STAND
AUTOR/IN
Hans Liedtke (Foto: SWR3)
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Der Mann, der eine Woche lang in Oppenau im Schwarzwald von der Polizei gesucht wurde, steht vor Gericht. Jetzt hat er ein Geständnis abgelegt.

Im Prozess um seine spektakuläre Flucht mit gestohlenen Polizeiwaffen im Schwarzwald hat der als „Waldläufer von Oppenau“ bekannt gewordene Angeklagte ein Geständnis abgelegt. Er habe vier Polizisten entwaffnet und sei dann mit deren Waffen geflohen, heißt es in einem Statement, das der 32 Jahre alte Yves R. zum Prozessauftakt vor dem Offenburger Landgericht von seinen Anwälten verlesen ließ. Er habe aber nie vorgehabt, damit jemanden zu verletzen. Ihn habe die Angst getrieben, verhaftet zu werden: „Ich bin ein freiheitsliebender Mensch“, ließ der Angeklagte erklären.

Prozess findet in Mehrzweckhalle statt

R. ist unter anderem wegen Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Im Sommer 2020 hatte seine Flucht Polizei und Öffentlichkeit tagelang in Atem gehalten.

Der Prozess findet wegen der Corona-Maßnahmen in einer Mehrzweckhalle statt und steht unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Insgesamt setzte das Gericht zunächst sechs Verhandlungstage bis zum 19. Februar an.

Festnahme nach tagelanger Suche

Laut Anklage hatte der damals 31-Jährige am 12. Juli bei der Kontrolle einer von ihm illegal genutzten Gartenhütte im Schwarzwaldstädtchen Oppenau vier Polizisten entwaffnet. Ihm gelang die Flucht in den Schwarzwald. Ein Großaufgebot der Polizei durchkämmte die Umgebung mit Hubschraubern, Spürhunden und Spezialkräften.

Sechs Tage hat die Fahndung nach Yves R. gedauert – am Ende konnte er schließlich festgenommen werden. Zwei Zeugen auf einem entlegenen Hof hatten ihn zuvor gesehen, als er wie ein Wanderer eine Straße am Waldrand entlang ging.

„Ich habe noch zu meinem Schwiegervater gesagt: Guck mal, da läuft einer, der so getarnt angezogen ist, das wird er doch nicht sein?“, berichtet Bianca Maier aus Oppenau. Dann rief sie die Polizei:

Video herunterladen (4,8 MB | MP4)

Die Beamten waren Minuten später da und verfolgten R.'s Spur mit Hilfe von Spürhunden. Kurz darauf fanden sie ihn in einem Gebüsch sitzend.

Als er entdeckt wurde, hatte der Mann laut Staatsanwaltschaft ein Beil auf dem Schoß liegen. Die Polizisten fanden außerdem ein Schriftstück. Kurz nach der Festnahme wurde von einer Art Abschiedsbrief gesprochen. Die Polizei gab bekannt, dass es sich dabei um ein persönliches Schreiben an seine Angehörigen handelt, das Yves R. für den Fall verfasst habe, dass ihm etwas zustoßen sollte.

Yves R. hatte außerdem vier Pistolen bei sich – sie lagen laut Polizei vor ihm auf dem Boden. Dabei handle es sich um die am Sonntag von der Polizei entwendeten Dienstwaffen.

In Erdlöchern und Gruben versteckt

Die Polizei teilte mit, dass Yves R. nichts von dem deutschlandweit großen Interesse an seiner Flucht mitbekam. Er habe sein Handy deaktiviert, um nicht geortet werden zu können.

Der 31-Jährige soll sich vor allem nachts durch die Wälder nahe Oppenau bewegt haben. Tagsüber habe er Unterschlupf in Gruben und Erdlöchern gesucht. Ernährt habe R. sich überwiegend von Wasser, so die Polizei.

Sechs Tage lang auf der Flucht

Yves Etienne R. aus Oppenau hatte die Region fast eine Woche in Atem gehalten. An der tagelangen Suchaktion waren laut Polizei 2.530 Einsatzkräfte beteiligt gewesen. Rund 250 Hinweise aus der Bevölkerung hätten die Beamten erhalten.

Der obdachlose 31-Jährige war am Sonntagmorgen der Polizei gemeldet worden, weil er sich in einer fremden Gartenhütte bei Oppenau im Renchtal ohne Erlaubnis häuslich eingerichtet hatte. Der Besitzer hatte die Beamten gerufen.

Blick von Oppenau im Renchtal auf den Schwarzwald. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Daniel Naupold/dpa)
Irgendwo in diesen Wäldern wurde der Gesuchte vermutet: Blick von Oppenau im Renchtal auf den Schwarzwald. Daniel Naupold/dpa

Bei einer Polizeikontrolle hatte R. dann unvermittelt eine Waffe gezogen und die vier völlig überraschten Polizisten offenbar sehr entschlossen und aggressiv gezwungen, ihre eigenen Waffen abzulegen.

Polizeisprecher: „Er war zu Beginn sehr kooperativ“

Viele spotteten anschließend über die Polizei und fragten, wie das möglich sei, dass ein Mann vier geschulte Sicherheitskräfte überwältigt. Dabei ist die Antwort möglicherweise einfach: „Er war zu Beginn sehr kooperativ, was bedeutet, dass es für die Kollegen völlig unvorhersehbar war, dass er plötzlich eine Waffe zieht und alle vier in einen Lauf schauen mit gespanntem Bügel“, sagte Polizeisprecher Yannik Hilger dem SWR.

Nach den Worten von Polizeipräsident Reinhard Renter haben die Beamten „alles richtig gemacht“. „Das höchste Gut ist unser Leben.“

Im Interview mit SWR3 erklärt Polizeisprecher Yannik Hilger, warum der Mann so schwer zu finden war:

Polizeihubschrauber über Oppenau (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Philipp von Ditfurth/dpa)

Nachrichten „Weitläufige Wälder, gute Ortskenntnis“

Dauer

Verurteilt wegen Volksverhetzung und Antisemitismus

Während der Suche nach dem Flüchtigen tauchten Details aus der Vergangenheit von Yves R. auf: Es wurde bekannt, dass er als Jugendlicher unter anderem wegen Volksverhetzung verurteilt worden war. Er hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft im Alter von 15 Jahren das Schild eines Jugendwerks so verändert, dass die Aufschrift die Worte „Juden weg“ enthielt. 

Zudem sei „eine rechtsradikale Gesinnung zum Ausdruck gekommen“, unter anderem durch Verwendung von Hakenkreuzen und SS-Symbolen sowie judenfeindlicher Äußerungen.

Die Jugendstrafe von acht Monaten mit Bewährung sei nach einer Phase ohne weitere Vorkommnisse erlassen worden, hieß es. Später habe es keine weiteren Ermittlungen wegen politisch motivierter Straftaten mehr gegeben. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten zunächst angegeben, dass sie von keinem rechtsextremen Hintergrund ausgehen.

2008 Frau mit Armbrust schwer verletzt

R. war mehrfach mit der Polizei in Konflikt geraten – unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Vor allem aber hatte er 2008 eine Frau mit einer Armbrust schwer verletzt und war dafür nach Jugendstrafrecht verurteilt worden.

2010 wurde ihm untersagt, Waffen und Munition zu besitzen. Was er bei sich führte, hatte er demnach immer unerlaubt bei sich.

Im SWR sprach Oppenaus Bürgermeister Uwe Gaiser (parteilos) über den Flüchtigen und warum keiner damit gerechnet hat, was passieren würde:

Großaufgebot der Polizei in Oppenau (Foto: dpa Bildfunk, Sven Kohls)

Versuch, Alltag einkehren zu lassen Bürgermeister von Oppenau: "Glaube nicht, dass da jemand mit gerechnet hat"

Dauer
STAND
AUTOR/IN
Hans Liedtke (Foto: SWR3)
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Meistgelesen

  1. Vendée Globe: Drama kurz vor dem Ziel Segler Boris Herrmann wird starker Vierter trotz Kollision mit Fischerboot

    Er war so knapp davor, eine Sensation bei der Vendée Globe zu schaffen – jetzt ist Segler Boris Herrmann im Ziel, als Vierter. Ein Zusammenstoß mit einem Fischerboot kostete ihn den Sieg.  mehr...

  2. Stuttgart, Freiburg

    Corona-Lage in Baden-Württemberg Kretschmann will Grundschulen und Kitas doch nicht früher öffnen

    In Baden-Württemberg bleiben Grundschulen und Kitas jetzt doch erstmal geschlossen. Der Corona-Lockdown wird auch dort bis zum 14. Februar fortgesetzt.  mehr...

  3. News-Ticker zum Coronavirus Stiko-Empfehlung: Astrazeneca-Impfstoff nur für unter 65-Jährige

    Wegen der stark gestiegenen Infektionszahlen gibt es zurzeit strengere Regeln und Beschränkungen in Deutschland. Alle aktuellen Entwicklungen gibt es hier im Ticker.  mehr...

  4. Baden-Württemberg

    BW-Ministerpräsident: Wir sind keine Schurken Kretschmann platzt wegen Corona-Kritik im TV der Kragen

    Über die Corona-Regeln wird viel diskutiert. In einer ZDF-Sendung hat BW-Ministerpräsident Kretschmann sich jetzt über Kritik an der angeblichen Uneinigkeit der Regierungschefs in der Corona-Krise aufgeregt.  mehr...

  5. Aichtal

    Streit mit den Nachbarn Lesbisches Paar hat sieben Hunde: Stören sich die Nachbarn wirklich nur an den Tieren?

    In Aichtal leben zwei Frauen mit sieben Hunden in einer Wohnung. Manchen Nachbarn scheint das zu stören. Beim Landratsamt Esslingen gingen Beschwerden wegen der Hunde ein. Daraufhin forderte das Amt: Vier Hunde müssen aus der Wohnung. Das Paar fühlt sich gemobbt: Liegt es wirklich an den Hunden?  mehr...

  6. Internet-Hype um Seefahrerlied Das sind die besten Versionen vom Shanty „The Wellerman“

    Mit einem alten Seemannslied hat ein Postbote aus Schottland überraschend einen weltweiten Internet-Trend gestartet. Jetzt sind die Shantys nach 200 Jahren zurück in der Musikwelt und sogar in sämtlichen Charts. Auch große Popstars schwimmen auf der Seefahrer-Welle.  mehr...