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Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)

Die Inflationsraten in Deutschland und Europa klettern derzeit auf ungeahnte Höhen. Woran liegt das? Welche Gefahr droht und wann endet der Trend? Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Die Meldung zu neuen Inflationshöchstständen überschlagen sich derzeit: Am Donnerstag schätzte das Statistische Bundesamt für Oktober einen neuen Höchststand für Deutschland mit einer Rate 4,5 Prozent – das gab es zuletzt vor 28 Jahren. Dann am Freitag die neuen Zahlen für die Eurozone: Auch hier reist die Inflationsrate einen Rekordwert von 4,1 Prozent. Zuletzt lag sie vor 13 Jahren so hoch.

Woran liegt es, dass die Inflation so hoch ist?

Gründe für die hohe Inflation gibt es einige. Die wichtigsten sind derzeit wohl die rasant steigenden Öl- und Gaspreise. Hinzu kommt die Wiedereröffnung der Wirtschaft nachdem diese coronabedingt lange schlecht lief. Nun gibt es Lieferengpässe – etwa bei Halbleitern, aber auch bei anderen Vorprodukten und Rohstoffen wie Holz und Stahl. Und knappe Güter werden automatisch teurer. ARD-Börsen-Experte Klaus-Rainer Jackisch sieht aber noch weitere Faktoren: Um die Lieferengpässe zu umgehen, produzieren außerdem viele Unternehmen wieder verstärkt in Europa. Das bedeutet ebenfalls höhere Kosten beispielsweise durch höhere Löhne. China ist außerdem nicht mehr das Billiglohnland, dass es mal war, sagt Jackisch, sondern dort steigen Löhne und somit Produktionskosten ebenfalls. „Und die Energiewende, die gibt es eben auch nicht umsonst“, ergänzt er. Das betreffe aber nicht nur Deutschland, sondern Europa und die ganze Welt.

In einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes werden außerdem die niedrigen Preise 2020 genannt. Insbesondere die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze zwischen Juli und Dezember 2020 und der Preisverfall der Mineralölprodukte lassen die Preise jetzt vergleichsweise in die Höhe schnellen, so die Statistiker.

Was bedeutet eine hohe Inflation?

Die Inflation - auch Teuerungsrate genannt - beschreibt einen Durchschnittswert, wie sich Waren, Güter und Dienstleistungen verteuern. Das lässt sich derzeit auch ganz gut beobachten. Besonders bei den Energiepreisen (Heizöl, Strom, Kraftstoffe etc.), die sich im Oktober um 23,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verteuert haben. Aber auch die Preise für Lebensmittel – gerade bei Obst und Gemüse – steigen, was Verbraucher derzeit im Supermarkt spüren können.

Das Gegenteil von Inflation, wenn also Waren, Güter und Dienstleistungen immer billiger werden, nennt man Deflation. Inflation ist nicht zwangsweise schlecht, sondern eher ein Zeichen oder „Symptom“ von wirtschaftlichem Wachstum und Produktivitätssteigerung. Deswegen setzt die Europäische Zentralbank EZB auch eine mittelfristige Teuerung von 2,0 Prozent als Idealwert an.

Was passiert, wenn die Inflation zu hoch wird?

Gefahr besteht dann, wenn die Inflation überhand nimmt. Denn eine zu hohe Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro weniger kaufen können als zuvor. Insbesondere dann, wenn die Löhne nicht mit der Inflation wachsen. Steigt die Inflation weiter, kann es im schlimmsten Fall sogar zu einer Hyperinflation kommen.

Das war zum Beispiel bei der Weltwirtschaftskrise um 1929 der Fall. In Deutschland führte das dazu, dass damals einfache Lebensmittel wie Brot und Butter Millionen Mark kosteten. Einen Vorteil hat die Inflation allerdings – nämlich bei Schulden. Die werden dadurch zwar von der reinen Summe her nicht weniger, können aber „leichter“ abgezahlt werden, falls die Löhne und Gehälter auch steigen.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main (Foto: IMAGO, Imago Images)
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main Imago Images

Was kann man gegen hohe Inflation tun?

Theoretisch gibt es einfache Mittel, um einer Inflation entgegenzusteuern. Bei einer Inflation ist zu viel Geld auf dem Markt verfügbar. Diese Verfügbarkeit kann verknappt werden, indem Geld bei den Banken, die das verleihen, teurer wird. Wenn also Kredite bei Banken durch höhere Zinsen teurer werden, wirkt das einer Inflation entgegen. Für Verbraucher bedeuteten höhere Zinsen außerdem, dass es attraktiver wird, ihr Geld anzulegen (beispielsweise durch sparen) und größere Anschaffungen zu verschieben. Ergebnis: Weniger Geld ist in Umlauf.

Zwar kann den Banken niemand vorschreiben, welche Zinsen sie wofür ansetzen dürfen, jedoch orientieren sich Banken am Leitzins. Der wird von der EZB festgelegt. Der Leitzins ist allerdings schon seit 2016 bei null Prozent. Und die EZB hat noch nicht vor, das zu ändern.

Inflation mit 4,5 Prozent auf Rekordhoch (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Pleul)

Inflation mit 4,5 Prozent auf Rekordhoch

Dauer

Warum hebt die EZB nicht einfach den Leitzins an und bekämpft dadurch die Inflation?

In seiner Analyse erklärt Börsenexperte Jackisch die Gründe für das Verhalten der Europäischen Zentralbank: Hauptaufgabe der EZB ist es, für stabile Preise in der Eurozone zu sorgen. Doch in den vergangen Jahren hat sich die Zentralbank auch noch für ein anderes Ziel stark gemacht, auch wenn sie es offiziell nie zugeben würde: die Rücksichtnahme auf die hochverschuldeten Staatshaushalte vor allem in den südeuropäischen Ländern.

Dort hat die Corona-Krise die Lage wieder deutlich verschärft: So zog in Spanien die Staatsverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt wegen des Zusammenbruchs im wichtigen Tourismus-Sektor von rund 95 auf etwa 125 Prozent an. In Griechenland liegt sie mit knapp 210 Prozent weiter am höchsten, auf dem zweiten Platz folgt Italien mit 160 Prozent. In Deutschland liegt sie bei 71,1 Prozent im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt.

Würden die von der EZB gewährten Hilfen zu schnell zurückgezogen und würden gar die Zinsen wieder steigen, hätten diese Länder erhebliche Probleme, sich frisches Geld auf den Finanzmärkten zu beschaffen und Wirtschaftswachstum würde dort abgewürgt werden. Eine neue Euro-Krise wäre nicht ausgeschlossen. In diesen Überlegungen sehen viele Kritiker den wahren Grund für das Zögern der EZB, angesichts der steigenden Preise zu handeln. 

Kurzum: Eine hohe Inflation nutzt in gewissem Maße den Ländern, die hohe Schulden haben. Außerdem ist die Inflation nicht in allen Ländern der Eurozone gleich hoch. In Portugal oder Malta ist sie derzeit sogar recht niedrig.

Wann geht die Inflation wieder zurück?

Die EZB sieht die derzeitige Entwicklung der Inflation als temporäres Problem an. Sie rechnet im kommenden Jahr mit rückläufigen Werten. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte, dass sich besonders die Lieferengpässe wieder normalisieren würden. Angebot und Nachfrage würden von den Wirtschaftsakteuren wieder zusammengebracht, so Lagarde.

Pressekonferenz verpasst? EZB-Präsidentin @Lagarde zu Lieferengpässen, die zu den aktuellen Inflationstreibern zählen https://t.co/dq5VJFdIVo

The current higher inflation is mainly because oil, gas and electricity prices have gone up a lot and demand is rising faster than supply with the reopening of the economy. But we expect inflation to fall in the course of 2022 as these issues fade away 3/4 https://t.co/53LfuZGnxu

Und was sagen Experten zur Prognose der EZB?

Diese Sichtweise wird nicht von allen Fachleuten geteilt. ARD-Börsenexperte Jackisch geht davon aus, dass die Inflationsrate in den nächsten Jahren eher weiter steigt und höher liegen wird als vor Corona. Er denkt, dass die oben beschriebenen Gründe längerfristig vorhanden sein werden.

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