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Der deutsche Radsport-Funktionär Patrick Moster hat sich für seine Rassismus-Attacke zwar entschuldigt – gebracht hat ihm das aber nichts. Er muss die Olympischen Spiele verlassen.

So schnell kann eine Karriere den Bach runtergehen: Nachdem Rad-Sportdirektor Patrick Moster beim Zeitfahren der Männer seinen Schützling Nikias Arndt mit den Worten „hol die Kameltreiber“ angefeuert hatte, fliegt der 54-Jährige aus dem Olympischen Dorf. Aufgeflogen ist Moster, weil er brüllte, als eine Fernsehkamera samt Mikro in seiner Nähe war.

"Hol die Kameltreiber! Hol die Kameltreiber! Komm!" Patrick Moster, Radsporttrainer des Bundes Deutscher Radfahrer, versucht Nikias Arndt beim Olympischen Zeitfahren anzufeuern. Vor Arndt fahren ein Algerier und ein Eritreer. #Tokyo2020 https://t.co/UoDLVQWlWf

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat entschieden, dass Moster aus Tokio abreisen muss – obwohl Moster sich gleich nach dem Eklat entschuldigt hat. „Im Eifer des Gefechts und mit der Gesamtbelastung, die wir momentan hier haben, habe ich mich in der Wortwahl vergriffen“, sagte Moster.

Es tut mir unendlich leid, ich kann nur aufrichtig um Entschuldigung bitten.

Arndt: „Solche Worte sind nicht akzeptabel“

Radprofi Nikias Arndt, den Moster mit seinem Gebrüll anfeuern wollte, fand das alles andere als witzig – und auch nicht motivierend. „Ich bin entsetzt über die Vorfälle beim olympischen Zeitfahren und möchte mich hiermit deutlich von den Aussagen des sportlichen Direktors distanzieren! Solche Worte sind nicht akzeptabel“, schrieb Arndt bei Twitter.

Olympia und der Radsport stehen für Toleranz, Respekt und Fairness. Diese Werte vertrete ich zu 100% und ziehe meinen Hut vor all den großartigen Sportlern, die hier in Tokio aus aller Welt zusammen gekommen sind! #united

Auch Ex-Verteidigungsminister und jetziger Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer Rudolf Scharping hat eine klare Meinung: „Die Aussage ist nicht akzeptabel.“ Scharping will sich mit Moster zusammensetzen und über den Vorfall sprechen. Aber auch Scharping hat zumindest dafür Verständnis, dass Olympia „besonderen Stress“ verursache.

„Kameltreiber“: Kritik aus allen Richtungen

Jetzt hat der DOSB entschieden, dass Moster die Olympischen Spiele verlassen muss, obwohl er eigentlich ab Montag bei den Bahnwettbewerben dabei sein müsste. „Es ist wichtig, dass sich Patrick Moster unmittelbar nach dem Wettkampf entschuldigt hat“, sagte DOSB-Chef Alfons Hörmann.

Trotz Mosters Einsicht hagelt es Kritik aus allen Richtungen: „Diese Bemerkung geht gegen die Werte, die die UCI repräsentiert, fördert und verteidigt. Es gibt keinen Platz für Rassismus im Sport“, teilte der Radsport-Weltverband UCI mit.

Zu spät reagiert: Radprofi Rick Zabel kritisiert DOSB

Nikias Arndt ist nicht der einzige deutsche Radprofi, der sich deutlich von Moster distanziert: „Ich persönlich kann nicht verstehen, dass nach diesem Verhalten nicht sofortige Konsequenzen vom BDR oder DOSB getroffen worden sind“, schrieb Rick Zabel auf Instagram.

Wenn wir die olympischen Werte und Antirassismus-Kampagnen predigen und auch nachhaltig glaubhaft vertreten wollen, dann darf ein solcher Vorfall nicht geduldet werden“, schrieb Zabel weiter. Mit seiner Kritik spielt er auf den Umstand an, dass die Entscheidung über die Moster-Abreise erst einen Tag nach dem Vorfall gefallen ist.

„Total daneben“: Zabel lobt ARD-Mann für klare Worte

Gleichzeitig bedankte sich Zabel bei ARD-Live-Kommentator Florian Naß, der deutliche Worte fand: „Wenn ich das richtig verstanden habe, was er da gerufen hat, dann war das total daneben. Aber sowas von total daneben“, sagte Naß, gleich nachdem Mosters Sätze zu hören waren.

Aber wie kam es überhaupt zu der unterirdischen Szene? Patrick Moster rannte am Fahrbahnrand entlang und wollte Nikias Arndt anfeuern. Vor dem deutschen Radprofi fuhren der Eritreer Amanuel Ghebreigzabhier und der Algerier Azzedine Lagab.

Patrick Moster tut die Angelegenheit unheimlich leid: „Wir haben selbst viele Bekannte mit nordafrikanischen Wurzeln, wie gesagt, es tut mir leid“, sagte der 54-Jährige.

Algerier nimmt's locker: Keine Kamelrennen bei Olympia

Und was sagen die Fahrer, die Moster als Kameltreiber bezeichnet hat? Der Algerier Azzedine Lagab nahm’s halbwegs mit Humor: „Es gibt bei den Olympischen Spielen kein Kamelrennen. Deshalb habe ich mich für den Radsport entschieden. Zumindest war ich in Tokio dabei“, schrieb Lagab bei Twitter.

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 18. Mai, 5:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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