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Ein Bericht der FAZ legt nahe, dass der Kreis Ahrweiler präzise vor dem Hochwasser gewarnt wurde und nicht rechtzeitig reagiert hat. Auch die Staatsanwaltschaft prüft mittlerweile ein Ermittlungsverfahren. Was ist da dran?

Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 wird sich in das kollektive Gedächtnis Deutschlands einbrennen. Es ist die Nacht, als ein verheerendes Hochwasser Teile von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verwüstet. Besonders den Kreis Ahrweiler trifft es schlimm. Dort sterben mindestens 135 Menschen, 26 werden immer noch vermisst. Ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) wirft jetzt ein neues Licht auf die Ereignisse – und lässt den Kreis nicht gerade gut dastehen. Hätten Menschenleben gerettet werden können? Mittlerweile prüft auch die Staatsanwaltschaft Koblenz die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Es geht um den Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung. Eine Rekonstruktion.

Die Hochwasser-Warnungen kamen schon am Nachmittag

Wie die FAZ berichtet, hatte das rheinland-pfälzische Landesumweltamt schon am Nachmittag des 14. Juli Warnmeldungen herausgegeben und die später auch per automatisierter Mail direkt an den Kreis geschickt. Das Landesumweltamt erstellt seine Warnungen mit Hilfe von Wettervorhersagen, tatsächlich gemessenen Niederschlägen und hydrologischen Modellen.

Landesumweltamt bestätigt: Erste Warnung bereits am 13. Juli

Der SWR hat bei der Behörde nachgefragt und folgende Rückmeldung erhalten:
„Aufgrund dieser Prognosen wurde von der Hochwasservorhersagezentrale bereits am Dienstag, 13.07. für das Ahrgebiet die Warnklasse 2 (gelb) ausgegeben. Am Mittwoch, 14.07. vormittags hat die Hochwasservorhersagezentrale eine ‚rote‘ KATWARN-Meldungen für u.a. das gesamte Einzugsgebiet der Ahr versendet. Ab 17:18 Uhr wurde dann über KATWARN mit der höchsten Warnstufe lila vor einer ‚sehr hohen Hochwassergefährdung‘ gewarnt.“

Mit der Wayback-Machine lässt sich auch ein Screenshot der Webseite des Landesumweltamtes vom 14.7.2021 um 13:00 Uhr finden. Für das Ahr-Einzugsgebiet gilt die Warnklasse „Sehr hohe Hochwassergefährdung“ (lila).

Ein Screenshot von der Webseite des rheinland-pfälzischen Landesumweltamts vom 14.7.2021, 13:00 Uhr mit Hilfe der Wayback-Machine (Foto: SWR, https://web.archive.org/web/20210714163904/http://fruehwarnung.hochwasser-rlp.de/)
Ein Screenshot von der Webseite des rheinland-pfälzischen Landesumweltamts vom 14.7.2021, 13:00 Uhr mit Hilfe der Wayback-Machine https://web.archive.org/web/20210714163904/http://fruehwarnung.hochwasser-rlp.de/

Automatische Mails gingen an die Ahrweilersche Kreisverwaltung

Neben den Warnungen auf der Webseite des Landesumweltamtes gab es auch mehrere automatisierte Mails an die Kreisverwaltung. In denen sei gegen 21:30 Uhr ein erwarteter Pegelstand von fast sieben Metern genannt worden, berichtet die FAZ.
Tatsächlich wurde der Katastrophenfall mit Warnstufe 5 laut der Rhein-Zeitung erst um 23:15 Uhr ausgerufen. Und auch erst dann habe es die Aufforderung gegeben, die Gebäude 50 Meter rechts und links der Ahr zu evakuieren. Landrat Jürgen Pföhler (CDU) habe zu dieser Zeit an die Bevölkerung appelliert, sich in höher gelegene Stockwerke zu begeben – zu diesem Zeitpunkt seien aber bereits Häuser von den Wassermassen mitgerissen worden, berichtet die Zeitung.

Sogar der Pegelmesser Altenahr ist von den Fluten überspült worden

Neben den Warnungen, die auf Prognosen basieren, gab es aber auch ganz konkrete Messungen, die auf die Katastrophe hindeuteten – und zwar am Pegel Altenahr: Kurz nach 19:00 Uhr überschreitet die Flutwelle die historische Marke von 3,21 Meter. Schon eine Stunde beträgt der Pegelstand mehr als 5 Meter. Dann überspülen die Sturzfluten das Messgerät, die Pegelmessung bricht ab.

Was ist schiefgelaufen?

Wieso wurde nicht viel früher evakuiert, wenn es solch konkrete Warnungen und Messungen gab? Ein entscheidender Punkt könnte gewesen sein, dass das Landesumweltamt am frühen Abend seine Hochwasser-Prognose kurzzeitig etwas nach unten korrigiert hatte. Genau damit habe der Landrat von Ahrweiler, Jürgen Pföhler, seine abwartende Haltung begründet, berichtet die FAZ. Die kurzzeitige Korrektur gab es tatsächlich – doch nicht lange. Der SWR hat bei der Behörde nachgefragt und folgende Erklärung erhalten:

Am 14.07.2021 gegen 18 Uhr hatte der DWD seine Regenprognose für den Bereich der Ahr reduziert, worauf das Simulationsprogramm der Hochwasservorhersagezentrale des LfU ebenfalls eine neue Prognose mit einem erwarteten Pegel-Höchststand der Ahr von rund 400 cm statt zuvor ca. 500 cm errechnete. Die gemessenen Pegelstände werden alle 15 Minuten auf der Internetseite www.hochwasser-rlp.de aktualisiert. Diese Pegelstände fließen dann in die Berechnung für aktualisierte Prognosen ein. Nachdem am 14.07.2021 bereits um 19.45 Uhr der gemessene Pegelstand in Altenahr bei 429 cm lag, wurde auf der o.g. Internetseite die Vorhersage auf über 5 Meter erhöht. Eine Stunde später lautete die Vorhersage auf der o.g. Internetseite ‚mehr als 690 cm‘.

Ahrweiler-Landrat Pföhler weist die Vorwürfe zurück

Landrat Jürgen Pföhler (CDU), hat die Verantwortung für mögliche Versäumnisse bei der Warnung der Bevölkerung im Ahrtal zurückgewiesen. Pföhler sagte dem SWR, die technische Einsatzleitung sei verantwortlich für die Alarmierung der Bevölkerung gewesen. Für ihn stehe heute schon fest, dass die vorhandenen Warn- und Alarmierungssysteme auf diese Katastrophe im Ahrtal nicht vorbereitet gewesen seien.

Die Bevölkerung im gesamten Norden von Rheinland-Pfalz könne nicht durch Sirenen gewarnt werden – ganz zu schweigen von einem digitalen Alarmierungsnetz, das jetzt bundesweit diskutiert werde. Schuldzuweisungen würden nicht helfen, erklärte Pföhler gegenüber dem SWR. Er sagte, dass zur Zeit noch niemand vom Kreis, Land oder Bund die Frage nach der Verhinderung der Katastrophe wirklich beantworten könne. Gegenüber der Rhein-Zeitung erklärte Pföhler, es sei eine Ausnahmesituation gewesen. Alle Behörden hätten unverzüglich reagiert.

Landrat Jürgen Pföhler (CDU) besucht die Boeselager-Realschule. Die Schule wurde durch die Flutkatastrophe stark beschädigt.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Thomas Frey)
Landrat Jürgen Pföhler (CDU) besucht die Boeselager-Realschule. Die Schule wurde durch die Flutkatastrophe stark beschädigt. picture alliance/dpa | Thomas Frey

Nach der Hochwasser-Katastrophe: Staatsanwaltschaft Koblenz prüft Ermittlungsverfahren

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) hatte nach dem Unglück gesagt, man hätte natürlich die betroffenen Orte evakuieren können. Das sei aber nicht seine Entscheidung gewesen, sondern die des Kreises. Mittlerweile prüft die Staatsanwaltschaft Koblenz die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Es gebe den Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung infolge möglicherweise unterlassener oder verspäteter Warnungen oder Evakuierungen, teilte die Behörde am Montag mit.

In die Prüfung würden neben Presseberichten auch Feststellungen aus Todesermittlungsverfahren und weitere polizeiliche Hinweise einbezogen. Es lägen inzwischen auch polizeiliche Erkenntnisse zum Tod von zwölf Menschen in einer Betreuungseinrichtung in Sinzig vor, hieß es weiter. Diese würden daraufhin ausgewertet, ob sich aus ihnen der Anfangsverdacht von Straftaten ergebe, meldet die Presseagentur AFP.

Krisenforscher: Katastrophenalarm hätte im Kreis Ahrweiler ausgelöst werden müssen

Der Krisenforscher Frank Roselieb hat in der Rhein-Zeitung schwere Vorwürfe gegen Pföhler erhoben. Das Katastrophenschutzmanagement gehöre zur Kernfunktion jedes Kreischefs und jedes Oberbürgermeisters, sagte der Kieler Wissenschaftler. Dass im Kreis Ahrweiler kein Voralarm ausgelöst worden sei, halte er für unerklärlich.

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 25. September, 03:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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