STAND
AUTOR/IN

Der Ex-Profifußballer hat sich zur Affäre um ihn, Jens Lehman und den Grünen Tübinger OB Boris Palmer geäußert: Aogo zeigt sich differenziert, abgeklärt und tiefenentspannt. Nur in einer Sache will er Strafanzeige stellen.

Ex-Fußball-Nationalspieler Dennis Aogo und seine Frau haben nach seinem eigenen sprachlichen Fehltritt („Trainieren bis zum Vergasen“) massive Anfeindungen erdulden müssen: „Es ist extrem. Es gab Morddrohungen und äußerst rassistische Beleidigungen gegen mich und meine Frau. Unterste Schublade“, sagte Aogo jetzt im Interview mit dem Spiegel.

Aogo glaubt nicht, dass Lehmann ein Rassist ist

Aogo sagte weiter, er halte es für falsch, dass Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann nach einer rassistischen Äußerung gegen ihn den Posten im Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC verloren hat. „Dass Hertha ihn so schnell von allen Ämtern ausschließt, hätte ich nicht erwartet. Das empfinde ich auch in der Kürze der Zeit als Überreaktion“, so der 34-Jährige.

Der frühere Nationalkeeper Lehmann hatte in einer irrtümlich an Aogo verschickten Whatsapp-Nachricht geschrieben: „Ist Dennis eigentlich euer Quotenschwarzer?“ Versehen war das mit einem Lach-Smiley vor dem Fragezeichen.

Er habe Lehmann (51) nie unterstellt, „dass er ein Rassist sei,“ so Aogo, der einen nigerianischen Vater und eine deutsche Mutter hat. Er glaube nicht, „dass er solche Ansichten vertritt“. Er wünsche sich in solchen Fällen einen objektiven und intensiven Dialog: „Danach kann man ja immer noch darüber nachdenken, ob eine Zusammenarbeit noch möglich ist oder eben auch nicht. Aber von vornherein zu sagen, man wolle mit dem nichts mehr zu tun haben, finde ich nicht in Ordnung. Wie sagt man heute? Das ist Cancel Culture“, sagte Aogo.

Aogo: „Inhaltlich habe ich nichts gegen Palmers Aktion“

Der Eklat um die rassistischen Äußerungen von Deutschlands Ex-Nationaltorwart Jens Lehmanns hatte zuvor mehrere Wendungen genommen. Zuletzt hatte sich Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer in die Sache eingemischt und mit einem rassistischen und obszönen Fake-Zitat über Aogo – angeblich von diesem selbst getätigt – viele gegen sich aufgebracht – nicht nur in seiner Partei. Ein Fake-Zitat auf einem Fake-Account: Das sei eine Gefahr, sagt Aogo und hat deswegen Strafanzeige erstattet.

Die Grünen wollen Palmer jetzt sogar ausschließen. Der sagt, sein Spruch sei ironisch gemeint gewesen. Wie negativ und ausgrenzend People of Colour viele Aussagen empfinden, die manche für ok halten, erfahrt ihr hier.

Aogo zu Palmers Spruch: „Inhaltlich habe ich nichts gegen seine Aktion, denn er richtet sich ja auch gegen die Cancel Culture.“ Für ihn sei nur die sprachliche Ebene „problematisch. Wenn ich das im Kontext betrachte, kann ich die Ironie aber natürlich erkennen. Für mich ist das Thema damit durch.“

Wie Aogo seinen Job bei Sky verlor

Vor Palmer war es Aogo selbst gewesen, der in der Kritik stand: Beim Sportsender Sky hatte er in einer Livesendung am Dienstag, der Übertragung vom Champions-League-Halbfinalspiel Manchester City gegen Paris Saint-Germain, den Ausdruck „Trainieren bis zum Vergasen“ gebraucht.

Der Bild-Zeitung hatte er kurz nach dem Vorfall gesagt: „Dieses Wort darf man selbstverständlich in überhaupt keinem Zusammenhang verwenden. Das war ein großer Fehler, ich kann mich dafür nur aufrichtig entschuldigen.“ Die Nationalsozialisten hatten während ihrer Herrschaft in Konzentrationslagern systematisch Millionen von Menschen in Gaskammern ermordet. Zuvor war Giftgas bereits im Ersten Weltkrieg eingesetzt worden.

Sky Sport meldet sich auf Twitter

Auf Twitter schrieb der TV-Sender „Dennis Aogo hat sich entschuldigt und ist sich der Tragweite seiner Äußerung, die er sehr bedauert, bewusst. Er ist ein ausgezeichneter Experte in unserem Team, den wir sehr schätzen, hat aber einen großen Fehler gemacht. Aus diesem will er lernen.“ Der Sender nimmt den Vorfall zum Anlass und will „das Bewusstsein für den Umgang mit Sprache bei all unseren Mitarbeitern noch intensiver thematisieren“, hieß es weiter.

Aogo hätte sich entschieden seine Expertentätigkeit bei Sky vorerst ruhen zu lassen. „Dies halten wir für richtig“, schreibt der Sender. In den sozialen Medien hatte es Kritik an Aogo nach den Äußerungen gegeben

Unser Statement von Sky. #Aogo https://t.co/60k0VzU3JB

Aogo hatte zuvor Jens Lehmanns Entschuldigung angenommen

Jeder Mensch macht Fehler, das ist schon mal Nummer Eins, jeder Mensch hat ne zweite Chance verdient“ – mit diesen Worten hatte Aogo die Entschuldigung von Jens Lehmann am Mittwoch angenommen, der ihn zuvor als „Quotenschwarzen“ bezeichnet hatte. In seiner Instagram-Story sagte Aogo, dass die beiden schon zwei Mal telefoniert hätten. „Ich hab ihm das abgenommen, dass es ihm leid tut“, erklärte Aogo in seinem Statement.

Aogo findet Lehmanns Äußerungen „ein Stück weit respektlos“

In seiner Story sagte Aogo nochmals deutlich, dass er nicht gut findet, was der Ex-Nationaltorhüter geschrieben hat. Sowas schreibe man nicht, egal an wen die Nachricht adressiert gewesen war. Das sei „ein Stück weit respektlos“. Gleichzeitig nahm Aogo Lehmann vor dem Shitstorm, der sich über ihm derzeit im Netz ergießt, in Schutz: Er finde es nicht richtig, dass sich nun alle auf Lehmann stürzten.

Man darf solche Sprüche nicht machen, sonst werden sie gesellschaftsfähig. Ich möchte mich dafür noch einmal von ganzem Herzen entschuldigen, ich bedauere meine Äußerung zutiefst und bitte jeden um Verzeihung  der sich dadurch verletzt gefühlt hat.

Heimatverein SV Heisingen erteilt Lehmann Hausverbot

Der Heisinger SV, Heimatverein des 51-Jährigen, hat Lehmann in einem emotionalen Statement auf Facebook Hausverbot erteilt. „Auch wenn Du Dich in den letzten 40 Jahren keine dreimal hast sehen lassen und Dir das wahrscheinlich völlig egal ist: Du hast Hausverbot!“, schrieb der 1. Vorsitzende des Vereins, Peter Küpperfahrenberg.

Liebe Heisinger Fußballfreundinnen und -freunde,

viele werden es mitbekommen haben. Unser bekanntester (ehem.) Spieler,...Posted by Heisinger SV 52/96 e.V. on Wednesday, May 5, 2021

Darüber hinaus distanzierte sich der Essener Bezirksligist von Lehmann und machte auf die gesellschaftlichen Probleme im Fußball aufmerksam: „Der von uns allen so geliebte Fußball ist nach meiner Erfahrung anfällig für einige Grundübel der Zivilisation. Dazu gehören insbesondere Rassismus und Homophobie. Wir müssen aufpassen, wir müssen wachsam sein, wir dürfen das niemals tolerieren, wir müssen einschreiten, wir müssen Courage zeigen. Das ist in der Vergangenheit viel zu wenig geschehen.“

Job als Hertha BSC-Aufsichtsrat los

Bereits am Mittwoch wurde bekannt, dass Jens Lehmann seinen Job als Aufsichtsrat bei Hertha BSC los ist.

Hertha-Investor Lars Windhorst hat den Beratervertrag mit dem Ex-Nationalspieler sofort beendet. „Jens Lehmann ist nicht mehr Berater“, sagte Windhorst-Sprecher Andreas Fritzenkötter. Damit ende auch Lehmanns Mandat im Hertha-Aufsichtsrat.

Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/AP-Pool | Martin Meissner)
Nach seiner rassistischen Nachricht an Dennis Aogo ist Jens Lehmann seinen Job bei Hertha BSC los. picture alliance/dpa/AP-Pool | Martin Meissner

Lehmann schickte rassistische Nachricht an Aogo

Ex-VfB-Stuttgart-Spieler Dennis Aogo bekam eine Nachricht von Lehmann auf sein Handy: „Ist Dennis eigentlich euer quotenschwarzer?“, wollte der Ex-Torwart wissen. An wen die Nachricht eigentlich adressiert war, ist nicht bekannt.

Die rassistische Nachricht von Jens Lehmann (Foto: SWR, Instagram / Dennis Aogo)
Diese rassistische Nachricht schickte Jens Lehmann – möglicherweise versehentlich – per Whatsapp an Dennis Aogo. Instagram / Dennis Aogo

Aogo hatte darauf einen Screenshot seines WhatsApp-Verlaufs bei Instagram Story gepostet. Der Sky-Experte und ehemalige Bundesliga-Profi schrieb dazu an Jens Lehmann gerichtet: „WOW dein Ernst? @jenslehmannofficial Die Nachricht war wohl nicht an mich gedacht!!!

Ex-VfB-Spieler Dennis Aogo (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Matthias Balk)
In der Saison 2018/2019 spielte Dennis Aogo für den VfB Stuttgart. picture alliance/dpa | Matthias Balk

Lehmann entschuldigte sich bei Dennis Aogo

Immerhin: Lehmann hat sich bei Dennis Aogo entschuldigt. „In einer privaten Nachricht von meinem Handy an Dennis Aogo ist ein Eindruck entstanden, für den ich mich im Gespräch mit Dennis entschuldigt habe“, schrieb Lehmann bei Twitter.

In einer privaten Nachricht von meinem Handy an Dennis Aogo ist ein Eindruck entstanden für den ich mich im Gespräch mit Dennis entschuldigt habe. Als ehemaliger Nationalspieler ist er sehr fachkundig und hat eine tolle Präsenz und bringt bei Sky Quote.

Auch Lob hatte Lehmann für Aogo übrig: „Als ehemaliger Nationalspieler ist er sehr fachkundig und hat eine tolle Präsenz und bringt bei Sky Quote.“ Lehmann selbst ist auch schon als Experte für Sky im Einsatz gewesen.

Netzreaktionen – #Lehmann #Aogo trenden bei Twitter und Google

Na Jens, du warst auch besser, als noch jemand für dich geschrieben hat. #lehmann https://t.co/GnMa9H3NLW

Move des Jahrtausends wäre, nun Dennis #Aogo für Jens #Lehmann in den Hertha-Aufsichtsrat zu bestellen. #HaHoHe

„Weiße Menschen sehen dann Hautfarbe, wenn sie sich in ihrer Macht bedroht fühlen. Wenn sie ängstlich oder eifersüchtig sind, dann wissen sie auf einmal sehr wohl welche Hautfarbe du hast. Dann heißt’s du hast den Job nur bekommen, weil du Schwarz bist.“ #Lehmann #Quotenschwarzer

Klassischer "WTF?!"-Moment. Nur eben zwei Mal. #Lehmann #Aogo https://t.co/XJ0MqJIYQp

Diese Sprache von „ist ein Eindruck entstanden“, „falls du es so verstanden hast“ oder „falls das jemanden verletzt hat“... mein Gott, just do better. Rassismus liegt beim Absender, nicht beim Empfänger. Own your shit, #Lehmann. Apologize properly, wise up (!) and then move on. https://t.co/tnQvl5MAun

Alleine, dass Quoten-Schwurbler Jens #Lehmann die Hautfarbe von Dennis #Aogo zum Thema macht, ist schon unbegreiflich. Seine wahre Haltung lässt sich dann aber an der “Entschuldigung” ablesen. Die keine ist. Sondern eine Rechtfertigung für seine vollkommen deplatzierte Aussage.

Was Hertha spätestens heute #Lehmann per WhatsApp schreiben sollte: #Aogo https://t.co/n00sEi6IDM

STAND
AUTOR/IN
SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 24. September, 03:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

Dauer

Meistgelesen

  1. Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen Lava im Wasser: Hier verdampft ein Swimming-Pool auf La Palma

    Je weiter die Menschen im Süden leben, desto häufiger haben sie einen Pool. So sieht es aus, wenn Lava hineinläuft.  mehr...

  2. Idar-Oberstein

    Nach Bluttat an Kassierer in Idar-Oberstein „Eigentlich kann man von einer Terror-Tat sprechen“

    Während die Menschen in Idar-Oberstein nicht fassen können, was da in ihrem Ort passiert ist, wird die Frage lauter: Konnte man so eine Tat kommen sehen?  mehr...

  3. SWR3 New Pop 2021 Die schönsten Konzertmomente gibt's hier

    Hat das Spaß gemacht! So lange haben wir mit euch drauf gewartet und es hat sich gelohnt. Die Best-ofs aus den Konzerten von Griff, Álvaro Soler und Co. findet ihr hier  mehr...

  4. Köln

    SWR3 Tatort-Check „Der Reiz des Bösen“: Hervorragender Tatort aus Köln

    Bei Ballauf und Schenk in Köln geht es um Frauen, die einen Mann lieben, der im Gefängnis sitzt. Und darum, was passiert, wenn irgendwann der Tag der Entlassung kommt. Ein Tatort, der den inneren Kampf der Männer mit Gut und Böse zeigt. Sehr sehenswert, sagt SWR3-Redakteur Michael Haas.  mehr...

  5. Endlich wieder SWR3 New Pop 2021

    Wenn ihr kein Highlight und kein Konzert verpassen wollt, schaltet einfach den Livestream ein und genießt mit uns das langersehnte New-Pop-Feeling.  mehr...

  6. Mainz

    Neue Corona-Verordnung in Rheinland-Pfalz Kein Lockdown, aber mehr Einschränkungen für Ungeimpfte

    In Rheinland-Pfalz gelten neue Corona-Regeln, die als „2G+“ bezeichnet werden. Es soll keinen Lockdown mehr geben aber mehr Einschränkungen für Ungeimpfte und ein Stufen-Warnsystem.  mehr...