner zum französischen Masken-Schulstart

Dauer

Die Maßnahmen an den Schulen Frankreich – oder anderen europäischen Ländern wie Spanien und Belgien – sind auch bei deutschen Usern Thema:

Frankreich mit Maskenpflicht im Unterricht, Spanien mit kleinen Klassen, Belgien mit Ampelsystem. Deutschland mit Lüften! #Coronavirus #Schule #Deutschland #Frankreich #Belgien #Spanien https://t.co/6YYtKHzYLd

Frankreich hat die siebthöchste Zahl an registrierten Corona-Todesopfern weltweit.

Auch in Deutschland steigen die Infektionszahlen, die Todesfälle allerdings bislang nicht. Warum das so ist und weshalb wir dennoch vorsichtig sein sollten, erklärt die SWR-Wissenschaftsredaktion hier:

Steigende Infektionszahlen Warum steigen die Todesfälle nicht an?

Die Zahl der Infizierten steigt – die Zahl der Todesfälle aber nicht. Warum ist das so? Und sind wir eigentlich schon in der zweiten Welle?  mehr...

Ab September schärfere Maskenpflicht am Arbeitsplatz

In Frankreich ist bereits eine strengere Maskenpflicht beschlossen, die ab September als Mittel zur Eindämmung der Pandemie gilt. Bereits ab dem 1. September muss in allen Unternehmen eine Maske getragen werden.

Die Maskenpflicht gilt an jedem Arbeitsplatz, der in einem geschlossenen Raum liegt. Egal, ob zum Beispiel zwischen zwei Arbeitsplätzen der Mindestabstand von einem, beziehungsweise 1,50 Metern eingehalten werden kann, egal, ob Schreibtische durch Plexiglasplatten getrennt sind. Überall dort, wo sich Menschen begegnen, auf den Gängen, in Umkleideräumen, in der Teeküche und vor allem im Großraumbüro müssen Masken getragen werden. Nur in Einzelbüros gilt das nicht.

Ausnahmen von der Maskenpflicht am Arbeitsplatz werden derzeit noch zwischen der Regierung und den Gewerkschaften besprochen. Denn klar ist: Es gibt Berufe, in denen das Maske-Tragen an der ein oder anderen Stelle schwierig sein kann. Zum Beispiel bei Automechanikern. Wenn sie unter einem Auto liegen und daran schrauben, dann dürfen sie die Maske absetzen, erklärte Frankreichs Arbeitsministerin Elisabeth Borne. Ähnliche Regelungen sollen auch für andere, körperlich anstrengende Berufe, aber zum Beispiel auch für Radio- oder Fernsehmoderatoren und -moderatorinnen gelten.

Demonstrationen gegen Corona-Regeln in Frankreich

Generell gibt es wenig Widerstand in der französischen Bevölkerung gegen die Maskenpflicht am Arbeitsplatz. Viele Menschen akzeptieren die Regeln.

Eine große Mehrheit der Franzosen steht hinter der Maskenpflicht, die mittlerweile in Paris und vielen weiteren Städten sogar im Freien gilt. Das hat sicher damit zu tun, dass Frankreich im Frühjahr viel stärker als Deutschland von der Epidemie getroffen wurde. Damals hatte die Regierung – wohl wissend, dass keine Masken verfügbar waren – einen Mund-Nasen-Schutz für sinnlos erklärt. Das wird ihr heute noch als bewusste Lüge vorgehalten. Auch von ganz rechtsaußen. Im Unterschied zur AfD in Deutschland hat Marine Le Pen, die Chefin des Rassemblement National, immer eine Maskenpflicht und schärfere Corona-Schutzmaßnahmen gefordert. 

Zwar gab es letzten Samstag zeitgleich zur Demo in Deutschland vor dem Reichstag auch Kundgebungen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Paris. Aber es kamen nicht Zehntausende, sondern nur wenige Hundert. Zwar gibt es die Masken-Gegner auch in Frankreich. Aber die Bewegung ist kaum organisiert, es gibt keine bekannten, oder gar anerkannten Wortführer. Der Protest spielt sich fast ausschließlich im Netz ab. Zum Beispiel in der Facebook-Gruppe gegen die Maskenpflicht. Dort äußern sich Verschwörungstheoretiker, die in allem einen Komplott der Pharmaindustrie oder der Politiker zur Errichtung einer Diktatur sehen, Impfgegner, Rechtsradikale und extremistische Umweltschützer. Die Gruppe allerdings hat nicht einmal zehntausend Mitglieder. Die Gelbwesten konnten zum Beispiel Millionen über Facebook mobilisieren.

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Kommt die zweite Welle im Herbst?

Besonderes im Blick: Die Entwicklungen ab Herbst. Frankreich könnte nach Einschätzung eines Regierungsberaters von einer zweiten Welle der Corona-Pandemie getroffen werden. „Es gibt Sorgen vor einer zweiten Welle im November“, sagte Jean-François Delfraissy, Vorsitzender des wissenschaftlichen Rates, dem Sender France 2 Television. Die Regierung stellt aber klar, dass sie Vorkehrungen getroffen hat. Unter anderem wurde die Zahl der Intensivbetten mit Beatmungsgeräten verdoppelt. So soll verhindert werden, dass es zu Überlastungen in Krankenhäusern kommt. Vor allem im März und April waren die Krankenhäuser im Großraum Paris oder auch in der deutschen Nachbarregion Grand Est überfüllt. Intensivpatienten mussten mit Schnellzügen und Hubschraubern in andere Regionen des Landes verlegt werden. Auch Deutschland, die Schweiz und Luxemburg haben Corona-Intensivpatienten aus Frankreich ausgeflogen und in ihren Krankenhäusern behandelt.

Enge Zusammenarbeit mit Deutschland in der Corona-Krise

Für die weiteren Herausforderungen wollen Frankreich und Deutschland eng zusammenarbeiten, Grenzschließungen sollten möglichst vermieden werden – so das Ergebnis eines Treffens von Frankreichs Regierungschef Emmanuel Macron und Angela Merkel Ende August. Sie sei froh, dass es eine gemeinsame Betrachtung des Infektionsgeschehen gebe, sagte Bundeskanzlerin Merkel bei dem Treffen. Die wissenschaftliche Bewertung in Deutschland, Frankreich und in Europa müsse ähnlich sein, erklärte auch Frankreichs Präsident Macron. Das gelte auch für die Einstufung von Risikogebieten.

Zudem sprachen sich Merkel und Macron für gemeinsame Projekte aus, die mit dem milliardenschweren Corona-Wiederaufbaufonds der EU finanziert werden und die Europäische Union technologisch weiter nach vorne bringen sollen. Das war zwar noch schwammig formuliert, lies aber keinen Zweifel am deutsch-französischen Wunsch, gemeinsam an der Bewältigung der Pandemie-Folgen zu arbeiten. Und dies mit gemeinsamer Stimme zu vertreten.

Ich freue mich über das außergewöhnliche gemeinsame Engagement unserer beiden Länder, sowohl auf bilateraler als auch auf europäischer und internationaler Ebene. Gemeinsam sind wir stärker. https://t.co/rGOtq3pJu4

Reisewarnungen für Hotspots in Frankreich

Seit dem 26. August gelten einzelne französische Regionen als Risikogebiete, Guadeloupe und St. Martin sind zuletzt dazugekommen. Die französische Regierung hat mit Verständnis auf die Entscheidung Deutschlands reagiert, die Regionen um Paris und an der Côte d’Azur zu Risikogebieten zu erklären. Deutschland habe die Entscheidung schließlich getroffen, weil die französische Regierung selbst die beiden Hotspots als Risikozonen betrachte, hieß es aus dem französischen Präsidentenpalast. Dies entspreche außerdem dem Vorgehen, das auch Frankreich für ganz Europa fordere: nämlich, bei der Einstufung von Risikozonen möglich lokal vorzugehen.

Unverständnis gab es dagegen in Teilen der französischen Tourismusbranche. Viele deutsche Urlauber hätten umgehend nach der Einstufung als Risikogebiet die Rückreise angetreten, berichtete Francois de Canson, Vorsitzender des Tourismuskomitees der Region an der Côte d’Azur, dem ARD Studio Paris. Er verwies darauf, dass Urlauber aus seiner Region aktuell durch einen negativen Corona-Test in Deutschland eine Quarantäne vermeiden könnten.

Welche Regeln aktuell für Reiserückkehrer aus Risikogebieten gelten, kannst du hier nachlesen:

Trage ich das Virus in mir? Hier findet ihr alle Corona-Anlaufstellen im Südwesten

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