STAND
AUTOR/IN
Leo Eder (Foto: SWR3)

Indien befindet sich im Würgegriff der zweiten großen Corona-Welle. Eine „indische“ Corona-Mutante verstärkt die Sorgen – und längst hat sie sich weit über Indien hinaus verbreitet.

Corona-Doppelmutation klingt nicht nach etwas, womit man unbedingt zu tun haben will. Nach einer britischen, südafrikanischen und brasilianischen Variante des Coronavirus – um nur die bekanntesten zu nennen – verbreitet sich jetzt also eine Mutante vor allem von Indien aus mit dem Namen B.1.617. Nachgewiesen wurde sie unter anderem schon in Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, den USA und Australien.

In Indien verzeichnete die Zahl der täglichen Neuinfektionen zuletzt einen rasanten Anstieg: Allein am Montag meldete das Land 352.991 Corona-Neuinfektionen und 2.812 Tote in Verbindung mit einer Coronavirus-Infektion. Dies ist ein Höchststand solcher Todesfälle innerhalb eines Tages in Indien. Mit mehr als 17 Millionen bestätigten Infektionen weist Indien weltweit die zweitmeisten Ansteckungen nach den USA auf. Die Dunkelziffern dürften in dem Land deutlich höher liegen.

"It's breaking our hearts, but we cannot do anything." Hospitals in India are forced to turn away patients, as the country battles world's worst coronavirus surge. https://t.co/bhyxXA6cO1

Wenig bekannt über B.1.617

Ob die neue Variante für das zunehmende Tempo von Ansteckungen verantwortlich ist, ist noch unklar. In Indien werden bisher nicht viele Genom-Sequenzierungen vorgenommen. Nur weniger als ein Prozent aller Viren-Proben wurden untersucht.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet die Virusvariante, hat sie aber noch nicht als besorgniserregend eingestuft. Als besorgniserregend gilt eine Variante nach WHO-Angaben, wenn bekannt ist, dass sie sich leichter ausbreitet, schwerere Krankheiten verursacht, dem Immunsystem entgeht, das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert.

Es gebe viele mögliche Faktoren für die Situation in Indien, gab eine WHO-Sprecherin zu bedenken. So fanden in Indien zuletzt große religiöse Feste und Wahlkampfveranstaltungen statt, außerdem verbreite sich die britische Variante B.1.1.7 ebenfalls in Indien. Ob die indische Variante B.1.617 mehr schwere Krankheitsverläufe auslöse und damit zu höheren Todeszahlen beitrage, sei bislang ebenfalls nicht klar, sagte die Sprecherin. Die höheren Todeszahlen könnten auch daran liegen, dass Kliniken ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben.

Was hat es mit der Doppelmutation auf sich?

Die Variante B.1.617 hat zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein. Zum einen trägt sie eine sogenannte Escape-Mutation, ähnlich wie bei den Varianten aus Südafrika und Brasilien. Diese könnte bewirken, dass das Virus Antikörpern, die durch Impfstoffe oder eine genesene Covid-Erkrankung gebildet wurden, entkommen könnte. Die zweite Mutation könnte die Infektiosität beeinflussen.

Deutschland erklärt Indien zum Virusvariantengebiet und bietet Hilfe an

Deutschland hat Indien am Montag zum Virusvariantengebiet erklärt. Damit gilt ein weitgehendes Einreiseverbot für Menschen, die sich zuvor in Indien aufgehalten haben. Der Chef des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, findet das gut. Er sagte der Rheinischen Post, dass „alle Maßnahmen der Kontakteinschränkung gegenüber potenziell hiermit Infizierten gerechtfertigt“ seien. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bot Indien Hilfe an.

Kanzlerin #Merkel: Deutschland steht Seite an Seite in Solidarität mit Indien. #CovidIndia https://t.co/qzlKTjhnhl

Aus Deutschland kommt Hilfe für Indien - dringend benötigte Transporttanks für Sauerstoff. https://t.co/3Dxm0icc9n

USA lockern Exportbeschränkungen für Impfstoff-Rohstoffe

Auch die USA wollen Indien in der Corona-Krise unterstützen und haben deshalb Exportbeschränkungen für Ausgangsstoffe für Vakzine aufgehoben. Zur Begründung hieß es, Indien habe den Vereinigten Staaten Hilfe geschickt, als die Krankenhäuser zu Beginn der Pandemie überlastet waren. Nun wollen die USA helfen. Geplant ist zunächst, Rohstoffe zu schicken, mit denen die indische Version des Astrazeneca-Impfstoffes hergestellt werden kann. Außerdem sollen Beatmungsgeräte, Medikamente, Tests und Schutzausrüstung versandt werden. Gearbeitet werde rund um die Uhr, um alles zu beschaffen, heißt es aus dem Weißen Haus.

Indischer Politiker: Kein Mangel an Sauerstoff in Krankenhäusern

Während Deutschland und andere Länder Hilfspakete schnüren und Indien mit Sauerstoff, Beatmungsgeräten und Medikamenten unterstützen wollen, behauptet manch ein indischer Politiker, dass der Sauerstoff in den Krankenhäusern gar nicht knapp sei:

“No oxygen shortage in any #COVID19 hospital” a leading Indian 🇮🇳 politicians now claims—& orders to further seize the property of individuals who spread “rumours” and propaganda on social media and try to “spoil the atmosphere”. Public statement too. 😡 https://t.co/Eaf1zygrdu https://t.co/mZKTs3UJzC

Zudem sorgt für Empörung, dass die indische Regierung Insidern zufolge die Beschaffung ausländischer Impfstoffe den Bundesstaaten überlassen will. Sie selbst wolle vielmehr indische Hersteller unterstützen, wie aus Regierungskreisen verlautete. Das könnte Experten zufolge die Impfkampagne weiter zurückwerfen, da einige Bundesstaaten den Zukauf aus dem Ausland nicht bezahlen könnten. Dann müssten sie die Kosten auf die Bevölkerung umlegen, die sich das wiederum auch nicht leisten könne.

STAND
AUTOR/IN
Leo Eder (Foto: SWR3)

Meistgelesen

  1. Stuttgart

    Corona-Regeln in BW Inzidenz unter 100? Biergärten und Restaurants in BW ab Samstag

    Hoffnung für Gastronomie, Hotels und Geschäfte: Baden-Württemberg plant Öffnungen in drei Stufen. Wie genau die aussehen sollen, soll bald entschieden werden.  mehr...

  2. SWR3-Report: Rassismus im Alltag „Ich habe schlimme Sachen mit diesem Wort erlebt"

    Viele halten sich für absolut anti-rassistisch. Doch Schauspielerin Dominique Siassia macht erschreckend oft andere Erfahrungen. Ob böse gemeint oder nicht – viele Wörter verletzen sie. Sie erklärt warum.  mehr...

  3. News-Ticker zum Coronavirus BW: Gastronomie kann Innenbereiche öffnen – bei Inzidenz unter 100

    Wegen der hohen Infektionszahlen gibt es in Deutschland zurzeit strengere Regeln und Beschränkungen im öffentlichen Leben. Alle aktuellen Entwicklungen gibt es hier im Corona-Ticker.  mehr...

  4. Wien

    SWR3 Tatort-Check Tatort-Wien: Schauspieler Harald Krassnitzer verliert Job

    Mal ehrlich: Er hat als Kommissar Moritz Eisner einfach zu viele Fragen gestellt. Besonders im Tatort „Verschwörung“ geht er damit vielen Mächtigen auf den Geist – und nun soll wirklich Schluss sein?  mehr...

  5. 3 Tipps gegen Hate Speech Hass und Rassismus im Netz? Tu was dagegen!

    Früher hieß es mal, man solle unangemessene Kommentare ignorieren – klar, dann kriegt der Kommentar gar nicht erst die Aufmerksamkeit, die er eigentlich auch nicht verdient hat. Das ist überholt, diese Tipps sind besser.  mehr...

  6. Für Mädchen und Jungen Hanna(h) ist es nicht mehr: Das sind die beliebtesten Vornamen 2020

    Während Hannah und Noah die beliebtesten Vornamen im Jahr 2019 waren, hat sich der Geschmack im Folgejahr ein bisschen geändert.  mehr...