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Die Akten sind offiziell geschlossen, die Angehörigen finden keine Ruhe – kaum ein ungelöster Fall wühlt das Land so auf wie dieser. Und doch: Die Sache ist nicht vorbei.

Am 7. Mai 2001 verschwand die damals neun Jahre alte Schülerin Peggy im Landkreis Hof im bayerischen Oberfranken. Erst 15 Jahre später fand man ihre Leiche in Thüringen. Einen angeklagten oder verurteilten Täter gibt es bis heute nicht.

Die einzige Gewissheit: Peggy ist tot

Was genau geschah an diesem 7. Mai 2001 mit dem kleinen Mädchen aus Lichtenberg? Die Frage beschäftigte unzählige Menschen. Polizisten, Staatsanwälte, Richter, Journalisten, die Menschen in der fränkischen Gemeinde und natürlich vor allem die Eltern der damals Neunjährigen. Doch 20 Jahre nach dem Verschwinden von Peggy gibt es nur die Gewissheit, dass das Kind tot ist.

Erst vor wenigen Jahren wurde das Skelett gefunden – in diesem Waldstück in Thüringen:

Ein Waldstück nahe Rodacherbrunn (Thüringen): Hier waren im Juli 2016 Skelettteile der vermissten Peggy gefunden worden. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Nicolas Armer)
Ein Waldstück nahe Rodacherbrunn (Thüringen): Hier waren im Juli 2016 Skelettteile der vermissten Peggy gefunden worden. picture alliance/dpa | Nicolas Armer

Der Fall Peggy ist mit Sicherheit einer der rätselhaftesten Mordfälle in Deutschland. Rein rechtlich gilt der Fall als „Cold Case“: Im Oktober stellte die Staatsanwaltschaft in Bayreuth ihre Ermittlungen ein. Auch gegen den bisher letzten Verdächtigen in dem Fall konnten die Ermittler keine hinreichenden Beweise für eine Anklage ermitteln.

Kein Vergessen, keine Verjährung für Peggys Mörder

Zweifelhaft scheint aber, dass – anders als bei anderen unaufgeklärten Mordfällen – dieser in Vergessenheit gerät: In Facebook-Foren nehmen viele Nutzer den Fall Peggy als einen Beleg für das Versagen der Justiz, verbreiten außerdem Verschwörungstheorien.

Vor allem aber sei es nicht aussichtslos, dass der Täter doch noch überführt werde, sagt der renommierte Kriminologe und Psychologe Rudolf Egg: Die Einstellung der Ermittlungen sei vorläufig, denn Mord verjähre nicht. Es gebe also noch Hoffnung, dass der, der verantwortlich für den Tod des Mädchens ist, noch ermittelt wird: „Wenn auch noch so viele Jahre vergehen: Mord bleibt Mord.“

Im Fall Peggy komme noch dazu, dass man jahrelang glaubte, einen Täter gefunden und verurteilt zu haben. Doch der geistig eingeschränkte Mann ist später in einem Wiederaufnahmeverfahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. „Dieses Wechselbad der Gefühle für Familie, Nachbarn und Freunde ist kaum zu toppen“, sagt der ehemalige Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden.

Peggys Mörder wird kaum von selbst kommen – aber vielleicht ein Mitwisser

Nach Eggs Erfahrung ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich in einem Altfall ein Täter selbst nach vielen Jahren meldet und gesteht. Es komme eher vor, dass Zeugen oder Mitwisser ein schlechtes Gewissen bekommen.

Der Täter entwickle dagegen oft „eine eigene Sicht der Dinge“, um das Verbrechen weniger schlimm erscheinen zu lassen. „Damit lässt sich eher leben. Er hat seine eigene Story, seine eigene Sicht auf die Tat. Dann drückt das Gewissen nicht so sehr.“

Egg: Morde aufzuklären ist meist „gar nicht so schwer“

Immer wieder würden solche „Cold Cases“ doch noch aufgeklärt. Schließlich habe sich die Kriminaltechnik in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt. Die Aufklärungsquote für Mordfälle liege in Deutschland bei 95 bis 96 Prozent. Doch bei 500 Morden im Jahr bedeute dies immerhin rund 25 Fälle pro Jahr, die nicht aufgeklärt würden.

Es lohnt sich, noch einmal genau hinzuschauen.“ Denn Mordfälle zu klären, sei meist „gar nicht so schwer“ - und damit anders als es in Krimis oft dargestellt werde. Ein Hauptverdächtiger werde meist schnell ermittelt, „oft nach nicht einmal 24 Stunden“. Umso spannender sei es, sich Fällen zu widmen, wo seit Jahren nichts Neues herausgefunden werden konnte.

Peggys Grabstein – lange nach ihrem Tod errichtet (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | David-Wolfgang Ebener)
Peggys Grabstein – lange nach ihrem Tod errichtet picture alliance/dpa | David-Wolfgang Ebener

Fall Peggy galt schon einmal als gelöst – doch ein Unschuldiger saß in Haft

2004 hatte der Fall trotz der noch nicht gefundenen Leiche als gelöst gegolten: Die Staatsanwaltschaft legte dar, ein damals 23 Jahre alter geistig Behinderter habe Peggy wenige Tage vor dem 7. Mai vergewaltigt. Als er sie wieder sah und sich entschuldigen wollte, soll die Situation eskaliert sein.

Am Ende habe der Mann Peggy erstickt und die Leiche mit Hilfe eines Unbekannten beseitigt. Der behinderte Mann wurde wegen Mordes verurteilt. 2014 musste das Verfahren aber wieder aufgerollt werden, der vermeintliche Mörder wurde rechtskräftig freigesprochen. Dies lag auch daran, dass ein Hauptbelastungszeuge aus dem ersten Prozess eine Falschaussage getätigt hatte.

Polizei- und Justizskandal im Fall Peggy?

Aber auch das zweifelhafte Vorgehen der Polizei war damals ein Thema. Diese hatte ausgerechnet in dem Moment ein Geständnis protokolliert, als der Verteidiger des mit einem Intelligenzquotienten von unter 70 begutachteten Manns nicht anwesend war und das Tonbandgerät nicht funktionierte. Der Spiegel sprach von einem Polizei- und Justizskandal.

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