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Die Sonntagsausgabe der New York Times ist mit einer außergewöhnlichen Titelseite erschienen. Auf ihr stehen die Namen von 1.000 amerikanischen Corona-Toten – und eine kurze persönliche Erinnerung.

Sich anhand von Zahlen eine Menge vorzustellen, wird irgendwann schwierig. Bei 5 oder 10 mag das noch gehen. Doch wie sieht eine Menge von 1.000 Menschen aus – oder gar 100.000?

Die New York Times hat das in ihrer Sonntagsausgabe verdeutlicht. Auf der Titelseite stehen 1.000 Namen von Menschen, die nach einer Infektion mit dem Coronavirus in den USA gestorben sind. Damit will die Zeitung an die inzwischen fast 100.000 Todesopfer der Corona-Pandemie in den Vereinigten Staaten erinnern.

The front page of The New York Times for May 24, 2020 https://t.co/d14JhFp4CP

Namen und persönliche Erinnerung an Corona-Verstorbene

In der Überschrift der Titelseite seht: „Fast 100.000 Tote in den USA, ein unermesslicher Verlust.“ Darunter folgt: „Die 1.000 Menschen hier stellen nur ein Prozent der Opfer dar. Keiner von ihnen war nur eine Statistik“. Zahlen allein könnten die Auswirkungen des Coronavirus auf Amerika nicht messen – weder die Zahl der behandelten Patienten, unterbrochener Jobs oder zu früh beendeter Leben, schreibt die Zeitung.

„Ich wollte etwas, auf das die Menschen noch in hundert Jahren zurückblicken, um das Ausmaß zu verstehen, das wir gerade durchleben“

New-York-Times-Ressortleiter Marc Lacey

Die 1.000 Namen stammen aus veröffentlichen Nachrufen. Hinter jeder und jedem Verstorbenen wurde auch eine persönliche Erinnerung abgedruckt – wie beispielsweise:

• Dante Dennis Flagello (62 Jahre alt) aus Rome im Bundesstaat Georgia, dessen „größte Errungenschaft die Beziehung mit seiner Frau war“.
• Thomas E. Anglin (85) aus Cumming in Georgia „schaffte viele wunderbare Erinnerungen für seine Familie“.
• Joseph W. Hammond (64) aus Chicago im Bundesstaat Illinois „gab seinen Beruf auf, um sich um seine Eltern zu kümmern“.
• Lynne Sierra (68) aus dem Ort Roselle in Illinois war „eine Großmutter, die immer voller Ideen war“.
• José Díaz-Ayala (38) aus Palm Beach im Bundesstaat Florida „hat 14 Jahre dem Büro des Sheriffs des Bezirks Palm Beach gedient“.

USA am schwersten vom Coronavirus betroffen

Nach Angaben der John-Hopkins-Universität vom Samstagabend sind inzwischen 1,6 Millionen Menschen in den USA nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. 97.000 Todesfälle wurden gemeldet. Die Vereinigten Staaten sind das am schwersten von der Corona-Pandemie betroffene Land der Welt.

Die USA kämpfen zudem mit einer verheerenden Wirtschaftskrise: Fast 39 Millionen Menschen haben in der Corona-Krise seit Mitte März ihren Job verloren. Beobachter sprechen von einer historischen Situation. Seit dem Zweiten Weltkrieg seien die Vereinigten Staaten nicht mit solch einer Krise konfrontiert gewesen. Besonders dramatisch: Für Millionen Amerikaner ist die Krankenversicherung häufig an den Arbeitsplatz gebunden. Für sie bedeutet das: Job weg und Versicherung weg. Der Arztbesuch ist dann oft zu teuer.

Trump gibt China die Schuld an Corona-Pandemie

US-Präsident Donald Trump drängt seit Wochen auf ein Ende der Beschränkungen, mit denen eine Ausbreitung des Virus verhindert werden soll. Trump will die Wirtschaft wieder ankurbeln. Seit Anfang Mai haben einige Bundesstaaten damit begonnen, die Vorschriften etwas zu lockern. Trump hofft auch, dass schnell ein Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung steht. Er setzt außerdem auf die Malariamittel Hydroxychloroquin und Chloroquin. Doch Wissenschaftler warnen inzwischen vor den Nebenwirkungen dieser Medikamente.

Die Demokraten werfen Trump vor, die Gefahr einer Pandemie lange geleugnet zu haben. Die USA seien deswegen schlecht auf das Coronavirus vorbereitet gewesen. Der US-Präsident hingegen sieht China in der Verantwortung. Das Land habe zu spät reagiert und damit die weltweite Ausbreitung des Virus verursacht, so Trump.

China warnt vor Kaltem Krieg

In China bleiben die verbalen Angriffe aus den USA nicht unwidersprochen. Der chinesische Außenminister Wang Yi sprach am Rande des gerade stattfindenden Volkskongresses in Peking von einem „politischen Virus“ in den USA. Amerikanische Politiker nutzten jede Gelegenheit, um China anzugreifen. Die Liste der Lügen und Verschwörungstheorien werde immer länger.

„Einige politische Kräfte in den USA nehmen die Beziehungen zwischen China und den USA als Geisel und drängen das Verhältnis in Richtung eines neuen Kalten Krieges“, sagte Wang Yi. Im Kampf gegen die Lungenkrankheit Covid-19 sollten beide Staaten zusammenarbeiten. China und die USA könnten von Kooperation nur profitieren, bei Konfrontation aber nur verlieren, warnte der Außenminister.

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