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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Roxana Ruiz hatte den Mann erwürgt, nachdem sie ihn bereits bewusstlos geschlagen hatte – formal ein Notwehr-Exzess. Am Ende aber hatte selbst der Ankläger ein Einsehen.

Die Nacht vor rund zwei Jahren, in der sich Roxana Ruiz' Leben ändert, beginnt mit einer Tour durch ihr Viertel. Der Ort heißt „Nezahualcoyotl“, ein Vorort von Mexiko-Stadt.

Frauen leben hier besonders gefährlich: Der Stadtteil ist für viele Vergewaltigungen berüchtigt. Doch die allein erziehende Mutter Roxana, eine indigene Frau aus dem Süden Mexikos, fristet hier ihren Lebensunterhalt: An einem Straßenstand verkauft sie Pommes.

Roxana nach dem vorläufigen Freispruch:

Mexican prosecutors drop case against 23-year-old Roxana Ruiz who was originally sentenced to 6 years in prison for killing a man who was raping her. pic.twitter.com/h5l4oNUY2S

Es beginnt harmlos in einem Vorort von Mexiko-Stadt

Der spätere Täter ist der Bekannte eines Bekannten. Am Ende des Abends und nach ein paar Drinks bietet er an, Roxana sicher nach Hause zu geleiten. Und als er und die damals 21-Jährige bei ihr ankommen, fragt er, ob er bei Roxana übernachten könne. Er habe so einen langen Heimweg.

Roxana ist nett und lässt ihn auf einer Matratze für Gäste schlafen. Als sie eingeschlafen ist, beginnt das Verbrechen: Irgendwann kommt der Täter in ihr Bett. Er reißt ihr die Kleider herunter, schlägt sie und stürzt sich auf sie. Roxana wehrt sich. Er droht, er werde sie umbringen, wenn sie die Vergewaltigung nicht zulässt.

Der Vergewaltiger ist ohnmächtig, das Opfer in Panik

„Er hätte sie ohnehin umgebracht“, ist sich Roxanas Anwalt Ángel Carrera sicher. Sie hat das offenbar auch befürchtet. Irgendwann schafft sie es, den Angreifer K.O. zu schlagen. Das müsste doch gereicht haben, um sich zu retten, urteilt ein Gericht später.

Doch Roxana ist in Panik: Jederzeit könnte der Täter wieder zu sich kommen und sie misshandeln und töten. Sie greift sich ein T-Shirt und erwürgt den Mann.

Erst wird Roxana verurteilt: zu mehr als sechs Jahren Haft

Erst 20 Stunden später hat sie sich soweit gefasst, dass sie den Toten in eine Mülltüte packt, um ihn irgendwo hinzubringen. Sie zerrt den Leichnam auf die Straße. Da kommt zufällig eine Polizeistreife vorbei.

Vergangene Woche zwei Jahre nach der Tat: Roxana hat neun Monate in Untersuchungshaft verbracht und ist dann für die Dauer des Verfahrens freigelassen worden.

Das erste Urteil wird gesprochen: Roxana Ruiz wird wegen des vermeintlichen „Notwehr-Exzesses“ zu sechs Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Der Familie des Vergewaltigers soll sie obendrein umgerechnet rund 16.000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Polizei setzt Vergewaltigungsopfer Ruiz unter Druck

Frauenorganisationen unterstützen sie mittlerweile. Es gibt öffentliche Proteste gegen das Urteil. Es stellt sich heraus, dass die Polizei unzureichend ermittelt hat. Nach ihrer Festnahme hat sie Roxana außerdem eingeschüchtert: Sie solle doch zugeben, dass sie Sex mit dem Mann gewollt und es sich dann schlicht anders überlegt habe.

Roxana bittet nach der Verurteilung öffentlich um Unterstützung:

🔴 Por «uso excesivo de legítima defensa», jueza sentenció a 6 años y 2 meses de prisión a Roxana Ruiz, quien se defendió de su agresor sexual, el cual murió luego de que su víctima se defendió. Además, Roxana deberá pagar una compensación de 280 mil pesospic.twitter.com/KbO2N3WJ3P

Die Tat und das Urteil bringen vor allem viele Frauen in Mexiko in Rage: Jede zweite Frau in dem Land soll bereits sexuelle Gewalt erlebt haben. Dazu kommt die ständige Gefahr, der vor allem arme Frauen in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind.

Vergewaltigungsopfer Roxana Ruiz: „Wenn ich es nicht getan hätte, wäre ich heute tot“

Die Proteste bringen womöglich die Wende: Nur acht Tage nach ihrer Verurteilung überprüft die Staatsanwaltschaft den Fall erneut und entscheidet überraschend, die Anklage zurückzunehmen. Das Urteil wird für ungültig erklärt es ist eine Sensation.

Roxana ist frei, obwohl die Angehörigen des Täters noch Berufung einlegen können. Ob sie es tun und was dann passiert, bleibt abzuwarten. Vergangenes Jahr hat Roxana der Nachrichtenagentur AP gesagt: „Ich bereue, was ich getan habe. Aber wenn ich es nicht getan hätte, wäre ich heute tot.“

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