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Björn Widmann (Foto: SWR3)

Jana aus Kassel sorgte bei einer Querdenken-Demo in Hannover für einen Aufschrei, als sie sich mit Sophie Scholl verglich. Dabei war sie nicht die erste Rednerin, die die NS-Zeit verharmloste. Die Kritik an den kruden Vergleichen wird lauter.

Eine Rednerin hatte bei einer Querdenken-Demo in Hannover mit einem Sophie-Scholl-Vergleich heftige Reaktionen ausgelöst. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagt sie auf einer kleinen Bühne.

Nach ein paar Sätzen von „Jana aus Kassel“ tauchte ein Mann vor der Bühne auf und zog sein Ordner-Leibchen aus. „Für so einen Schwachsinn mache ich doch keinen Ordner mehr», protestiert er. Das sei eine „Verharmlosung vom Holocaust“, die „mehr als peinlich“ sei. Das war der Rednerin offenbar zu viel: Sie fing an zu weinen und stürmte von der Bühne.

Für diese Reaktion bekam der Mann jede Menge Lob und Zuspruch im Netz. Aber auch immer mehr Politiker kritisieren die Nazi-Zeit-Vergleiche einiger Redner auf den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. Bundesaußenminister Heiko Maas twitterte, er habe keinerlei Verständnis: „Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit.“

Nichts verbindet Coronaproteste mit Widerstandskämpfer*Innen. Nichts!

Außenminister Heiko Maas (SPD)

Wer sich heute mit Sophie Scholl o Anne Frank vergleicht,verhöhnt den Mut, den es brauchte,Haltung gegen Nazis zu zeigen. Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit. Nichts verbindet Coronaproteste mit Widerstandskämpfer*Innen. Nichts!

So sahen und sehen das auch viele Menschen im Netz: Die Parallelen zu Sophie Scholl seien verantwortungslos, die Gleichsetzung mit dem Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zur NS-Zeit sei beschämend, kommentierten viele.

Amed aus Flensburg fand deutliche Worte für Janas Sophie-Scholl-Vergleich. Der 22-Jährige wurde als Teenager im Irak eingesperrt und gefoltert, weil er den Islam kritisiert hatte. Für Aussagen wie „ich fühle mich wie Sophie Scholl“ hat Amed aus eigener Erfahrung nichts über, schrieb er in einem Blog, veröffentlichte den Brief aber auch auf Facebook.

Liebe Jana (22) aus Kassel,

du stehst auf einer Bühne in einem demokratischen Land, beschimpfst die Regierung und...Posted by Amed Sherwan on Monday, November 23, 2020

Warum Corona-Beschränkungen nichts mit Judenverfolgung zu tun haben

Wer solche Vergleiche zieht, hat in der Schule nicht aufgepasst – oder nichts verstanden. Das sagt auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein: „Der Holocaust ist kein Abziehbild für jedwede Opfergefühle.“ Die Aussagen zeigten aber auch, wie wichtig Bildung sei. „Wer über Anne Frank und Sophie Scholl gut Bescheid weiß, wird kaum solch krude Verharmlosungen äußern.“ Dass viele Menschen Janas Aussagen kritisierten, zeuge aber „von einem funktionierenden Wertesystem der demokratischen Mehrheit“.

Anne Frank kam bei einer Querdenken-Demo in Karlsruhe eine Woche vor dem Jana-Eklat in Hannover zur Sprache. Eine Elfjährige hatte die Tatsache, dass sie ihren Geburtstag nicht wie gewohnt feiern konnte, in Beziehung gesetzt zum Schicksal von Anne Frank. Das jüdische Mädchen hatte sich in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nationalsozialisten versteckt und kam später im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben.

Youtuber Rezo lässt in neuem Video Dampf ab

Solche Vergleiche nerven auch Youtuber Rezo. Er sagt in seinem neuen Video, Querdenker könnten auf Corona-Demos machen, was sie wollen. Ihre aggressiven Rechtsbrüche würden ebenso verharmlost wie ihre Verbindungen zu Rechtsextremen.

Man sehe Bürger, die gegen eine Corona-Demo demonstrieren. Sie würden aber mit Wasserwerfern beschossen und auseinandergetrieben. „Querdenker“ und ihre rechtsextremen Mit-Demonstrierer dagegen würden vornehm von oben „beregnet“, prangert Rezo an. Und dabei stimme etwas nicht, brüllte Rezo bei seiner Standpauke gegen den laschen Umgang mit „Verschwörungs-Dullis, Rechtsextremen und anderen Idioten“.

Pistorius: „Da dreht sich mich mir der Magen um“

Auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat wenig übrig für hinkende Vergliche: „Wenn jemand öffentlich das eigene Handeln als Demo-Anmelderin und vermeintliche Widerständlerin mit dem mutigen Handeln von Sophie Scholl vergleicht, dreht sich mir der Magen um.“

Warum ist Janas Vergleich mit Sophie Scholl so bescheuert?

Pistorius sagte der Rheinischen Post: „Zum Vergleich: Sophie Scholl verteilte 1943, zwischen SS- und Gestapo-Terror, in einer skrupellos mordenden und folternden Diktatur Flugblätter, wurde im Schnellverfahren von gleichgeschalteten Nazi-Gerichten zum Tode verurteilt und nach nur vier Stunden per Guillotine geköpft.“ Scholl sei eine mutige Heldin gewesen, die kompromisslos für Freiheit und Menschlichkeit in einer menschenverachtenden Diktatur gekämpft habe.

Ganz anders sehe es für die Demonstranten der „Querdenker“ aus. Sie „kämpfen in einer der freiheitlichsten Demokratien der Welt dafür, beim Samstagseinkauf keine Maske tragen zu müssen und haben dabei schlimmstenfalls einen Twitter-Shitstorm zu fürchten. Diese Form von Geschichtsvergessenheit und die schamlose Selbstbezogenheit vieler „Querdenker“ und ähnlicher Verbindungen machen mich wütend“, sagte Pistorius.

Hans und Sophie Scholl (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / -/dpa)
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl wurden von den Nazis hingerichtet. picture alliance / -/dpa

„Querdenker“ wissen ihre Freiheit nicht zu schätzen

Da stehen sie nun Woche für Woche, die Demonstranten der „Querdenker“ und beschweren sich darüber, dass sie zum Schutz ihrer Mitdemonstranten Masken tragen sollen, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Mittlerweile haben Wissenschaftler herausgefunden, dass man das Virus weitergeben kann, wenn man selbst noch keine Symptome hat – und deswegen vielleicht auch nichts von seiner eigenen Infektion weiß. Aber das ignorieren die „Querdenker“ gerne, um ihre vermeintliche „Merkel-Diktatur“ zu rechtfertigen.

Aber leben wir wirklich in einer Diktatur? Natürlich nicht. Im Gegenteil. Die Polizei – ein staatliches Organ – beschützt die „Querdenker“ vor Anfeindungen aus anderen politischen Lagern. Und die „Querdenker“ dürfen – darauf geht Rezo auch ein – alles sagen, was sie wollen. In einer Diktatur würden sie von der Polizei zusammengetrieben, misshandelt und weggesperrt, wenn sie mit der Obrigkeit nicht einer Meinung wären.

Das passiert bei uns in Deutschland aber nicht, weil wir in unserer Demokratie auch eine freie Meinungsäußerung haben. Heißt: Im Grunde darf jeder erst einmal sagen, was er will – ohne Konsequenzen dafür befürchten zu müssen. Ausnahmen bilden unter anderem Volksverhetzung, Beleidigung oder andere strafrechtlich relevante Aussagen.

Geschwister Scholl: Widerstand mit dem Tod bestraft

Bestes Beispiel für Konsequenzen einer nicht vorhandenen Demokratie und ohne freie Meinungsäußerung: Sophie Scholl und ihr Bruder Hans. Die Geschwister gehörten während der Hitler-Diktatur zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Die Gruppe wurde 1942 in München gegründet. Sie riefen zum Widerstand gegen das gnadenlos mordende Nazi-Regime auf, indem sie Flugblätter in Deutschland und Österreich verteilen ließen.

Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl dabei beobachtet, wie sie Flugblätter in den Innenhof der Münchener Uni warfen. Mitarbeiter der Uni hielten sie fest, bist die Gestapo eintraf. Vier Tage später wurden die Geschwister Scholl und ein dritter Widerstandskämpfer von den Nazis hingerichtet.

Darum hinkt auch der Vergleich mit Anne Frank

Auch der Vergleich einer 11-Jährigen, die ihren Geburtstag nicht wie gewohnt feiern konnte, mit Anne Frank ist völlig fehlplatziert. Anne Frank kam 1929 in Frankfurt auf die Welt, wanderte mit ihrer Familie aber 1934 in die Niederlande aus, aus Angst vor Verfolgung durch die judenfeindlichen Nationalsozialisten.

Die Franks waren Reformjuden – sie bewahrten zwar viele Traditionen aus dem jüdischen Glauben, praktizierten aber nur wenige Gebräuche. Am 10. Mai 1940 fiel Hitlers Wehrmacht in den Niederlanden ein und besetzte das Land. Nun waren die Franks wegen ihres Glaubens wieder in Gefahr.

Am 5. Juli 1942 bekam Anne Franks Mutter einen Brief, indem sie aufgefordert wurde, sich in ein Arbeitslager zu begeben. Also beschloss die Familie, unterzutauchen. In dieser Zeit begann Anne Frank als 13-Jährige in ihrem Tagebuch über die Verfolgung der Juden durch die Nazis zu schreiben. Am 4. August 1944 wurden die Franks von der Gestapo festgenommen, nachdem ihr Versteck verraten wurde.

Das jüdische Mädchen Anne Frank (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/-/ANP/dpa)
Anne Frank schrieb in ihrem Tagebuch über die grausame Zeit in der NS-Diktatur. picture alliance/-/ANP/dpa

Die Familie wurde schließlich deportiert und zur Zwangsarbeit in verschiedene Konzentrationslager gebracht. Anne Franks Mutter starb im KZ Auschwitz-Birkenau, Anne und ihre ältere Schwester Margot im KZ Bergen-Belsen. Nur Vater Otto Heinrich Frank überlebte den Holocaust. Er veröffentliche Annes Tagebücher und gab der Welt so einen Einblick in das Grauen während der Hitler-Diktatur.

Wer sich also aus Wut über Regeln, um andere vor Corona zu schützen, mit Anne Frank oder den Geschwistern Scholl vergleicht, hat die Geschichte nicht verstanden – oder leugnet sie. Den Holocaust – also die Vernichtung der Juden durch das NS-Regime – zu leugnen, ist strafbar.

Antisemitismusbeauftragter fordert bessere Aufklärung über NS-Verbrechen

Deswegen fordern der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, und die Amadeu-Antonio-Stiftung mehr Prävention. „Das Selbstbild als verfolgtes Opfer ist und war ein zentrales Element antisemitischer Einstellungen“, sagte Klein.

Judenhass sei in vielen Kreisen wieder gesellschaftsfähig geworden. Dabei verbinde er bei den Anti-Corona-Maßnahmen-Protesten politische Milieus, die vorher wenig miteinander zu tun hatten: von Esoterikbegeisterten über Heilpraktiker und Friedensbewegte bis hin zu Reichsbürgern und offen Rechtsextremen. Antisemitismus äußere sich zurzeit vor allem in Verschwörungsmythen über angeblich geheime Mächte im Hintergrund.

Es sei deshalb wichtig, dass der Verfassungsschutz tätig werde, sagte Klein. Außerdem müssten Polizei und Staatsanwaltschaften in die Lage versetzt werden, Antisemitismus zu erkennen und dagegen vorzugehen. Auch mehr politische Bildung in diesem Zusammenhang sei nötig. Der Kampf gegen Antisemitismus müsse verbindlicher Teil der Lehrerausbildung werden. „Da sind wir alle gefordert“, sagte Klein.

Kahane: Verschwörungstheorien haben immer einen antisemitischen Hintergrund

Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, ist der Meinung, Verschwörungstheorien hätten immer einen judenfeindlichen Hintergrund. Selbst wenn sich diese Ideologien mit jemandem wie Bill Gates – ein Feindbild mancher Demonstranten – beschäftigten, seien sie antisemitisch. Sie rechne damit, dass hierzulande demnächst der offene und direkte Antisemitismus, „den wir von früher kennen“, wieder ausbreche. Im Moment „druckse“ er noch rum.

Der Präsident des thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Stephan Kramer, hat für diesen neu aufblühenden Antisemitismus eine Erklärung: „Das ist kein Zufall, sondern das perfide Ergebnis einer langen Kette von Diskursverschiebungen und gezieltem Geschichtsrevisionismus, basierend auf Schulungen der Neuen Rechten.“ Vor allem jüngere Menschen seien dafür besonders empfänglich.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte im Donaukurier und der Passauer Neuen Presse, die Querdenker entwickelten sich „sektenartig und isolieren normale Bürger in ihrer Verschwörungsblase“. Der Verfassungsschutz sollte auf „diese Gruppe und deren Bezug zur AfD“ achten.

Papst stellt Anti-Corona-Demonstranten an den Pranger

Sogar Papst Franziskus kritisiert in einem neuen Buch die Proteste gegen die staatlichen Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Die Beschränkungen seien von einigen Gruppen fälschlicherweise als „politischer Angriff“ auf ihre persönliche Freiheit betrachtet worden, schrieb der Papst im Buch „Wage zu träumen!“.

Er kritisierte die Demonstranten, die die Maskenpflicht als „ungerechtfertigte Zumutung“ anprangerten und warf ihnen vor, sich nicht in gleichem Maß gegen gesellschaftliche Probleme wie Rassismus und Kinderarmut einzusetzen. „Gegen so etwas würden sie nie protestieren; sie sind unfähig, sich außerhalb ihrer kleinen Welt der Interessen zu bewegen“, schrieb Franziskus.

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Björn Widmann (Foto: SWR3)

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