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Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic (Foto: SWR3)
Lea Kerpacs
Lea Kerpacs (Foto: SWR3)

Simon wacht nachts auf, halb ausgezogen, sein Trainer liegt auf ihm. Was in dieser Nacht passiert, verfolgt ihn sein Leben lang. Für eine Studie über sexuellen Kindesmissbrauch im Sport erzählt er seine Geschichte.

Sexueller Missbrauch durch den Trainer: Simons Geschichte

Simon war etwa 12 Jahre alt, als er einem Ruderverein beigetreten ist. Später verließ er den Verein wieder, behauptete, er habe keine Lust mehr auf den Rudersport. Was in dieser Zeit passiert ist, beeinträchtigt ihn bis heute.

Über einen Schulfreund tritt er dem Ruderverein bei. Sport ist eigentlich nicht wirklich seine Welt. Aufgrund seines geringen Gewichts wird er Steuermann, eine Bootsposition, die nicht sehr anstrengend ist. Eigentlich perfekt. Simon war schüchtern und ängstlich. Sein Trainer ist in den 20ern und kümmert sich sehr fürsorglich um den Jungen. Simon ist damals sehr erleichtert. Sein Trainer nimmt ihn auch häufiger auf den Schoß. Heute sagt er darüber:

Damals dachte ich mir nichts dabei. Das Einzige, was mir auffiel, war, dass die anderen im Verein diese besondere Stellung registrierten. Aber es hat niemand etwas dagegen gesagt.

Simons Trainer schlief im selben Zelt

Der erste gewalttätige Übergriff passiert dann auf einer Wanderfahrt, erzählt Simon. Er teilt sich mit seinem Trainer das Zelt. Er denkt sich damals nichts dabei, sein Trainer war für ihn eine wichtige Vertrauensperson. „Wir gingen beide zu Bett, und es ging mir gut damit.“ Damals ist er 14 Jahre alt.

In der Nacht bin ich davon aufgewacht, dass mein Trainer mich halb ausgezogen hatte und mit seinem Riesenkörper auf mir lag. Er küsste mich und nahm sexuelle Handlungen an mir vor. Er zwang mich ebenso dazu, sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen. Ich erinnere mich nicht mehr an alles. Ich weiß nur, dass es sehr schmerzhaft war und die „körperlichen Manipulationen“ sehr wehgetan haben. Ich hatte Angst und habe es dann einfach über mich ergehen lassen. Etwas sagte mir damals, dass wenn ich schreien würde, es nicht gut für mich in der Situation gewesen wäre. Er hat mir sehr wehgetan.

Nach dieser Nacht gab es noch weitere Übergriffe, die von Simon als „kleiner“ eingestuft werden. Nur durch das Verlassen des Vereins kann er sich seinem Trainer entziehen.

Ich weiß nicht, ob es noch andere Betroffene gab. Ich weiß nur, dass mein damaliger Schulfreund, der auch mit im Zeltlager war und noch länger in dem Ruderverein aktiv war, sich später das Leben genommen hat. Ich hatte aber zu der Zeit keinen Kontakt mehr zu ihm.

Depression und Flashbacks: Simon leidet bis heute an den Folgen

Simon macht die Taten nicht öffentlich, zeigt den Trainer nicht an. Er verdrängt, was passiert ist. Bis er sehr krank wird und sich in Therapie begibt. Im Laufe dieser psychologischen Begleitung kamen seine Erinnerungen zurück, erzählt er.

Simon leidet an einer seltenen Krankheit namens Achalasie, einer chronischen und schmerzhaften Erkrankung der Speiseröhre.

Ich wurde daran bereits zwei Mal operiert, aber leider sind die Schmerzen und Krämpfe nicht verschwunden. Mein Therapeut und auch ich selber glauben, dass es mit der Vergewaltigung durch meinen damaligen Trainer zusammenhängt.

Flashbacks mit dem Gefühl, jemand liegt auf ihm und er droht zu ersticken, Depression, posttraumatische Belastungsstörung – die Liste von Simons Beschwerden ist lang. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle: „[...] auch weil ich das Gefühl habe, dass ich durch meine Homosexualität etwas „ausgestrahlt“ habe, was den Täter animiert haben könnte. Diese Schuldgefühle bearbeite ich in meiner Therapie und weiß heute, dass selbst, wenn ich etwas ausgestrahlt haben sollte, dies keine Legitimation für gewalttätige sexuelle Übergriffe ist. Die Schuldgefühle bleiben aber ein Teil meines Lebens.“

Stationäre Klinikaufenthalte, Besuche beim Psychotherapeuten und eine dauerhafte 50-Grad-Schwerbehinderung sind die Folgen der schmerzhaften Erinnerungen an die sexuellen Übergriffe.

Münster

Als Kind missbraucht – Betroffene berichten „In dieser Sekunde ist etwas in mir gestorben“

Der brutale Missbrauch an mehreren kleinen Kindern in Münster hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. SWR3 hat mit Betroffenen gesprochen, die als Kind selbst zum Opfer wurden und bis heute unter den Folgen leiden.

Sexueller Missbrauch: Warum Täter oft davonkommen

Eine schwere Erkenntnis ist für Simon auch, dass niemand damals eingegriffen habe: Nicht, als sein Trainer ein Zelt mit ihm teilte und auch nicht, als sich sein Verhalten plötzlich änderte. „Rückblickend schaue ich auf eine Kultur des Wegsehens und Schweigens im Sportverein zurück, denn jeder dort hat die besondere Nähe des Trainers zu mir registriert, doch niemand hat etwas gesagt.“

Simon kritisiert auch das Rechtssystem: Viele Betroffene von sexualisierter Gewalt könnten erst viel später über ihre Erlebnisse sprechen. Die Straftaten verjähren aber in Deutschland. Zudem sei es schwierig, so etwas zu beweisen, da nur zwei Personen involviert waren.

Heute ist Simon glücklich verheiratet, hat einen stabilen Freundeskreis und ein gutes Verhältnis zu seiner Familie. Er ist Banker, hat eine verantwortungsvolle Position und verdient gut. Der Missbrauch und seine Folgen begleiten ihn trotzdem sein Leben lang.

Studie zeigt: So groß ist das Problem von Kindesmissbrauch im Sport

Simon ist einer von 72 Betroffenen, die in einer Fallstudie zu sexueller Gewalt und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Sport ihre Geschichte erzählen. Die Studie wurde von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs veröffentlicht. Sie zeigt ein erschreckendes Bild: Demnach wurden nur die wenigsten Fälle aufgedeckt und aufgearbeitet. Stattdessen würden die Betroffenen häufig erleben, dass ihre Erfahrungen abgestritten, bagatellisiert und verschleiert werden, schreibt die Nachrichtenagentur dpa.

Besonders im organisierten Sport tragen die Strukturen demnach dazu bei, dass Aufklärung und Aufarbeitung erschwert wird. Dazu gehöre die Fixierung auf den sportlichen Erfolg, die Abhängigkeit von ehrenamtlichen Mitarbeitenden sowie das große Machtgefälle zwischen Sportlerinnen und Sportlern und den Trainern. Die Täter sind überwiegend männlich, aus dem direkten oder nahen Umfeld und stehen in machtvollen Positionen. „Verbände, Vereine und Verantwortungsträger im Sport entwickeln aus Perspektive der Betroffenen eine enorme Hartnäckigkeit und Unverfrorenheit, wenn es darum geht, sich vor die Täter zu stellen und die Erfahrungen von Betroffenen abzuwehren“, so Studienleiterin Bettina Rulofs. Es brauche unabhängige Anlaufstellen für Betroffene.

"Zu oft haben es die in ihrer Kindheit im #Sport missbrauchten Menschen erleben müssen, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Es ist nötig, die Erzählung vom gesunden und fairen Sport zu durchbrechen“: Prof. Bettina Rulofs über unsere Studie. Hier downloaden: https://t.co/cpam6W4FxE

Das war auch Thema beim Treffen der Sportminister von Bund und Ländern in Mainz am Donnerstag. Sie haben den Trägerverein Safe Sport e.V. gegründet und damit eine Anlaufstelle für Betroffene auf den Weg gebracht. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sagte:

Gewalterfahrungen bis hin zu sexualisierter Gewalt sind für erschreckend viele Sportlerinnen und Sportler Realität [...] Jeder Vorfall ist eine Tragödie. Jeder Vorfall kann, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, das ganze Leben beeinträchtigen. Und jeder Vorfall erschüttert das Vertrauen in den Sport.

Deshalb sei eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene so wichtig. Sie soll Anfang nächsten Jahres ihre Arbeit aufnehmen und sei laut Ministerium „ein dringend benötigtes Hilfsangebot für ratsuchende Sportlerinnen und Sportler“. Unterstützen soll die Anlaufstelle mit einer psychologischen und juristischen Erstberatung. Ein Verein als Hilfsmittel für die Opfer von sexualisierter Gewalt im Breiten- und Spitzensport in Deutschland – das ist das Topthema mit SWR3-Redakteur Josh Kochhann:

SWR3 Topthema (Foto: SWR3)

Topthema vom 03.11.2022 Safe Sport für weniger sexualisierte Gewalt

Dauer

Wie lässt sich sexualisierte Gewalt im Sport besser bewältigen und bekämpfen? Mit diesem Thema haben sich die Sport-Minister der Bundesländer in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt. Heute haben sie im Rahmen der sogenannten Sportminister-Konferenz in Mainz einen ersten wichtigen Schritt bekanntgegeben. Die Gründung des Vereins „Safe Sport e.V.“. Er soll ab Anfang 2023 ratsuchenden Sportlerinnen Sportlern Hilfsangebote liefern. „Ein Verein als Heilmittel für die Opfer von sexualisierter Gewalt im Breiten- und Spitzensport in Deutschland“ - das ist das SWR3-Topthema mit Josh Kochhann:

Sexueller Kindesmissbrauch: Was können Eltern tun?

In den meisten Fällen sind die Täterinnen und Täter bei sexuellem Kindesmissbrauch laut der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt e.V. (DGfPI) den Kindern bekannt. Demnach sind 75 Prozent (2019) aus dem engen Umfeld des Kindes.

Laut der Hilfsorganisation Weisser Ring e.V. gibt es keine spezifischen Merkmale oder Signale, die eindeutig auf sexuellen Missbrauch hinweisen können.

Oft deuten Verhaltensveränderungen des Kindes auf traumatische Erlebnisse hin, solche Verhaltensveränderungen können allerdings sehr unterschiedlich sein. Grundsätzlich gilt: Jede Verhaltensauffälligkeit eines Kindes muss ernst genommen und aufgeklärt werden. 

Wie können Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen?

Die DGfPI verweist in einem Ratgeber darauf, wie Eltern mit ihren Kindern über das Thema Missbrauch sprechen können:

  • Das Recht über den eigenen Körper: „Dein Körper gehört dir, du bist wichtig, du hast das Recht, dich zu schützen. Du hast z.B. ein Recht darauf, allein zu baden oder zu schlafen. Du darfst bestimmen, wie, wann, wo und von wem du angefasst werden willst.“
  • Zeige, wie du dich fühlst: Deine Gefühle sind wichtig. Sie machen dich einzigartig, und du kannst ihnen vertrauen. Zeige, wie du dich fühlst. Erzähle, wenn du ängstlich, traurig, glücklich oder verunsichert bist.“
  • Das Recht, sich zu wehren: Wenn irgendjemand von dir angefasst werden will oder dich auf eine Art anfasst, die dir nicht gefällt, dann darfst du dich dagegen wehren. Du hast das Recht, „nein“ zu sagen.“
  • Über schlechte Geheimnisse darf man sprechen: „Sogar wenn du versprochen hast, nichts zu erzählen: Schlechte Geheimnisse darfst du weitersagen. Du darfst über das, was dir passiert, sprechen und dir Hilfe holen.“

Hier gibt es mehr Informationen.

Wie können sich Eltern verhalten?

  • Unkenntnis begünstigt sexualisierte Gewalt. Der Weisse Ring rät deshalb Eltern, sich über Fakten und Risiken im Zusammenhang mit diesem Thema zu informieren.
  • Über sexualisierte Gewalt sprechen. Das gebe Kindern die Sicherheit, selbst über dieses Thema zu reden, so die Hilfsorganisation.
  • Dem Kind glauben. Laut der DGfPI zeige die Erfahrung, dass sich Mädchen und Jungen sexuelle Übergriffe in der aller Regel nicht ausdenken. Der Weisse Ring rät: Entscheidend bei einem solchen Gespräch ist auch, dass Kinder selbst bestimmen, wie viel sie gerade erzählen wollen.
  • Ruhig bleiben. Nicht in Panik geraten, rät die DGfPI. Die kann sich sonst auf das Kind übertragen oder dazu führen, dass es aufhört zu erzählen.
  • Hilfe suchen.

Werden Aussagen eindeutiger oder sogar Verletzungen erkennbar, ist es unerlässlich, sich Hilfe und professionelle Unterstützung zu suchen. Ein Kind kann sexuelle Gewalt nicht allein beenden.

Hier bekommst du Hilfe

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