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Laura Bisch
Laura Bisch (Foto: SWR3)
Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)

Die Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum München und Freising hat hohe Wellen geschlagen. Jetzt melden sich dutzende weitere Opfer.

Eine Woche ist es her, dass das Gutachten über sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising veröffentlicht wurde. Knapp 500 Betroffene sind darin gelistet. Doch jetzt melden sich dutzende weitere Opfer: Beim Betroffenenbeirat selbst seien es sieben Personen gewesen, über die Hotline des Erzbistums mehrere Dutzend, sagte Richard Kick vom Betroffenenbeirat dem Evangelischen Pressedienst.

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Welche Zahlen liefert das Missbrauchsgutachten?

Das externe Gutachten zu Missbrauchsfällen im katholischen Erzbistum München und Freising fasst Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt zusammen. Es kommt von der Münchner Anwaltskanzlei Westphal Spilker Wastl. Inhaltlich befasst sich das Gutachten mit den Fragen, ob das System des Erzbistums eine Ursache für den Missbrauch sein könnte und ob die Leiter der Kirchenprovinz dafür mitverantwortlich sind.

Nach Angaben der Gutachter waren 247 Geschädigte männlich, 182 weiblich – in 68 Fällen sei eine Zuordnung zu einem Geschlecht nicht möglich gewesen. Das hat der Rechtsanwalt Martin Pusch gesagt, einer der Autoren des Gutachtens. 60 Prozent der betroffenen Jungen waren laut dem Gutachten zwischen acht und 14 Jahre alt.

Damit bestätige sich, dass die Opfer sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche überwiegend männliche Kinder und Jugendliche gewesen seien. Pusch betonte, die Zahlen deckten nur das Hellfeld ab. Die Kanzlei gehe von einem weitaus größeren Dunkelfeld aus. Die Gutachter haben bei ihrer Prüfung außerdem 235 mutmaßliche Täter von 1945 bis 2019 ermittelt. Davon seien 173 Priester gewesen.

Wie hat Erzbischof Marx auf das Missbrauchsgutachten reagiert?

Nachdem er sich unmittelbar nach der Veröffentlichung entschuldigte, hat sich der Münchner Erzbischof Reinhard Marx am Donnerstag erstmals inhaltlich zu dem Gutachten geäußert. Er spricht von einer „dunklen Seite“ und einem Desaster für die Kirche. Nach dem Lesen sei er „erschüttert und erschrocken“ – vor allem über das Leid der Opfer, über Täter und das Verhalten von Verantwortlichen. Er bat die Opfer „persönlich und auch im Namen des Erzbistums“ erneut um Entschuldigung.

Welche personellen Konsequenzen zieht Erzbischof Marx?

Einen Rücktritt zum momentanen Zeitpunkt schließt Marx aus. Das habe etwas von „sich aus dem Staub machen“, sagte er. Gleichzeitig betonte Marx aber auch: „Ich klebe nicht an meinem Amt.“ Bereits im Mai 2021 hatte er wegen des Missbrauchskomplexes Papst Franziskus seien Rücktritt angeboten – und das sei auch ernst gemeint gewesen. Franziskus hatte das aber abgelehnt.

Eine andere Konsequenz gibt es aber: Prälat Lorenz Wolf, der einer der mächtigsten Männer im Erzbistum ist, wolle vorerst „alle seine Ämter und Aufgaben ruhen lassen“, erklärte Marx. Er wird in dem Gutachten schwer belastet und soll die Missbrauchsdelikte vertuscht und verharmlost haben.

Inwiefern taucht Marx in dem Gutachten auf?

Das Gutachten umfasst auch die Amtszeit von Reinhard Marx, der seit 2008 an der Spitze der Diözese steht. Im Gutachten heißt es, Marx habe sich nicht ausreichend um die Behandlung der Fälle sexuellen Missbrauchs gekümmert. Konkret fehlerhaftes Verhalten attestieren die Gutachter Marx in zwei Fällen. Dabei handele es sich vor allem um die Frage, ob eine Meldung an die Glaubenskongregation erfolgt sei.

Dass Marx nicht zur Veröffentlichung des Gutachtens erschienen ist, ist laut Anwältin Marion Westpfahl vor allem „bedauerlich mit Blick auf das Interesse Missbrauchsbetroffener, wahrgenommen zu werden“. Man habe Marx ausdrücklich zur Vorstellung eingeladen.

Was steht in dem Gutachten zu Ex-Papst Benedikt?

Die Anwälte, die das Münchner Missbrauchsgutachten erstellt haben, werfen dem früheren Papst Benedikt XVI. vor, sich nicht richtig verhalten zu haben – und zwar in vier Fällen. Benedikt habe als damaliger Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger in den Fällen nichts gegen den Missbrauch beschuldigter Kleriker unternommen, teilten die Gutachter mit.

Konkret betreffen zwei der Fälle Priester: Sie sind laut dem Gutachten in der Zeit wegen sexuellen Missbrauchs zwar strafrechtlich sanktioniert worden – durften aber weiter als Seelsorger arbeiten. Kirchenrechtlich sei dementsprechend nicht gegen sie vorgegangen worden, steht im Gutachten. Und: Von Fürsorge gegenüber ihren Opfern sei „nichts erkennbar“ gewesen.

Ex-Papst Benedikt XVI. ändert seine Aussage zum Missbrauchsgutachten (Foto: IMAGO, IMAGO / Sven Simon)
IMAGO / Sven Simon

Wie hat Benedikt XVI auf die Vorwürfe reagiert?

Unmittelbar nach der Veröffentlichung hatte der frühere Papst Benedikt XVI. über seine Sprecher seinen „Schock und Scham“ ausdrücken lassen. Er habe nichts von dem Missbrauch gewusst. Jetzt – einige Tage nach der Veröffentlichung – änderte er seine ursprüngliche Aussage in einem entscheidenden Punkt: Er habe doch an einer Ordinariatssitzung im Erzbistum München und Freising am 15. Januar 1980 teilgenommen, heißt es in einer vom Vatikan verbreiteten Erklärung.

Warum ist das brisant? In der Sitzung ging es laut dem Missbrauchsgutachten um die Übernahme eines Priesters aus dem Erzbistum Essen, der als Missbrauchstäter aufgefallen war. Objektiv richtig bleibe aber die Aussage, dass in dieser Sitzung über einen seelsorgerlichen Einsatz des betreffenden Priesters nicht entschieden worden sei, betonte der Privatsekretär des früheren Papstes. Vielmehr sei lediglich der Bitte entsprochen worden, diesem während seiner therapeutischen Behandlung in München Unterkunft zu ermöglichen.

Wie kam es zu der falschen Aussage? Laut der Mitteilung aus dem Vatikan sei die falsche Aussage Benedikts nicht aus böser Absicht geschehen, sondern war Folge eines „Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme“, fügte der Sekretär hinzu. Wie es dazu kam, werde er in einer noch ausstehenden Stellungnahme erklären. „Dieser Fehler tut ihm sehr leid und er bittet, diesen Fehler zu entschuldigen.“

Massenweise Kirchenaustritte – auch wegen Missbrauchsgutachten

Die Kirchen in Deutschland verlieren derzeit offenbar so viele Mitglieder wie nie zuvor. Allein in Nordrhein-Westfalen sind im vergangenen Jahr mehr als 155.000 Menschen aus den Kirchen ausgetreten, im Jahr davor waren es knapp unter 90.000.

Im größten deutschen Bistum Köln haben sich die Austrittszahlen innerhalb eines Jahres verdoppelt, nachdem Kardinal Woelki ein Missbrauchsgutachten zeitweise unter Verschluss gehalten hatte.

Einer Umfrage des SWR zufolge gibt es aktuell ähnliche Tendenzen in Rheinland-Pfalz. Die Standesämter Mainz, Worms und Trier sprechen von einer Austrittswelle. Als Grund werde oft das Münchener Missbrauchsgutachten angegeben. Der dortige Kardinal Marx appellierte heute an die Gläubigen, die Kirche von innen heraus zu verändern.

Auch Bätzing fordert schonungslose Aufklärung

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hat eine schonungslose Aufklärung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche versprochen. Manchmal schäme er sich, dass die Kirche eine solche Vergangenheit habe, sagte der Limburger Bischof bei einem Gottesdienst in Trier. Man müsse klar sehen, was an desaströsem Verhalten auch von der Führung der Kirche bis hin zu einem emeritierten Papst angerichtet worden sei. Die Kirche müsse sich der Wahrheit stellen.

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