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Hunderte Schreiben mit rechtsextremen Inhalten und Morddrohungen soll er verfasst haben – am Dienstag wurde ein 53-Jähriger in Berlin festgenommen. Doch es gibt noch viele offene Fragen – gibt es weitere Täter?

Nach der Festnahme des mutmaßlichen Verfassers der „NSU 2.0“-Drohschreiben sind die Ermittlungen nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft keineswegs abgeschlossen. Nach derzeitigen Stand der Erkenntnisse geht der Sonderermittler Hanspeter Mener zwar bei den rechtsextremistischen Drohmails von einem Alleintäter aus. Doch „Es gibt weitere offene Fragen“, so Albrecht Schreiber, der Leiter der Behörde, am Mittwoch.

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Offene Fragen sind zum Beispiel, wie der am Montagabend festgenommene 53 Jahre alte Mann aus Berlin sich die Daten mit den Adressen seiner Opfer verschafft habe. Der Mann war seit mehreren Jahren arbeitslos und hat nach eigenen Angaben eine Ausbildung im IT-Bereich.

Unter anderem gingen die Schreiben gegen Politiker aus dem hessischen Landtag. Man gehe davon aus, dass er sich als Polizist oder Behördenmitarbeiter ausgegeben haben könnte. Auch geklärt werden soll, ob er eventuell Helfer oder Mittäter gehabt habe.

Welche Rolle spielen Polizeibeamte bei den Drohschreiben?

Innerhalb der hessischen Polizei habe die Festnahme Erleichterung ausgelöst. „Es deutet nichts darauf hin, dass Polizisten bei der Fertigung oder der Versendung der Schreiben beteiligt waren“, sagte ein Sonderermittler des Landeskriminalamtes Karlsruhe am Mittwoch. Dennoch werde diese Hypothese weiter verfolgt, gerade mit Blick auf die Frage, wie die Daten der Bedrohten beschafft wurden.

Festnahme in Berlin: 53-Jähriger ist mutmaßlicher Verfasser

Drei Jahre lang haben die Sicherheitsbehörden in Deutschland nach dem Verfasser der „NSU 2.0“-Schreiben gesucht. Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Berlin war der Verdächtige festgenommen worden.

Der 53 Jahre alte Mann mit deutschem Pass sei arbeitslos und stehe im dringenden Verdacht, „seit August 2018 unter dem Synonym ‚NSU 2.0‘ bundesweit eine Serie von Drohschreiben mit volksverhetzenden, beleidigenden und drohenden Inhalten verschickt zu haben“, teilten die Polizei in Hessen und das hessische Landeskriminalamt mit.

#FESTNAHME im #NSU20 Ermittlungskomplex. Festgenommen wurde ein 53-jähriger erwerbsloser Mann. Tatvorwurf: Versenden von Drohschreiben mit volksverhetzenden, beleidigen und drohenden Inhalten an Personen des öfftl. Lebens. Weitere Infos in der PM → https://t.co/isEWctBmBC https://t.co/l9V67L8Lzk

Medienschaffende und Politiker bedroht

In den Schreiben wurden vor allem Menschen aus dem öffentlichen Leben bedroht – unter anderem aus der Medienwelt und der Politik. Darunter waren auch mehrere Abgeordnete im hessischen Landtag und im Bundestag.

SPD-Chefin Saskia Esken war eine der Politikerinnen, die eine Mail mit der Unterschrift „NSU 2.0“ bekam. Der Inhalt der Mail sei „so scheußlich, dass man's gar nicht beschreiben kann“, sagte sie damals.

Adressen der Empfänger aus Polizeicomputern

Auch die hessische Linken-Fraktionschefin Janine Wissler, die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz oder die Kabarettistin Idil Baydar bekamen solche Mails. Der Fall war deshalb so heikel, weil die Adressen der Empfänger aus Polizeicomputern stammten. Der Verdächtige selbst sei aber nie Bediensteter einer Polizeibehörde gewesen.

Hessens Landespolizeipräsident Udo Münch trat wegen der Affäre zurück. Bei den mehr als ein Dutzend Schreiben an Basay-Yildiz kam heraus, dass persönliche Daten der Anwältin von einem Computer im 1. Polizeirevier in Frankfurt abgerufen wurden.

Die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Boris Roessler)
Bekam mehr als ein Dutzend „NSU 2.0“-Hassmails: die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz. picture alliance/dpa | Boris Roessler

Verdächtiger ist schon öfter verurteilt worden

Der 53 Jahre alte Verdächtige aus Berlin sei schon öfter wegen verschiedener Straftaten verurteilt worden – auch wegen rechtsmotivierter Vorfälle, heißt es weiter.

Bei der Durchsuchung der Wohnung sind Datenträger konfisziert worden, die jetzt ausgewertet werden sollen. Außerdem ermitteln die Behörden wegen des Verdachts der Volksverhetzung, des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, der Bedrohung sowie der Beleidigung.

Beuth: Insgesamt 133 Schreiben

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) hatte erst im März gesagt, dass es insgesamt 133 verschickte Drohschreiben gebe. 115 dieser Dokumente könne man dem „NSU 2.0“-Verfasser zuschreiben, 18 weitere Briefe stammten von Trittbrettfahrern.

Die 115 vermutlich echten „NSU 2.0“-Schreiben seien an 32 Personen und 60 Institutionen in insgesamt neun Bundesländern und in Österreich gegangen. Der Verfasser habe sie vor allem per E-Mail verschickt – aber auch per Fax, SMS oder Internetkontaktformulare.

Hassmail-Verfasser sah sich als Nachfolger des NSU

Der Verfasser der Mails unterschrieb seine Hasstiraden immer mit „NSU 2.0“ – einer Anspielung auf die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“. Die Truppe um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ermordete zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen.

Acht der Opfer waren türkischstämmige Kleinunternehmer, eines ein griechischstämmiger Kleinunternehmer. Das achte Opfer war die Polizistin Michèle Kiesewetter, die der NSU am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese erschoss. Ihr Kollege wurde dabei schwer verletzt.

Am 4. November 2011 nahmen sich Böhnhardt und Mundlos nach einem Banküberfall in Eisenach das Leben, Beate Zschäpe wurde 2018 zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Sie sitzt seit Anfang 2019 im Gefängnis in Chemnitz.

NSU-Terroristin Beate Zschäpe (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Peter Kneffel)
Beate Zschäpe wurde als einziges überlebendes Mitglied des NSU verurteilt. picture alliance/dpa | Peter Kneffel
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