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Sie erkennen Gesichter selbst nach Jahren wieder: „Super-Erkenner“ sind Polizeibeamte mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. In Stuttgart sollen sie jetzt helfen, Gewalttäter und Plünderer zu ermitteln.

Super Recogniser sind Naturtalente – doch ihre Fähigkeiten wirken geradezu magisch: Gesichter erkennen sie praktisch immer wieder, wenn sie sie einmal gesehen haben. „Immer“ bedeutet: Auch dann, wenn der oder die Betreffende sich stark verändert hat, nachts gefilmt wurden, das Bild sehr unscharf oder beispielsweise von einer Kapuze halb verdeckt. Die Super Recogniser (zu deutsch: Super-Erkenner) wissen praktisch immer, wen sie vor sich haben.

Seit Silvester-Krawallen auch in Deutschland aktiv

Selbst ein Computer kann das nur, wenn das Bild scharf ist. Den Gehirnen der Super Recogniser ist das egal – sie wissen sofort, wen sie vor sich haben. Seit 2011 gibt es eine entsprechende Einheit beim britischen New Scotland Yard. Seit den Silvester-Krawallen von Köln werden auch in Deutschland Beamtinnen und Beamte auf diese Fähigkeit getestet und dann entsprechend eingesetzt. Jetzt sollen sie in Stuttgart zum Einsatz kommen. Stuttgart-Korrespondentin Ulrike Trachte erklärt, wer die Super Recogniser sind und wie sie rekrutiert werden:

Super Recogniser bei einem Einsatz in München. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Sven Hoppe/dpa)

Diverses „Wir werden euch finden!“

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Das ist wohl auch bitter nötig: Nach den Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt am vergangenen Wochenende hat die Polizei bislang 6.500 Videos erhalten. Die müssen nun ausgewertet werden. Und es könnten noch mehr werden: Ihr Hinweisportal hält die Polizei weiter offen.

Stuttgart setzt auf mehr Polizeipräsenz

Die Ermittlungsgruppe „Eckensee“ aufgestockt worden: Mittlerweile arbeiten 75 statt bisher 40 Polizisten daran, die Krawallnacht in Stuttgart von Samstag auf Sonntag aufzuarbeiten.

Die zusätzlichen Ermittler seien nötig, um die vielen Fotos und Videos der Ausschreitungen auszuwerten, hieß es. Mittlerweile habe die Polizei Daten im Gigabyte-Bereich. Das Ziel der Gruppe: Noch mehr Tatverdächtige finden und festnehmen.

An den kommenden Wochenenden will die Polizei in Stuttgart mehrere Hundertschaften einsetzen, um die Kontrolle über die Innenstadt zu behalten. Der Vorsitzende des Landtags-Innenausschusses Karl Klein (CDU) sagte, dabei werde man unter anderem Polizeireiter, Polizeihundeführer und Ermittlungsbeamte einsetzen.

26 Tatverdächtige schon bekannt

26 Tatverdächtige sind bereits ermittelt worden, acht junge Männer sitzen schon hinter Gittern – sie sind zwischen 14 und 33 Jahre alt. Für einen 16 Jahre alten Jugendlichen wird es besonders ernst: Er sitzt wegen versuchtem Totschlag – er soll einen am Boden liegenden Studenten gezielt gegen den Kopf getreten haben.

Ihm und den anderen Männern wird Landfriedensbruch, gefährliche Körperverletzung, tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte und Diebstahl in besonders schwerem Fall vorgeworfen. 18 weitere mutmaßlich Beteiligte sind wieder auf freiem Fuß. Gegen die anderen wurde Haftbefehl erlassen.

Wie geht es nach der Randale weiter?

Die Stadt Stuttgart, das Land Baden-Württemberg und die Polizei überlegen, wie die Stimmung so schnell kippen und in Gewalt umschlagen konnte. Viele sprechen weiter von einer Partyszene mit wenig Hemmungen.

Aber es gibt auch Stimmen, die bei der Ursache der Gewalt von den Folgen der Corona-Auflagen, den fehlenden Respekt vor Ordnungshütern zurückgehen – und auf den Wunsch, in den sozialen Medien mit Videos und Fotos angeben zu können.

Fehlender Respekt ist ein großes Problem

Für ihre fünf Minuten Ruhm bei TikTok, Instagram oder Youtube gehen immer mehr junge Leute weit über die Grenzen des guten Geschmacks, der Legalität oder des Vertretbaren hinaus. Dabei zeigen sie auch immer wieder, dass sie vor der Polizei nur noch wenig Respekt haben.

Krawallnacht in Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Rafael Behr/dpa)

Nachrichten "Die Polizei in Stuttgart hat nicht viel falsch gemacht"

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Akademie der Polizei: „Nicht allzu viel falsch gemacht“

Behr glaubt nicht, dass die Eskalation der Gewalt auf den Polizeieinsatz zurückzuführen ist. Aus der Entfernung, die Behr zu Stuttgart habe und was er von der Polizei in Stuttgart wisse, habe die Behörde hier „nicht allzu viel falsch gemacht.“ Die baden-württembergische Landeshauptstadt gelte als liberale Stadt und die Polizei hier als verhältnismäßig agierend.

Es gebe aber immer wieder Situationen, in denen normale Ordnungsvorstellungen nicht funktionierten und die Polizeiarbeit stellenweise den Eindruck mache, als habe sie versagt. „Aber das ist kein Versagen des Rechtsstaates, sondern das Risiko, mit einer bürgerorientierten Polizei zu leben, wo nicht an jeder Ecke ein Wasserwerfer steht oder ein Mannschaftsbus.“ Dann wären viele Freiheiten sehr eingeschränkt.

Krawallnacht in Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Christoph Schmidt/dpa)

Nachrichten Behr: Die Polizei hat nicht versagt

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Kretschmann: „Keine Verhältnisse wie in den USA“

Auch die baden-württembergische Landesregierung sieht das ähnlich: Trotz der Brutalität der Randalierer in Stuttgart habe die Polizei besonnen und umsichtig gehandelt. „Wir haben bei unserer Polizei keine amerikanischen Verhältnisse“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag.

Die Beamten in Deutschland zögen nicht sofort die Schusswaffe. Hier sei es auch nicht zulässig, auf dem Hals eines Menschen zu knien, sagte der Landeschef im Hinblick auf den brutalen Polizeieinsatz in der US-Stadt Minneapolis, bei der der Schwarze George Floyd ums Leben kam und der die schweren Ausschreitungen in den USA ausgelöst hatte.

„Party- und Eventszene“ im Visier der Polizei

Nach der Krawallnacht ist die Szene der Täter im Visier der Ermittler – Politiker und Polizei haben sie die „Party- und Eventszene“ genannt. Was das ist, oder besser, was es nicht ist, schält sich nun langsam heraus: Gemeint sind natürlich nicht Clubbesucher oder Feiernde im Allgemeinen. Die Rede ist von oft besonders jungen Leuten, die mangels anderer Möglichkeiten abends in den Parks von Stuttgart herumhängen.

Wer Polizisten attackiert, kriegt Likes

Dabei soll sich eine gefährliche Mischung aus Alkohol- und Drogenpartys mit einem polizeifeindlichen Social-Media-Hype entwickelt haben: Wer Polizisten anpöbelt oder gar angreift und das filmt, kriegt Likes.

Laut Stuttgarts Polizeipräsident Frank Lutz macht das den Beamten zunehmend zu schaffen: Immer wieder komme es zu aggressivem Verhalten und Pöbeleien, wenn Polizisten aufträten.

SWR3-Redakteur Nils Dampz hat in Stuttgart recherchiert, wer da unterwegs ist – und wer nicht:

Nachtclub in Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Diverses „Oft zu jung, um in Clubs reingelassen zu werden“

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Was ist in der Nacht auf Sonntag in Stuttgart passiert?

In der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen 23:30 Uhr war die Gewalt, die Bürger und Politiker schockiert, ausgebrochen, als ein Jugendlicher wegen eines Drogendelikts kontrolliert wurde. Ab da lieferten sich Randalierer Kämpfe mit der Polizei und demolierten Teile der Innenstadt:

500 Gewalttäter in Stuttgarter Innenstadt unterwegs

Bei der Kontrolle hätten sich sofort 200 bis 300 zum Teil angetrunkene Leute aus der „Party- oder Eventszene“ am Eckensee in der Innenstadt „solidarisiert“ und die Beamten angegriffen. Das berichtet Stuttgarts Polizeivize Thomas Berger.

Die Menge sei schnell auf bis zu 500 Menschen angewachsen. Flaschen und Pflastersteine seien geflogen – auch gegen Helfer vom Rettungsdienst, die einen Notfall versorgen wollten.

Über 40 Geschäfte beschädigt oder geplündert

Danach habe es die Polizei vor allem mit Dutzenden Kleingruppen zu tun gehabt, die irgendwann anfingen, Schaufensterscheiben einzuwerfen. Neun Läden wurden aufgebrochen und geplündert, 31 weitere beschädigt. Zwölf Einsatzwagen wurden demoliert, teils bis zum Totalschaden. Die Sachschäden übersteigen wohl insgesamt eine Million Euro.

19 Polizeibeamte wurden im Laufe der Nacht verletzt. Die meisten trugen Prellungen und Schrammen davon. Einer ist wegen einer Verletzung an der Hand vorübergehend dienstunfähig.

Alle Arten von Geschäften demoliert und geplündert

Die Plünderungen konzentrierten sich laut Polizei um den Schlossplatz und die benachbarte Königstraße – Stuttgarts Shoppingmeile. Ziele waren unter anderem eine Eisdiele, Handy- und Ein-Euro-Läden, aber auch ein bekanntes Bekleidungsgeschäft nahe des Charlottenplatzes.

Was der Auslöser war?! Keine Ahnung. Die Folge waren aber #Ausschreitungen und einzelne Plünderungen in der #Stuttgart|er Innenstadt in der Nacht auf Sonntag. https://t.co/2tzNgQx4QC

„Die Situation ist völlig außer Kontrolle“

Auch an den vergangenen Wochenenden war es zu ähnlichen Auseinandersetzungen gekommen – allerdings nicht in diesem Ausmaß. Die Polizei sagt, sie habe diesmal Unterstützung aus ganz Baden-Württemberg anfordern müssen: 100 Beamte wurden nach Stuttgart geschickt, um die 200 Stuttgarter Polizisten vor Ort zur unterstützen. „Die Situation ist völlig außer Kontrolle“, meldete ein Polizeisprecher in der Nacht.

Erst am frühen Sonntagmorgen gegen 4:30 Uhr beruhigte sich demnach die Situation. Zur Sicherheit blieb die Polizei zunächst noch mit einem Großaufgebot in der Innenstadt.

Jetzt hat die Stuttgarter Kripo eine Sonderkommission mit dem Namen „Eckensee“ gebildet. Über 40 Beamte sind in deren Ermittlungen eingebunden.

Übrigens: Viele User fragen immer wieder nach, warum wir in unseren Berichten nicht auf die Nationalität mutmaßlicher Täter oder Beteiligter eingehen. Das möchten wir hier kurz erklären.

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