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Gil Ofarim hatte in einem emotionalen Video davon berichtet, dass er im Leipziger „Westin“-Hotel antisemitisch beleidigt worden sei. Jetzt wehrt sich der beschuldigte Hotelmitarbeiter.

„Ich bin sprachlos. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“ So beginnt der Sänger und Schauspieler Gil Ofarim sein Video auf Instagram am Dienstag, in dem er nach Worten sucht, irgendwann anfängt zu weinen und darüber berichtet, wie er von einem Hotelmitarbeiter antisemitisch beleidigt wurde.

Staatsanwaltschaft in Leipzig ermittelt

Das Video schlägt riesen Wellen, es gibt unzählige Reaktionen. Auch der beschuldigte Mitarbeiter hat jetzt Stellung bezogen, er erstattete Anzeige wegen Verleumdung. Der Mann schildere den Vorfall mit dem Künstler Gil Ofarim „deutlich abweichend von den Auslassungen des Musikers“, sagte Polizeisprecher Olaf Hoppe.

Der Hotelangestellte habe zudem noch eine zweite Anzeige wegen Bedrohung gestellt. In den sozialen Netzwerken hätten sich Menschen „völlig entfesselt“ gegenüber dem Hotelpersonal geäußert. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft hätten sämtliche Ermittlungen aufgenommen.

Nun gilt es abzuwarten, was die Ermittlungen ergeben und was tatsächlich an dem Tag geschehen ist.

Das Hotelmanagement in Leipzig beurlaubte laut einer Sprecherin zwei Mitarbeiter für die Dauer der Ermittlungen.

Jetzt recherchieren auch das Hotel und die Staatsanwaltschaft den Vorfall

Jetzt will auch das Westin Hotel wissen, was genau vorgefallen ist und stellt eigene Nachforschungen an. Das Hotel habe damit begonnen, alle möglichen Zeugen des Vorfalls zu befragen, sagte Hotelmanager Andreas Hachmeister der Leipziger Volkszeitung.

Wir haben aber inzwischen auch alle Gäste kontaktiert, die in der Schlange hinter Herrn Ofarim standen und etwas von dem Vorfall mitbekommen haben müssten.

In den nächsten Tagen wolle Hachmeister die Ergebnisse öffentlich machen. Ein Gast habe sich von sich aus an die Hotelleitung gewandt. „Er hat uns gesagt, es stimme alles nicht, was in dem Video zu hören ist“, sagte der Geschäftsführer.

Auch die Staatsanwaltschaft Leipzig versucht, Zeugen zu finden und zu befragen. „Bislang liegen uns keine Angaben von unbeteiligten Dritten dazu vor“, sagte Sprecher Ricardo Schulz am Donnerstag. Die Ermittlungen würden sicher noch eine ganze Weile dauern.

Was ist laut Gil Ofarim im Hotel passiert?

Gemeinsam mit anderen hätte der Sänger in der Rezeption des Hotels in einer Schlange gestanden. Es wäre langsam vorangegangen, aber immer wieder hätten Hotelangestellte einzelne Personen aus der Schlange vorgezogen. Als er den Hotelmitarbeiter dann gefragt habe, warum andere vorgezogen würden, habe dieser geantwortet: „Um die Schlange zu entzerren.“ Ofarim erwiderte, er sei ja auch in der Schlange gestanden – warum er dann nicht drangekommen sei. Da ruft jemand aus der Ecke: „Pack deinen Stern ein.“ Der Sänger ist jüdischen Glaubens und trägt eine Kette mit einem Davidstern.

Leipziger Hotelmitarbeiter wiederholt: „Packen Sie Ihren Stern ein“

Daraufhin habe der Hotelmitarbeiter, den Ofarim in dem Instagram-Beitrag als einen Herrn W. vorstellt, gesagt: „Packen Sie Ihren Stern ein.“ Dann dürfe er ins Hotel einchecken.

Passiert sei das Ganze im The Westin Hotel Leipzig. Ein Sprecher des Hotels sagte auf Anfrage von SWR3, dass man sehr besorgt über den Bericht sei und die Angelegenheit extrem ernst nehme. Das Unternehmen versuche, Ofarim zu kontaktieren, um herauszufinden, was passiert sei.

Unser Ziel ist es, alle unsere Gäste und Mitarbeiter, unabhängig von ihrer Religion, gegenseitig integrativ, respektvoll und unterstützend zu behandeln.

So reagiert das Leipziger Hotel im Netz

Rund 20 Menschen, offenbar Mitarbeiter des Westin Hotels Leipzig, stehen in einer Reihe vor dem Hoteleingang. Vor sich halten die rund 20 Menschen mehrere Plakate. Darauf zu sehen: Israel-Flaggen - inklusive Davidstern - und zweimal ein Halbmond mit Stern. In der Mitte steht der Name des Hotels.

Ofarim: Bis jetzt habe sich das Hotel nicht entschuldigt

Im ARD-Magazin Brisant sagte Ofarim, ob er Anzeige gegen die Mitarbeiter des Hotels stelle, habe er noch nicht entschieden. Aber: Er sei von der Kommunikation des Hotels enttäuscht.

Ich habe bislang weder eine Stellungnahme noch eine Form der Entschuldigung erhalten, gar nichts.

Antisemitismus habe er als Sohn eines israelischen Vaters schon häufig erlebt.

Dass es so hohe Wellen schlägt, hätte ich nicht gedacht. Ich bin gleichzeitig auch sehr dankbar, dass es nicht unterging und dass es die Gesellschaft mitkriegen kann. Ich hoffe, dass sich diesmal auch etwas ändern kann.

Ofarim: „Es war genauso“

Im Interview mit Spiegel online erklärte der Musiker, er bleibe bei seiner Darstellung: „Es war genauso, wie ich es in dem Video gesagt habe, es gab keinen Streit oder Ähnliches.“ Er fände es „beschämend und traurig, dass ich mich nach diesem Vorfall auch noch rechtfertigen und erklären muss“.

Hunderte Menschen bei Solidaritäts-Demo vor Westin Leipzig

Am Dienstagabend versammelten sich Hunderte Menschen vor dem Westin. Zu der Demo für Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Deutschland hatte das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ aufgerufen. Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmenden zunächst auf einen „mittleren dreistelligen Bereich“.

Hunderte Menschen stehen am Abend vor einem Leipziger Hotel. Unter ihnen sind auch einige Journalisten. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Dirk Knofe)
Einige Teilnehmer der Demo trugen Israelfahnen, andere hielten ein langes Plakat mit der Aufschrift „Gegen jeden Antisemitismus“. picture alliance/dpa | Dirk Knofe

600 Menschen in Leipzig, an einem Dienstagabend. Für uns ist klar: es darf kein Wegsehen geben, niemals. Wir müssen dem Antisemitismus in unserer Gesellschaft immer wieder die rote Karte zeigen. Im Alltag, auf der Straße, im Parlament ✊ #le0510 #dersternbleibt @platznehmen https://t.co/eWg36A8O7U

Zentralrat der Juden auf Twitter: „Anfeindung ist erschreckend“

Klare Worte findet Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden:

Dr. Schuster: "Die antisemitische Anfeindung gegen @GilOfarim ist erschreckend. So wie zu hoffen ist, dass das @westin personelle Konsequenzen zieht, hoffe ich ebenso, dass wir künftig auf Solidarität treffen, wenn wir angegriffen werden." #Antisemitismus https://t.co/cMsyKd7SH6

Der Vorfall wird auch von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aufs Schärfste verurteilt.

Das ist ein unfassbarer Fall von Antisemitismus und in der Tat ein Verstoß gegen das AGG. Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben. @Westin #Antisemitismus https://t.co/h3viN0ZOrw

Auch viele andere User – ob privat oder aus der Politik – stehen hinter Gil Ofarim:

Es ist inakzeptabel und macht mich wütend, was #GilOfarim in meinem Heimatland widerfahren ist. Ich spreche für die übergroße Mehrheit der Menschen in #sachsen, wenn ich mich stellvertretend für die antisemitische Demütigung entschuldige. Wir haben noch viel zu tun in Sachsen!

#stehauf gegen #Antisemitismus und Judenhass. Solidarität mit @GilOfarim. ✡️ https://t.co/1tqM1dLSvn https://t.co/3eprtTKw19

Unmöglich! Der Musiker ⁦@GilOfarim⁩ wurde gestern Abend im ⁦@Westin⁩ Hotel Leipzig erst ignoriert & auf Nachfrage aufgefordert seinen Davidstern wegzupacken, um an der Rezeption einchecken zu können. Wir fordern Konsequenzen!! #Antisemitismus https://t.co/IBbHSKBPas

Unerträglich und inakzeptabel. #Antisemitismus darf keinen Platz bei uns haben und muss an der Wurzel bekämpft werden. @Marriott muss umgehend Konsequenzen ziehen. https://t.co/tp2LInGjP9

Ich will nicht in einem Land leben, in dem Menschen ihren #Davidstern beim Hotel Check-In „einpacken“ sollen. Wir alle haben das in der Hand: #Antisemitismus jeglicher Art darf keinen Platz in 🇩🇪 haben.

„Packen Sie ihren Stern ein, dann dürfen Sie ins Hotel einchecken.“ Dem Musiker @GilOfarim wurde gestern einfach der CheckIn ins The Westin Leipzig verwehrt, weil er sichtbar einen Davidstern trug. Es reicht! Wir wollen uns nicht mehr verstecken! #Antisemitismus

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 21. Oktober, 07:31 Uhr - SWR3 Nachrichten

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