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Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat einem Spiegel-Bericht zufolge Funksprüche des russischen Militärs abgefangen, die neue Erkenntnisse zu den Gräueltaten in dem ukrainischen Ort Butscha enthalten.

War es Kriegsstrategie oder waren es „nur“ einzelne enthemmte Soldaten? Was ist in Butscha genau passiert? Kaum auszuhalten sind die Bilder Hunderter getöteter Zivilisten. Nach dem Rückzug russischer Truppen aus dem Kiewer Vorort waren dort Hunderte Leichen entdeckt worden.

Bericht: BND fängt russischen Funkverkehr zu Butscha ab

In der abgehörten Funk-Kommunikation würden Morde an Zivilisten in Butscha besprochen, einzelne Funksprüche sollen sich auch in Butscha fotografierten Leichen zuordnen lassen, berichtet der Spiegel. Darüber habe der BND bereits die zuständigen parlamentarischen Stellen in Berlin informiert.

Die Aufnahmen des BND legen demnach den Schluss nahe, dass es sich bei den Gräueltaten weder um Zufallstaten handele noch um Aktionen einzelner aus dem Ruder gelaufener Soldaten. Vielmehr lege das Material nahe, dass Morde an Zivilisten Teil des üblichen Handelns der russischen Militärs geworden seien, möglicherweise sei es Teil einer Strategie.

Es gehe darum, unter der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten und Widerstand zu ersticken. Aus dem Material gehe auch hervor, dass Bedienstete der russischen Söldnertruppen wie der Wagner Gruppe maßgeblich an den Gräueltaten beteiligt waren. Diese war bereits bei ihrem Einsatz in Syrien durch besondere Grausamkeit aufgefallen.

Im Einzelnen sollen zu den BND-Erkenntnissen laut Spiegel Funksprüche gehören, die zu Auffindeorten von Leichen passen, die entlang der Hauptstraße gefunden wurden. So soll in einem Funkspruch ein Soldat einem anderen schildern, er und seine Kollegen hätten eine Person von ihrem Fahrrad geschossen. Ein Bild einer Leiche mit ihrem Fahrrad ging um die Welt. In einem anderen Funkspruch soll ein Mann sagen: Man befrage Soldaten zunächst, dann erschieße man sie.

Satellitenbilder: Leichen liegen wohl schon seit Wochen auf der Straße

Auf Satellitenbildern der Firma Maxar Technologies sieht man deutlich Körper auf der Straße liegen, auf der ukrainische Beamte vor wenigen Tagen die Leichen vermutlicher Zivilsten gefunden haben. Da die Satellitenbilder von Mitte März sind, muss also davon ausgegangen werden, dass die Leichen seit Wochen dort liegen. Die russische Regierung hatte das bisher abgestritten.

High-resolution Maxar #satelliteimagery collected over #Bucha, #Ukraine verifies and corroborates recent social media videos and photos that reveal bodies lying in the streets and left out in the open for weeks. https://t.co/hRdVmd2gUJ

Moskau nennt die Bilder „Fälschungen“

Das russische Verteidigungsministerium hatte die Bilder als Fälschungen bezeichnet. Demnach seien die Leichen noch nicht dort gewesen, als die russischen Streitkräfte am 30. März abgezogen waren. Das aber widerlegen die Satelliten-Aufnahmen nun.

Hier noch einmal zum Nachlesen, was belegte Informationen über #Bucha sind. Russia’s Bucha “Facts” Versus the Evidence - bellingcat #ukrainekrieg https://t.co/m4XYXJIUct

New York Times veröffentlicht Videoaufnahmen aus Butscha

Die New York Times veröffentlichte am Mittwoch Videoaufnahmen vom Tod eines Zivilisten durch russische Soldaten. Das Video zeige, wie ein Zivilist sein Fahrrad durch Butscha schiebe und an einer Straßenecke durch Schüsse aus den Türmen von zwei russischen Schützenpanzern getötet wird, berichtete die Zeitung.

Das Video von Ende Februar stamme vom ukrainischen Militär und sei von der Zeitung unabhängig verifiziert worden. Die Leiche des Mannes sei schließlich nach dem Abzug der russischen Truppen an exakt jener Stelle gefunden worden, die auch im Video zu erkennen ist.

Vorwürfe: Gewalt, Vergewaltigung und Mord an der Zivilbevölkerung

Augenzeugen berichten über die gezielte Tötung von Zivilisten durch russische Soldaten. Journalisten, die vor Ort waren, berichten das Gleiche und legten Foto- und Videoaufnahmen vor.

Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat bisher mehr als 7.000 Meldungen russischer Kriegsverbrechen allein in der Region um Kiew registriert. Man arbeite in Irpin, Butscha und Worsel bereits an der Aufarbeitung.

Auch in Deutschland will man bei der Aufklärung der Verbrechen helfen: Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) hat Flüchtlinge aus der Ukraine aufgerufen, deutschen Ermittlern Hinweise auf Kriegsverbrechen zu geben. Das könnten etwa Handyaufnahmen oder Zeugenaussagen sein, sagte Buschmann dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Warum sind diese Gräueltaten Kriegsverbrechen?

Russland wird von vielen Staaten, aber auch von internationalen Organisationen Kriegsverbrechen vorgeworfen. Dafür müssen Beweise vorgelegt werden. Human Rights Watch gehört zu den unabhängigen Institutionen, die in der Ukraine aktiv sind. Ab wann spricht man von einem Kriegsverbrechen?

Im Interview mit SWR3 sagt der Deutschland-Chef von Human Rights Watch, Wenzel Michalski, dazu, es fange schon damit an, wenn man gezielt die Zivilbevölkerung angreife: „Das sehen wir ja schon seit Anfang des Krieges, dass es eben grausamste Attacken gibt gegen Wohnblöcke, Kindergärten, Krankenhäuser, Kinderkrankenhäuser, das sind Kriegsverbrechen.“

Das, was Human Rights Watch dort gesehen und erfahren habe, seien Hinrichtungen, Plünderungen, Vergewaltigungen. „Also das gesamte Spektrum von Kriegsverbrechen ist dort begangen worden, von russischen Soldaten, also von den Besatzern.“

Wie ermittelt man, ob die Bilder aus Butscha echt sind?

Michalski sagte in SWR3, seine Organisation habe in den Gegenden, aus denen man jetzt auch diese schrecklichen Bilder gesehen habe, vom 27. Februar bis 14. März Interviews geführt. Und zwar mit Leuten, die Kriegsverbrechen am eigenen Leib erlebt haben oder aber Zeugen davon geworden sind.

Und wir haben die Aussagen überprüft mit unseren Open-Source-Experten. Wir haben entsprechende Bilder und Social-Postings verglichen mit dem, was die Menschen uns erzählt haben. Wir haben die Aussagen gegenübergestellt und dort, wo sich die Fakten überschnitten, da konnten wir dann davon ausgehen: Das stimmt.

Außerdem arbeitete die Organisation mit Datenforensik, also sie untersucht digitale Spuren der Schilderungen über Taten, zum Beispiel auf Twitter, Facebook und anderen Sozialen Medien.

Wir vergleichen das auch mit Bildern. Satellitenaufnahmen nutzen wir. Wir benutzen Fotos oder auch Videoaufnahmen. Dadurch, dass wirklich so viele Menschen Smartphones haben, steht uns oft sehr viel Material zur Verfügung. Wir haben die Möglichkeit, anhand von Schatten zum Beispiel auf Bildern genau zu erkennen, um wie viel Uhr etwas passiert ist. Das können wir dann mit den Aussagen vergleichen.

Auch könne man zum Beispiel am Einfallswinkel der Geschosse ablesen, wer wo stand, „um herauszufinden, wer wirklich der Täter war“.

Human Rights Watch versucht, möglichst viele Menschen zu finden, die einen Vorfall miterlebt haben und ihn bestätigen können. „Aber wir sind auch technisch in der Lage, Interviews und Forensik zu betreiben, von großen Entfernungen aus. Das ist elektronisch möglich, uns stehen auch Satellitenbilder zur Verfügung.

Michalski erklärt, dass seine Organisation auch jetzt jemanden in Butscha vor Ort habe, der dokumentiere, was vor Ort zu sehen ist. „Man kann nicht genügend Fakten sammeln, gerade in einer Zeit, in der dann die gegnerische Seite Falschmeldungen verbreitet, Desinformationen, Propaganda oder einfach schlichtweg behauptet: Das waren wir nicht, das waren die Ukrainer selber.“

Der ukrainische Präsident will trotz Bekanntwerden der Gräueltaten weiterhin mit Russland verhandeln:

Welche weiteren Kriegsverbrechen hat Human Rights Watch untersucht?

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte einen Bericht über regelrechte Hinrichtungen im Laufe des Ukraine-Krieges, der sich auf die Schilderung von Augenzeugen stützt. Im Interview mit SWR3 berichtet der Deutschland-Chef von Human Rights Watch, Wenzel Michalski, was seine Organisation dokumentiert hat:

Vergewaltigungen zum Beispiel: Die Schilderung einer Frau, die Anfang März Schutz gesucht hat in einer Schule mit ihrer Familie in einem Vorort von Kiew. Dann sind russische Soldaten in die Schule eingedrungen. Die Frau wurde ein Stockwerk nach oben gezerrt und dort von einem 20-jährigen Soldaten mehrfach vergewaltigt und auch noch mit dem Messer am Hals verletzt.

Das sei nur ein Beispiel, sagte Michalski. Es gebe Aussagen von Menschen, die gesehen hätten, dass aus einem Haus sechs Männer geführt worden seien. Die Augenzeugen hätten Schüsse gehört, und als sie sich dann Stunden später nach draußen trauten, hätten sie gesehen, dass alle sechs Männer erschossen worden seien.

A woman told @hrw that a Russian soldier had repeatedly raped her in a school in the #Kharkiv region where she and her family had been sheltering on March 13. She said that he beat her and cut her face, neck, and hair with a knife. #Ukraine #Russia https://t.co/v8cNtWpMTo https://t.co/TWSxxyp5RM

Michalski berichtet weiter von fünf Männern in einem Keller, die herausgezerrt wurden, sich hinknien mussten, ihre T-Shirts über den Kopf ziehen und einer wurde erschossen. „Dann hat der Soldat noch gesagt: Ich habe euch von Dreck befreit. Das ist unsere Aufgabe. Hier also das sind alles knallharte Kriegsverbrechen, die wir dokumentiert haben.“ 

Beweise für Kriegsverbrechen müssen vor Gericht standhalten

Michalski erklärte in SWR3, dass seine Organisation glaubhafte, seriöse Quellen in jedem einzelnen Fall akribisch prüfe. Am Ende dieser ganzen Beweiskette und der Dokumentation stehe dann noch die Rechtsabteilung, die alles überprüfe. Die Beweise müssten so gut sein, dass sie eben auch in Gerichtsprozessen verwendet werden könnten. „Das, was da passiert, machen die Soldaten ja nur, weil sie damit rechnen können, dass sie straflos davonkommen. Und das darf nicht sein.“ 

Also wenn wir sagen, wir haben zehn Leute interviewt...dann haben wir eine weitaus größere Zahl an Fällen in unserer Schublade liegen, die wir aber nicht beweiskräftig machen können, deswegen auch nicht veröffentlichen. Das heißt, jeder Fall, den wir der Öffentlichkeit zugänglich machen, ist doch so weit untersucht, dass wir das mit gutem Gewissen tun können.

Das Ziel der Ermittlungen der Menschenrechtsorganisation ist es, dass Kriegsverbrecher vor Gericht verurteilt werden. Michalski betont, dass das natürlich an den Justizbehörden liege, inwieweit die ihre Erkenntnisse benutzten: „Wir liefern Fakten und Beweise und hoffen, dass die Justiz jetzt so schnell wie möglich anfängt zu arbeiten.“ 

Terror gegen andere Menschen – warum passiert sowas Schreckliches?

Carlo Masala - Professor für internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München und Militärexperte beantwortet dies Frage: Wie können Soldaten so etwas Schreckliches tun? 

Logo SWR1 (Foto: SWR, SWR)

Gräueltaten in Butscha Wie können Menschen so etwas anderen antun?

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Radionachrichten 22. Mai, 0:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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