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Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)

Für die Kirchen sind es erschütternde Rekord-Zahlen: Allein im Südwesten sind im vergangen Jahr über 100.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten. Woran liegt das?

Kirchenaustritte 2021: Das sind die Zahlen für Deutschland

Erstmal zu den reinen Zahlen: Am Montag hat die Deutsche Bischofskonferenze (DBK) ihre aktuelle Statistik für die katholische Kirche in Deutschland vorgestellt – die evangelische Kirche (EKD) hat das bereits im März getan.

Für das vergangene Jahr 2021 ist jetzt klar:

  • Mehr als 359.000 Menschen haben die katholische Kirche verlassen.
  • Rund 280.000 Menschen sind aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

Macht in Summe rund 639.000 Austritte für ganz Deutschland. Im Jahr 2021 war erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen katholisch oder evangelisch.

Rekord-Zahl an Kirchenaustritten auch im Südwesten

Doch auch im Südwesten sind die Zahlen für das vergangene Jahr so hoch wie noch nie. In Baden-Württemberg kehrten der evangelischen Kirche rund 42.200 Protestantinnen und Protestanten den Rücken. Die katholische Kirche verließen 58.000 Personen.

In Rheinland-Pfalz haben im vergangenen Jahr fast 24.600 Katholiken ihre Kirche verlassen.
Bei der Kirche der Pfalz (evangelisch) wuchs die Zahl der Austritte aus der Landeskirche auf rund 6.550 an (+34 Prozent). In Rheinland-Pfalz spielt aber auch die Evangelische Kirche im Rheinland, die Teile weiterer Bundesländer abdeckt, eine wichtige Rolle.

Woran liegt es, dass so viele Menschen gerade aus der Kirche austreten?

Beide großen Kirchen, die evangelische wie die katholische, verlieren also stark an Mitgliedern – wobei es bei der katholischen Kirche nochmals deutlich mehr sind. Und natürlich stellt sich die Frage nach dem Warum.

Bei der katholischen Kirche dürften dabei die vielen Missbrauchsskandale und der Umgang damit eine entscheidende Rolle spielen. Immer neue Enthüllungen und Erkenntnisse erschüttern die Gläubigen und der Glaube, dass sich was ändern kann, schwindet bei vielen.

Das Zwischenergebnis einer großen SWR-Datenanalyse zum Thema Kirchenaustritte bei der katholischen Kirche untermauert das. Neun von zehn Teilnehmern gaben an, durch ihren Austritt die Institution Kirche nicht mehr finanziell unterstützen oder sogar bestrafen wollen. Auffällig: In 82,6 Prozent der Fälle geschah der Austritt nicht aus finanzieller Not. Für rund 90 Prozent der Teilnehmer waren vielmehr die Missbrauchs-Fälle und der Umgang damit der Auslöser für ihren Kirchenaustritt.

RLP/BW

Zwischenergebnis von SWR-Datenanalyse Mehrheit der Austretenden will katholische Kirche nicht mehr finanziell unterstützen

Viele, die aus der katholischen Kirche austreten, wollen die Institution vor allem nicht mehr finanziell unterstützen. Das zeigt eine SWR-Datenanalyse zu Kirchenaustritten.  mehr...

Report Mainz Das Erste

Was Missbrauchsskandale, Woelki und Co mit den Rekord-Kirchenaustritten zu tun haben

Das „indiskutable Leitungshandeln des Kölner Kardinals Rainer Woelki im Umgang mit sexualisierter Gewalt und ihren Betroffenen in der Kirche sowie sein verschwenderischer und weithin rechtlich fragwürdiger Umgang mit Kirchenvermögen für zweifelhafte Zwecke“ habe sich „unmittelbar auch auf alle anderen 26 Diözesen ausgewirkt“. Das sagt Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller dem Kölner Stadt-Anzeiger. Das Kölner Amtsgericht hatte im Februar 2021 von Kirchenaustritten im Viertelstundentakt gesprochen.

Bonn

Missbrauchsskandal und Maria 2.0 Kirchenaustritte im Viertelstundentakt

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Bätzing hat von einem Desaster im Erzbistum Köln gesprochen. Warum sich wahrscheinlich trotzdem erstmal nichts ändern wird.  mehr...

Nach dem Missbrauchsgutachten der Erzdiözese München und Freising gab es dort ebenfalls einen Rekord an Kirchenaustritten. Zwischen dem 1. Januar und dem 22. Juni dieses Jahres traten demnach in München 14.035 Menschen aus der Kirche aus – über alle Konfessionen hinweg.

Kirchenaustritte: Katholische Kirche gibt sich selbstkritisch

Nach Veröffentlichung der neuen Zahlen zeigen sich nun viele Kirchenvertreter selbstkritisch. Allen voran Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz:

Die Skandale, die wir innerkirchlich zu beklagen und in erheblichem Maße selbst zu verantworten haben, zeigen sich in der Austrittszahl als Spiegelbild.

Der Würzburger Bischof Franz Jung sagt, er sei verärgert über „das problembeladene Bild, das wir als Kirche abgeben“.

Es darf niemanden verwundern, dass derzeit viele Menschen der Kirche das Vertrauen entziehen und auch unserem guten Tun die Zustimmung versagen.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erklärte, dass ihn jeder einzelne Austritt schmerze. Die Gründe der Menschen könne er jedoch nachvollziehen.

Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg vom Bistum Trier spricht von einer „Abstimmung mit den Füßen“.

Auch Generalvikar Markus Magin vom Bistum Speyer erklärte, dass ihn die Zahlen der Jahrsstatistik traurig machten.

Die Zahlen zeigen deutlich, dass viele Menschen eine innere Bindung an die Kirche verloren haben und nun auch die äußeren Bindungen kappen.

Studie der EKD zum Kirchenaustritt: Viele fühlen sich mit der Kirche nicht mehr verbunden

Was Magin anspricht ist ein wichtiger Punkt, der sich auch durch eine repräsentative Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der evangelischen Kirche untermauern lässt. Überraschendes Ergebnis: Die Kirchensteuer spielt kaum eine Rolle. „Der eigentliche Grund ist die fehlende Bindung an Kirche und Glauben“, sagt Studienleiterin Petra-Angela Ahrens.

Es geht bei den meisten nicht um das eingesparte Geld, es geht um die fehlende Plausibilität der Kirchenmitgliedschaft.

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Menschen haben sich von Kirche entfremdet

Die große Mehrheit der ausgetretenen Mitglieder, ob Katholiken oder Protestanten, nennt der Studie zufolge überhaupt keinen konkreten Anlass für ihren Austritt. Sie haben sich im Laufe der Jahre einfach von der Kirche entfremdet und ziehen irgendwann den Schlussstrich.

Ein auffälliger Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten sei jedoch, dass Katholiken häufiger austräten, weil sie sich wirklich über den Zustand ihrer Kirche aufregten, zum Beispiel über die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen.

SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 20. August, 4:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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