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Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

„Unsere Gesellschaft kann wirklich stolz darauf sein, dass sie diese Wende geschafft hat“, schreiben die Forscher des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation. Und nichts habe im Kampf gegen das Coronavirus so stark gewirkt, wie die Kontaktsperre vom 22. März.

Keine Jubelmeldung ohne den Hinweis, dass es noch keinerlei „Entwarnung“ gebe – darauf weisen auch die Göttinger Max-Planck-Forscher unter Viola Priesemann in ihrer neuesten Analyse hin.

Gleich danach ist aber Zeit für ein wirklich positives Urteil: Die tiefgreifenden Einschränkungen im alltäglichen Leben zeigten offenbar die erhoffte Wirkung, heißt es dort. Denn bekanntlich wachse die Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland seit dem vergangenem Wochenende deutlich langsamer. „Wir sehen eine klare Wirkung der Kontaktsperre vom 22. März und natürlich den Beitrag von jeder einzelnen Person“, schreibt Priesemann.

Exponentielle Ausbreitung des Coronavirus gebrochen

Die Göttinger haben in Modellrechnungen die verschiedenen Maßnahmen verglichen: Das Verbot von Veranstaltungen über 1.000 Personen vom 8. März, die Schließungen von Schulen, Kindergärten und vielen Geschäften am 16. – diese hätten den exponentiellen Verlauf der Epidemie jedoch noch nicht stark genug abgeschwächt.

Am 22. März folgten dann die bislang letzten und härtesten Maßnahmen: die Kontaktsperren inklusive Abstandsgebot. Vor allem das, so glauben die Experten, habe letztlich die „exponentielle“ Ausbreitung des Virus gebrochen.

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Es könnten auch 200.000 Infizierte sein

Dem Modell der Forscher zufolge bewirken sie zudem, dass die Anzahl an Neuerkrankungen mit Covid-19 in den kommenden zwei Wochen vermutlich weiter absinken werde. In der Folge würde sich die Zunahme bestätigter Infektionen zusehends abschwächen, sodass die schwer an Covid-19 Erkrankten in Deutschland weiterhin bestmöglich versorgt werden können.

Das wäre in einem anderen Szenario vielleicht schwieriger gewesen, heißt es in der Analyse: „Unsere Modellrechnung zeigt auch, dass wir inzwischen rund 200.000 bestätigte Infektionen hätten, wenn es etwa bei den milden Beschränkungen vom 8. März geblieben wäre, ganz zu schweigen davon, wenn es gar keine Maßnahmen gegeben hätte“, schreibt Priesemann. Im Moment sind in Deutschland etwas mehr als 100.000 Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert.

„Dann sind wir wieder ganz am Anfang“

In etwa zehn Tagen, so glauben die Autoren, sollten die Fallzahlen so gering sein, dass die Kontaktsperre vorsichtig gelockert werden könne.

Doch sie warnen auch: Um die Lockerungen umzusetzen, müsse das Leben in Deutschland vorerst weiter auf „Notbetrieb“ laufen. Denn auch aus dieser Rechnung lasse sich eine so naheliegende wie ernüchternde Einsicht ableiten: „Wenn jetzt die Beschränkungen aufgehoben werden, sind wir wieder ganz am Anfang“, so Viola Priesemann. „Wir sehen ganz klar: Die Fallzahlen in zwei Wochen hängen von unserem Verhalten jetzt ab.“

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