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Cornelia Stenull (Foto: SWR3)
Franziska Thees
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Isabel Gebhardt
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Christian Kreutzer
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Der Mann, der nach einer Polizeikontrolle in Mannheim starb, war psychisch krank. Die Polizisten hätten sich entsprechend verhalten müssen – haben sie aber nicht. Im Gegenteil.

„Unverhältnismäßig“ sei der Umgang der Beamten mit dem Mann gewesen. Den Polizisten hätten gewusst, dass der 47-Jährige psychisch krank war, kritisiert Polizeiwissenschaftler und Kriminologe Thomas Feltes.

Tödliche Polizeikontrolle in Mannheim:Kriminologe Thomas Feltes: „Psychisch Kranke reagieren anders“ https://t.co/yQ7BdcKs8e

Ein Polizeibeamte sollte in solchen Fällen wissen, dass die Person auf bestimmte polizeiliche Maßnahmen anders reagiert als andere Menschen, sagte Feltes im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten.

Das macht den Fall für mich so unfassbar.

Umgang von Polizisten mit psychisch Kranken

Mit psychisch Kranken anders umgehen – ja. Aber wie? Da scheint es nach Aussagen des Polizeiwissenschaftlers noch viele Schwachpunkte zu geben. Denn zum einen wüssten Polizisten meist nicht, wie man mit solchen Menschen umgehen solle. Zum anderen sei es für sie oft schwer, eine psychische Erkrankung zu erkennen.

Für die Polizeiarbeit wäre aber gerade das Wissen darüber immens wichtig. Denn laut Schätzungen von Feltes ist in drei von vier Fällen, in denen ein Mensch nach einer polizeilichen Maßnahme ums Leben komme, der Betroffene psychisch erkrankt.

Tod nach Polizeikontrolle in Mannheim: Leiche zeigt Spuren von Gewalt

Der Mann war am 2. Mai in Mannheim gestorben, nachdem Polizisten ihn kontrolliert und überwältigt hatten. Zuvor hatte ein Arzt des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit die Polizei informiert, weil ein Patient möglicherweise Hilfe brauche. Der Vorfall sorgte vielfach Kritik am Vorgehen der Polizei und wird nach und nach überprüft.

Bei der ersten Obduktion der Leiche des Mannes wurden Spuren stumpfer Gewalt festgestellt. Das teilte das baden-württembergische Landeskriminalamtes (LKA) mit. Die Spuren seien aber „von geringer Intensität gewesen“, sagte LKA-Präsident Andreas Stenger. So war zum Beispiel das Nasenbein nicht verletzt. Nach der Obduktion sei es unklar, ob der 47-Jährige eines gewaltsamen oder eines natürlichen Todes gestorben sei. Der Mann habe auch eine Herzschwäche gehabt. Erst in sechs bis acht Wochen könne man mit dem Ergebnis zur genauen Todesursache rechnen, so Stenger weiter.

Mannheim

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Gegen Polizisten wird ermittelt

Gegen die beiden beteiligten Polizisten wird inzwischen wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt mit Todesfolge ermittelt. Sie sind nach Angaben des Mannheimer Polizeipräsidenten Siegfried Kollmar vom Dienst suspendiert. Kollmar sagte weiter, die beiden Beamten seien zuvor nicht durch Gewalt aufgefallen. Sie seien schon jahrelang im Dienst und erfahrene Polizisten.

Bodycams der Polizisten waren nicht aktiviert

Die beiden Polizisten hatten ihre Bodycams am Körper laut Polizei nicht eingestellt. Warum das so sei, müsse ermittelt werden.

Im Internet kursieren Videos, auf denen Schläge eines Polizisten gegen den Kopf eines auf dem Boden liegenden Mannes zu sehen sind.

Wir zeigen dieses Video bewusst nicht. Was dort zu sehen ist, beschreiben wir im Text.

Die zwei Polizisten knien auf dem Mann. Sie haben die Arme des Mannes auf dem Rücken verschränkt und wollen ihm Handschellen anlegen. Als er mit dem Oberkörper nach oben kommt, schlägt ihm einer der Beamten zwei Mal mit der Faust gegen den Kopf. Ob dieses Video echt ist oder überhaupt die fragliche Polizeikontrolle zeigt, ist nicht geklärt.

SWR3-Reporterin Gabriele Becker-Jahn fasst die Ergebnisse der Pressekonferenz zusammen:

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Nachrichten Tod nach Polizeieinsatz in Mannheim

Dauer

Über 70 Zeugenvideos müssen ausgewertet werden

Bei der Polizei sind viele Videos eingegangen, die den den umstrittenen Polizeieinsatz am Montag in Mannheim dokumentieren. Noch sei nicht klar, ob und wie viele der Videos verwertbar sind, so ein LKA-Sprecher. Man arbeite mit Hochdruck an der Auswertung. Zudem haben sich bei der Behörde bisher rund 30 Zeugen gemeldet. 

Was ist bei der Polizeikontrolle passiert?

Ein Arzt des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim hatte am Montag die Polizei gerufen, weil ein Patient möglicherweise Hilfe brauche. Daraufhin machten sich zwei Polizisten auf die Suche nach dem 47-Jährigen. Sie entdeckten ihn in der Innenstadt in der Nähe des Marktplatzes. Laut dem Landeskriminalamt (LKA) hat er sich gegen die Kontrolle gewehrt und ist daraufhin überwältigt worden.

Bei dem Polizeieinsatz soll der Mann plötzlich zusammengebrochen sein. Er sei von den Beamten und dem ebenfalls anwesenden Arzt des ZI wiederbelebt worden. Rettungskräfte hätten ihn dann ins Krankenhaus gebracht, wo er schließlich gestorben sei.

Zeugen gesucht: Wer kann helfen?

Die Polizei sucht Zeugen. Wer Hinweise geben kann, soll sich beim LKA Baden-Württemberg melden (Tel.: 0800/503-533). Videos können über das Hinweisportal übermittelt werden.

Demonstrationen in Mannheim und Heidelberg

Seit dem Tod des Mannes hat es in Mannheim und Heidelberg mehrere Demonstrationen gegen Polizeigewalt gegeben. „Mannheim war kein Einzelfall“ und „No Justice, no peace“ war dort auf Plakaten zu lesen.

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