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Niemand ist sicher: nicht die Politiker, nicht ihre Helfer und nicht ihre Angehörigen. Mexikos blutige Wahl hat über 100 Politiker das Leben gekostet. Doch in einem Land mit knapp 100 Morden am Tag ist das nicht mal ein Wahlkampfthema.

Abel Murrieta ließ an seiner Entschlossenheit keine Zweifel: „Es muss Schluss damit sein, dass die Verbrecher unsere Straßen kontrollieren, unseren Kindern Drogen andrehen und unsere Familien zerstören“, sagte der Bürgermeisterkandidat der nordmexikanischen Stadt Cajeme in einem Wahlspot. „Ich habe keine Angst, niemand wird mich korrumpieren.“

Gewalt in Mexiko: Mordversuch an Politikerin – Ehemann stirbt

Einen Tag nach der Veröffentlichung des Clips war Murrieta tot. Ein Unbekannter erschoss ihn vor einem Einkaufszentrum, während er Wahlwerbung verteilte. Das war dreieinhalb Wochen vor der Wahl am Sonntag.

Eine Frau nimmt an der Totenwache der Bürgermeisterkandidatin Alma Barragan in Moroleon teil. Barragan wurde während ihres Wahlkampfes im Bundesstaat Guanajuato ermordet. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/AP | Armando Solis)
Eine Frau nimmt an der Totenwache der Bürgermeisterkandidatin Alma Barragan in Moroleon teil. Barragan wurde während ihres Wahlkampfes im Bundesstaat Guanajuato ermordet. picture alliance/dpa/AP | Armando Solis

Nicht einmal die Angehörigen der Kandidaten sind sicher: Jose Marcelino Perez Aguilar, Ehemann der Kandidatin für das Bürgermeisteramt im mexikanischen Cuitzeo, starb durch einen Mordversuch an seiner Ehefrau Rosa Elia Milan Pintor.

Wahlkampf im Gebiet von Mexikos Drogenmafia

Das Ehepaar wurde nur wenige Tage vor der Wahl in der Unruheprovinz Michoacan überfallen, wo die Drogenmafia besonders aktiv ist. Rosa Elia Milan hat sich für das Linksbündnis Morena PT beworben.

Doch irgendjemand in dem Geflecht aus Korruption, politischer Macht und organisierter Kriminalität in Michoacan empfindet diese Kandidatur offenbar als Bedrohung.

Am selben Tag wurde die Kandidatin für den Bürgermeisterposten in Cutzamala de Pinzón (Guerrero), Marilú Martínez entführt, seit Donnerstag wird der Bürgermeisterkandidat von San Francisco de Borja (Chihuahua), Leobardo Mario Torres Parra, vermisst.

Nie ohne kugelsichere Weste: Bürgermeisterkandidat Guillermo Valencia von der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) macht sich bereit für den Wahlkampf in Morelia im mexikanischen Bundesstaat Michoacan. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/AP | Marco Ugarte)
Nie ohne kugelsichere Weste: Bürgermeisterkandidat Guillermo Valencia von der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) macht sich bereit für den Wahlkampf in Morelia im mexikanischen Bundesstaat Michoacan. picture alliance/dpa/AP | Marco Ugarte

Über 100 Politiker im mexikanischen Wahlkampf ermordet

Fast 130 Kandidatinnen und Kandidaten sind vor dem Superwahlsonntag in Mexiko getötet worden. Die mutmaßlichen Täter: Drogen-Kartelle oder auch einfach nur Konkurrenten – niemand weiß es so genau, denn es werden insgesamt viel zu viele Morde im ganzen Land begangen, als dass die Polizei sie noch aufklären könnte. Deren Leute werden selbst oft zu Opfern der Drogenbanden – manchmal auch zu Komplizen.

Bei der Wahl am Sonntag geht es um etwa 20.000 Ämter: 500 nationale Abgeordnete, 15 Gouverneure, etwa 1.000 Landtagsabgeordnete, rund 1.900 Bürgermeisterämter, knapp 14.500 Stadträte und circa 2.000 kommunale Rechtsbeistände.

35.000 Menschen wurden 2020 in Mexiko ermordet

Die Wahl gilt auch als Halbzeitzeugnis für die insgesamt sechs Jahre andauernde Amtszeit von Präsident Andres Manuel Lopez Obrador. Der hatte Mitte 2018 die Präsidentschaftswahlen gewonnen und wird noch weitere drei Jahre im Amt bleiben. Eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen war die Reduzierung der Mordrate und die Eindämmung der Kriminalität überhaupt.

Daraus ist nichts geworden: Allein 2020 wurden rund 35.000 Menschen in Mexiko ermordet – fast 100 am Tag. Neuerdings machen Drogen-Kartelle Jagd auf Elitepolizisten, dringen in ihre Häuser ein und töten die einen vor den Augen ihrer Familien. Andere werden entführt und tauchen später als Leichen mit schweren Folterwunden wieder auf.

Morde gehen bis kurz vor der Wahl weiter

Und jetzt die Politiker: Abgeordnete und Bürgermeisterkandidaten werden reihenweise ermordet. Nach einem Bericht des Thinktanks International Crisis Group ist die Gewalt auf einen Konkurrenzkampf zwischen kriminellen Gruppen um Einfluss auf die korrupten Institutionen des Staats zurückzuführen. Doch selbst Populist Obrador gibt zu, dass es in vergangenen Wahlkämpfen weniger Tote gegeben hat.

Inmitten all dieser Morde spiele das Thema Gewalt im Wahlkampf kaum eine Rolle, sagen Beobachter. All das Blutvergießen, dazu die Corona-Pandemie, die allein nach offiziellen Angaben 220.000 Menschen getötet hat – vielleicht haben viele einfach resigniert.

Das hält die Mörder aber nicht ab: Noch am Samstag wurde Bürgermeister-Kandidat René Tovar im Bundesstaat Veracruz ermordet – einen Tag vor der Wahl.

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