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Seit der zweiten Maiwoche eskaliert die Gewalt im Nahen Osten. Israel bombardiert aus der Luft den Gazastreifen und militante Palästinenser feuern von dort Raketen auf israelische Städte. Es sind die schwersten Kämpfe seit Jahren und die Zahl der Toten und Verletzten wächst auf beiden Seiten. Wie konnte es soweit kommen?

Eins vorweg: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist komplex, dauert schon Jahrzehnte an und wer glaubt, mit ein paar Facebook-Bildchen oder Twitter-Hashtags sei irgendeine Form von „Schuldfrage“ geklärt, der irrt. Auch spielen viele weitere internationale Akteure wie die USA, die EU und Nachbarstaaten wie Iran eine Rolle. Einfache Antworten gibt es also nicht.

Die aktuelle Situation

Im Mai, kurz vor dem Ende des Fastenmonats Ramadan, ist die Lage im Nahen Osten eskaliert und es ist zu den schwersten Zusammenstößen seit Jahren gekommen. Beide Seiten beklagen Tote und Verletzte, die Gewalt scheint nicht abzureissen. Die Gründe für die aktuelle Gewalteskalation lassen sich an ein paar Punkten festmachen. Um die soll es hier zunächst gehen. Der Konflikt hat aber tiefgreifende historische Wurzeln, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs reichen.

Jerusalem, die „unteilbare Hauptstadt“

Jerusalem, die Hauptstadt Israels spielt eine zentrale Rolle im Konflikt. Hier befindet sich der Tempelberg, der für Juden und Muslime von zentraler Bedeutung ist: Zum einen steht dort die Al-Aqsa-Moschee – für die islamische Welt die drittwichtigste Moschee nach denen in Mekka und Medina. Auch der Felsendom ist dort und im Zentrum der Fels von wo aus der Prophet Mohamed seine Himmelfahrt angetreten haben soll.

Auf dem Tempelberg standen aber auch zwei große jüdische Tempel, die von den Babyloniern und den Römern zerstört wurden. Übrig geblieben ist – vom jüngeren Tempel – die Klagemauer als vielleicht die wichtigste Pilgerstätte des Judentums.

Klagemauer und Felsendom in Jerusalem (Foto: Colourbox)
Klagemauer und Felsendom in Jerusalem.

Israel betrachtet die „Heilige Stadt“ als ewig unteilbar. Im sogenannten Jerusalem-Gesetz, das 1980 vom israelischen Parlament verabschiedet wurde, heißt es an zentraler Stelle: „Das vollständige und vereinigte Jerusalem ist die Hauptstadt Israels.“ Die Palästinenser beharren ihrerseits auf dem Ostteil der Stadt, der im Falle eines zukünftigen palästinensischen Staates auch Hauptstadt sein soll. Die Diskussion darüber läuft schon seit Jahren weitgehend ergebnislos.

Feierlichkeiten zur Annektierung Ost-Jerusalems im Mai

Immer am 10. Mai feiert Israel die Eroberung Ost-Jerusalems während des Sechs-Tage-Kriegs 1967. Dieses Mal hatte die israelische Polizei allerdings jüdischen Organisationen Flaggenmärsche auf den Tempelberg verboten, da sich Spannungen schon abzeichneten. Trotzdem waren viele jüdische Gläubige gekommen, was die Palästinenser wütend machte.

Mögliche Zwangsräumungen von arabischen Familien

In Sheikh Jarrah, einem arabischen Viertel von Jerusalem kam es in diesem Jahr ebenfalls zu gewaltsamen Auseinandersetzungen unter anderem mit der israelischen Grenzpolizei. Laut historischem israelischem Recht können Juden dort Grundstücke, die sie oder ihre Vorfahren im Krieg von 1948 verloren hatten, zurückerhalten. Für Palästinenser gilt das nicht. Weil eine nationalistische jüdische Organisation Ansprüche angemeldet hat, stehen mehrere arabische Familien nun vor der Zwangsräumung. Um die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen, hat Israels Oberster Gerichtshof die Verhandlung über eine mögliche Zwangsräumung allerdings kurzfristig abgesagt.

Abgesagte palästinensische Parlamentswahl

Grob gesagt lassen sich die palästinensischen Gebiete im Nahen Osten in das Westjordanland und den Gazastreifen unterteilen. Im Westjordanland regiert die Fatah unter Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas. In Gaza hingegen ist die Hamas, die als radikalislamisch gilt und von den meisten westlichen Staaten als terroristische Organisation angesehen wird. Zwischen den beiden Organisationen gibt es immer wieder Machtkämpfe über die poltische Vormachtstellung.

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Vor der Palästinenserwahl im April – es wäre die erste seit 15 Jahren gewesen – schien die Hamas auf dem Weg, sich zu mäßigen. Sogar von einem Abkommen mit Israel war die Rede. Sie versuchte, vom Klischee der raketenschießenden Terroristen wegzukommen. Sie stand auch in Umfragen gar nicht so schlecht da. Doch dann sagte Palästinenser-Präsident Abbas die Wahlen ab. Eine Neuansetzung der palästinensischen Parlamentswahl ist derzeit ungewiss. Also, so scheint es, setzt die Hamas darauf, sich als der eigentlich starke Akteur in der palästinensischen Arena aufzustellen – wie in der Vergangenheit mit Raketenangriffen. Während die palästinensische Autonomiebehörde um Mahmud Abbas als korrupt und ungeliebt gilt, inszeniert sich die Hamas als aufrechte Kämpferin für die palästinensische Sache. Auch wenn das Ganze zu einem Konflikt mit vielen Toten auf beiden Seiten führt.

Bettina Marx,  Leiterin des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah, beschreibt, dass vor allen Dingen junge Palästinenser nach der Absage der Palästinensischen Wahlen das Gefühl hätten, niemanden zu haben, der für sie spreche. Diese Verzweiflung habe dazu geführt, dass die Palästinenser nun versuchen würden, sich selbst zu helfen.

Israelische Grenzpolizisten drängen einen Palästinenser zurück (Foto: Imago, IMAGO / UPI Photo)

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Der historische Hintergrund

Es sind mindestens zwei historische Ereignisse, die den Hintergrund zum jahrzehntelangen Konflikt bilden: Der Krieg von 1948 und der Sechstagekrieg von 1967.

Der Krieg von 1948

Die UNO-Resolution 181 vom November 1947 sah eine Teilung des früheren britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen sowie einen arabischen Staat vor. Die Stadt Jerusalem sollte international bleiben. Zwar lehnten die arabischen Staaten den Plan ab, doch die jüdische Selbstverwaltung rief am 14. Mai 1948 den Staat Israel ins Leben. Nach einem abgewehrten Angriff arabischer Staaten am Folgetag eroberte Israel „Gebiete über das ihm zugesprochene Territorium hinaus, darunter West-Jerusalem“. Das Westjordanland mit dem Ostteil Jerusalems ging indes an Jordanien. 

Der Sechstagekrieg von 1967

19 Jahre lang war Ost-Jerusalem unter jordanischer Herrschaft. Im Juni 1967 eroberte Israel infolge des Sechstagekriegs unter anderem die West Bank (Westjordanland) und Ost-Jerusalem, welches es später völkerrechtswidrig annektierte. Bis heute spricht die arabische Welt von einem Angriffskrieg. Israel nennt es hingegen einen Präventivschlag, dem eine massive Bedrohung durch die arabischen Nachbarstaaten vorausgegangen sei – nicht zuletzt durch Ägypten. 

Der Krieg vor 50 Jahren prägt die Situation bis heute. Welche Rolle spielt er im Bewusstsein von Israelis und Palästinensern? Und was sind die tieferen Gründe dafür, dass sie den Status quo nicht überwinden können?

Mitglieder der Demokratische Front zur Befreiung Palästinas demonstrieren am 12.01.2017 im Gazastreifen wegen massiver Stromausfälle (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Ashraf Amra)

50 Jahre Besatzung Israel, Palästina und der Sechs-Tage-Krieg

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Noch mehr Hintergrundwissen

Wer sich noch umfassender über den geschichtlichen Hintergrund des Konflikts informieren will, findet auf der Webseite der Bundeszentrale für Politische Bildung eine gute Zusammenfassung.

Gibt es im Nahen Osten eigentlich noch was anderes außer Krieg und Gewalt?

Zugegeben die Nachrichten aus Israel und Gaza sind bedrückend. Leicht entsteht der Eindruck, dass dort nur Gewalt, Krieg und Leid herrschen und dass die Fronten unüberwindbar sind. Das ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Der Alltag in Jerusalem, dem Westjordanland und Gaza ist viel komplexer. Es gibt auf beiden Seiten viele Menschen, die im Alltag viel dafür tun, den Konflikt zu überwinden. Israelische Städte wie beispielsweise Nazareth sind sehr arabisch geprägt. Tel Aviv und Jerusalem aber auch Ramallah präsentieren sich den Besuchern als moderne Städte mit starken westlichen Einflüssen.

Um sich ein besseres Bild von der Lebenswirklichkeit vor Ort zu machen, haben wir hier zwei aktuelle Dokumentationen von unseren Kollegen von Arte und dem Hessischen Rundfunk verlinkt.

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 24. September, 05:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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