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Zwei Jahre Ermittlungen, Hunderte Verdächtige: Der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach hat einen Pädophilen-Ring ausgehoben – die Polizei hat Bilanz gezogen.

Es sind gigantische Mengen an widerlichen Bildern, Videos und Chat-Nachrichten: Etwa 4.700 Festplatten, USB-Sticks und andere Datenträger haben die Ermittler der Kölner Soko „Berg“ sichergestellt. „Um es mal ganz platt zu sagen: Die Keller hier im Polizeipräsidium sind voll mit sichergestellten Festplatten, Computern und Handys“, sagte Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob.

Mit dem Material wäre es möglich, theoretisch mehr als 30.000 Verdächtige zu finden, die die Dateien miteinander ausgetauscht haben. Allerdings sei es schwierig, sie zu identifizieren, weil sie in Foren, Gruppenchats und Messengerdiensten Pseudonyme benutzen. Dass am Ende 30.000 Klagen erhoben werden, galt auch als unwahrscheinlich – die technischen und rechtlichen Hürden seien zum Teil sehr hoch gewesen.

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Mehr als 400 Verdächtige

Trotzdem wurden im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach 439 Tatverdächtige identifiziert. Bundesweit gab es 27 Festnahmen, davon 13 in Nordrhein-Westfalen. Was Verurteilungen angeht, fehlen zwar deutschlandweite Zahlen, aber die Daten aus NRW deuten an, um welche Schwere der Taten es ging: In mehreren Verfahren wurden zusammengerechnet mehr als 80 Jahre Freiheitsstrafe verhängt.

Auch der Mann aus Bergisch Gladbach, der seine eigene Tochter missbraucht hatte, wurde 2020 zu einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe und Unterbringung in Sicherungsverwahrung verurteilt.

65 Kinder aus den Händen von Pädophilen befreit

Vorausgegangen sind den Prozessen viele traumatisierte Familien und erschütterte Polizisten: Die Kölner Ermittler haben in den vergangenen Jahren insgesamt 65 Kinder aus der Gewalt von Tätern befreit.

Das jüngste Kind sei nur drei Monate alt gewesen. Seine Mitarbeiter hätten „enormes Leid“ gesehen, gehört und dokumentiert, sagte Ermittlungsgruppe-Leiter Michael Esser bei einer Bilanz seiner Sonderkommission. Sie wurde im Herbst 2019 eingerichtet – und wird jetzt aufgelöst.

Vor knapp drei Jahren hatten Ermittler im Haus eines Familienvaters in Bergisch Gladbach riesige Mengen kinderpornografischer Daten gefunden. In der Folge stießen sie auf ein weit verzweigtes Geflecht von Verdächtigen, die sich im Netz über Kindesmissbrauch austauschten.

Warum die gelösten Fälle für Kölns Polizeipräsident kein Grund zum Feiern sind

Die Zahlen aus dem Fall zeigen eines nicht: Die Abgründe, die hinter jedem einzelnen Fall stecken. Er habe in seiner Karriere schon viel Leid gesehen, sagte Kölns Polizeipräsident Jacob. „Aber das, was wir hier aufgedeckt haben, das sprengt alle Maßstäbe.“ Die beachtliche Bilanz der Ermittlungen sei kein Grund zum Feiern. „Dafür ist das Leid, das wir hier aufgedeckt haben, viel zu groß.

Es habe teilweise sehr verwirrende Situationen gegen, sagte Soko-Leiter Esser – zum Beispiel wenn die Kinder nach der Trennung von den Missbrauchstätern geweint hätten.

Ein Mädchen habe sich während einer Anhörung verzweifelt an ein Stofftier festgeklammert, das es von seinem Onkel geschenkt bekommen habe. „Die Tragik in dieser Aussage nahm uns alle mit, denn dieser Onkel war unser Tatverdächtiger, der ihr unbeschreibliches Leid angetan hatte“, hieß es in einem Bericht des Einsatzleiters.

Kindesmissbrauch: Wer sind die Täter?

Man könne nicht davon reden, dass Kindesmissbrauch ein Verbrechen vom Rand der Gesellschaft sei, sagte Esser. „Wir haben Tatverdächtige aus allen Gesellschaftsschichten.“ Darunter seien Leute, die von außen betrachtet ein völlig normales Leben geführt hätten: „Die gingen ganz normal ihrer Arbeit nach.“ In den meisten Fällen hätten die Ehefrauen keine Vorahnung gehabt, was mit ihren Kindern passiere.

Was passiert mit den verbliebenen Spuren?

Weil die Ermittler bei ihrer Arbeit an den Missbrauchsfällen so viele verschiedene Spuren gefunden haben, sind einige noch gar nicht bis zum Ende verfolgt worden. Die verbliebenen, belastbaren Spuren sollen jetzt von anderen Abteilungen weiterverfolgt werden. Die Kölner Ermittler gehen davon aus, dass dabei keine weiteren schlimmen Missbrauchstaten aufgedeckt werden.

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Radionachrichten 14. August, 2:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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