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Ferdinand Vögele
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Christian Spöcker
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Franziska Thees
Franziska Thees (Foto: SWR3)

Emmanuel Macron geht in die zweite Runde als französischer Präsident – deutlich vor der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Die war aber so stark, wie noch nie.

Riesiger Jubel auf dem Marsfeld vor dem Eiffelturm: Frankreich, ja ganz Europa hatten den „Trump-Moment“ gefürchtet – den Augenblick, in dem das Unerwartete doch eintrifft, ein extremer Kandidat, beziehungsweise eine Kandidatin gewinnt und man sich nur noch sprachlos die Augen reiben kann. Doch es gab keinen "Trump“- beziehungsweise „Le-Pen-Moment“: Emmanuel Macron hat erneut deutlich gesiegt. SWR-Korrespondent Cai Rienäcker hat die Stimmung auf dem Marsfeld eingefangen:

Amtsinhaber Emmanuel Macron hat laut ersten Hochrechnungen die französischen Präsidentschaftswahlen gewonnen. Er liegt demnach deutlich vor seiner Herausforderin, der rechtspopulistischen EU-Kritikerin Marine Le Pen. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/AP | Thibault Camus)

Nachrichten Ohrenbetäubender Jubel: „Sie hat verloren“

Dauer

Hier Szenen vor dem Eiffelturm auf Macrons Twitter-Account – eine Sängerin schmettert die französische Nationalhymne „Marsellaise“:

La Marseillaise. 🇫🇷 https://t.co/j94iGyXdyg

Denn: So nah dran, die französische Präsidentschaftswahl zu gewinnen, war die rechtspopulistische Europakritikerin Marine Le Pen wohl noch nie, wie vor dieser Stichwahl. Umfragen hatten einen knappen Sieg von Emmanuel Macron vorhergesagt. Etwas deutlicher ist es nun doch geworden: Macron bekam laut offiziellem Endergebnis 58,55 Prozent der Stimmen, seine rechte Herausforderin Le Pen kam auf 41,45 Prozent.

Wer Macron gewählt hat – und wer Le Pen

Laut der Erhebung für den Sender France Info konnte Macron jeweils bei den jüngsten und den ältesten Wählerinnen und Wählern eine Mehrheit gewinnen. Für ihn stimmten zudem insbesondere Menschen mit Hochschulbildung, Beamte, Selbstständige – dafür nur wenige Arbeiter und Arbeitslose.

Le Pen überzeugte demnach vor allem Arbeiter und Angestellte sowie vorrangig Menschen mit niedrigerem Einkommen. Bei Franzosen, die angaben, mit ihrem Leben unzufrieden zu sein, konnte sie ebenfalls verstärkt punkten.

Wahl in Frankreich: Anspannung in Europa war groß

In Europa herrschte eine gewisse Anspannung. Denn der Ausgang der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist auch entscheidend für die europäische Gemeinschaft. Ein Sieg Le Pens hätte eine Neuausrichtung der französischen Politik gegenüber der EU, der Nato und dem wichtigen Verbündeten Deutschland bedeutet. Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine hatte Macron vor genau diesem Szenario immer wieder gewarnt – wie es scheint, erfolgreich. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schrieb auf Twitter, Macrons Wiederwahl sei ein „starkes Bekenntnis zu Europa“.

Félicitations, herzliche Glückwünsche, lieber Präsident @EmmanuelMacron. Deine Wählerinnen und Wähler haben heute auch ein starkes Bekenntnis zu Europa gesendet. Ich freue mich, dass wir unsere gute Zusammenarbeit fortsetzen! https://t.co/ZJQSc6OAz9

Auch in Brüssel scheint man aufzuatmen: EU-Ratspräsident Charles Michel gratulierte Macron und schrieb, Europa brauche in diesen stürmischen Zeiten ein Frankreich, dass sich voll und ganz für eine souveränere EU einsetze. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilte mit, sie freue sich auf eine weitere ausgezeichnete Zusammenarbeit.

ARD Hauptstadt-Korrespondentin Tina Hassel fasst zusammen, was ein Sieg von Marine Le Pen bedeutet hätte.

Nach der Frankreich-Wahl: Macron zeigt sich demütig

Als Macron dann gegen 21.30 Uhr über den Champ de Mars beim Eiffelturm in Paris geht, um seine Siegesrede zu halten, ist die Europahymne „Ode an die Freude“ zu hören. Sein erstes Wort: „Merci“. Und dann gibt er sich demütig:

Ich weiß, dass viele unserer Mitbürger heute mich gewählt haben, um die Ideen der Rechtsextremen zu verhindern und nicht um die meinen zu unterstützen. Ich weiß, dass ihre Stimme mich für die kommenden Jahre verpflichtet.

Weiter sagte bei seiner Siegesrede, auf die Wut der Le Pen-Wähler müsse es Antworten geben.

Frankreich: Macron gewinnt, doch Le Pen holt mehr als 40 Prozent

Für Macron gibt es an diesem Abend nicht nur Grund zur Freude. Dafür sorgen vor allem zwei Punkte:

Erstens: Le Pen hat über 40 Prozent der Stimmen geholt. Das ist ein großer Erfolg in ihrem dritten Anlauf auf die Präsidentschaft. 2017 kam sie im zweiten Wahlgang noch auf 34 Prozent. Vor allem unter Arbeitern, in vernachlässigten ländlichen Gebieten und ehemaligen Industriezentren konnte Le Pen in den vergangenen Jahren stetig neue Wähler für ihre Partei begeistern. Sie sehe ihr bisher bestes Ergebnis als einen „leuchtenden Sieg für sich“, erklärte Le Pen am Sonntagabend. „Die Ideen, die wir repräsentieren, erreichen Gipfel.“ Das Spiel sei noch nicht vorbei, sagte sie zu ihren Anhängern. Denn jetzt beginne der Kampf um die Parlamentswahlen.

Der rechtsextreme Politiker Éric Zemmour macht sich bereits für ein Rechtsbündnis bei den Parlamentswahlen im Juni stark. Die nationalistischen Bewegungen müssten ihre Kräfte Bündeln, sagte er.

Wahlbeteiligung in Frankreich ist historisch niedrig

Der zweite Punkt betrifft die Wahlbeteiligung:

28 Prozent der Wahlberechtigten blieben den Wahlurnen fern, das ist der zweithöchste Stand bei einer Stichwahl zum Präsidentenamt in Frankreich überhaupt. Laut dem offiziellen Endergebnis von Mittwoch lag die Wahlbeteiligung bei 71,9 Prozent. 48,75 Millionen Wahlberechtigte hatten sich zur Stimmabgabe registriert. Über 2,2 Millionen Wähler gaben einen leeren Stimmzettel ab, weil ihnen keiner der beiden Bewerber passte.

Vor allem die Wähler des Linken Jean-Luc Mélenchon – er war im ersten Wahlgang Dritter geworden – konnten sich weder mit den Positionen des amtierenden Präsidenten noch mit Le Pens nationalistischer Agenda identifizieren.

Frankreich-Wahl: Für was stehen Macron und Le Pen?

Die Stichwahl hatte wegen der Zeitverschiebung in den ersten französischen Übersee-Gebieten schon in der Nacht zum Sonntag begonnen. Um acht Uhr morgens öffneten die Wahllokale dann auch auf dem Festland. Bis 20 Uhr konnten die Französinnen und Franzosen abstimmen. Wir stellen euch die beiden Kandidaten nochmal vor!

Wer ist Marine Le Pen?
Wer ist Emmanuel Macron?

Wer ist Marine Le Pen?

Marine Le Pen (53) ist studierte Juristin. Ihr Vater Jean-Marie Le Pen hatte die Vorgängerpartei gegründet, den Front National (deutsch "Die nationale Front"). Jahrzehntelang polarisierte der Rechtsextremist und Holocaustleugner in Frankreich genauso wie heute seine Tochter: Die einen hassten ihn, andere verehrten ihn.

Seine Tochter übernahm 2011 von ihm die Parteiführung. Mittlerweile hat sie die rechtsextreme Partei umbenannt in Rassemblement National (RN), was auf deutsch in etwa „Nationale Versammlung“ bedeutet. Marine Le Pen ist dreifache Mutter.

Wer ist Emmanuel Macron?

Emmanuel Macron (44) wurde als eines von drei Kindern eines Professors und einer Kinderärztin geboren. Später absolvierte er unter anderem ein Studium an einer der renommierten Verwaltungshochschulen Frankreichs mit Sitz in Straßburg. Sie haben schon mehrere spätere Präsidenten hervorgebracht und gelten als Elite-Hochschulen, was auch Angriffsfläche für Populisten bietet.

Macron auf einer Bühne. Er spricht eindrücklich zu den Zuschauern. Im Vordergrund: Eine französische und eine europische Flagge. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Emmanuel Macron im Wahlkampf Picture Alliance

Als politisch liberaler Politiker musste er sich immer wieder den Vorwurf anhören, er wirke mit seinen politischen Aussagen auf manche Wähler arrogant, beispielsweise auf Arbeiter. Macron ist mit Brigitte Macron verheiratet, die früher seine Lehrerin war. Dementsprechend liegt zwischen beiden ein Altersunterschied von 25 Jahren.

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