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Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)
Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic (Foto: SWR3)

Für die Kirchen sind es erschütternde Rekord-Zahlen: Allein im Südwesten sind im vergangenen Jahr über 100.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten. Woran liegt das?

Missbrauchsfälle sind oft Grund für Kirchenaustritte

Bei den Gründen, warum Menschen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aus der Kirche austreten, zeigt sich ein eindeutiges Bild: die Missbrauchsskandale der Kirche und der Wunsch, diese Institution nicht länger zu unterstützen.

In einer Online-Umfrage hat der SWR 864 Menschen aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu ihren Gründen für den Kirchenaustritt befragt. 87 Prozent der Ausgetretenen gaben an, es sei ihnen wichtig, die Institution Kirche nicht länger zu unterstützen. Für 77 Prozent lag der Grund ausdrücklich nicht darin, dass das Geld selbst benötigt wird. Für 83 Prozent waren die Missbrauchsfälle und der Umgang der Kirche damit der Grund. Bei den Katholiken gaben das 91 Prozent an, bei den Protestanten 70 Prozent.

In der Umfrage zeigt sich auch: Der Glaube spielt bei diesen Zahlen keine wesentliche Rolle, sondern die Institution Kirche: Nur knapp die Hälfte der Befragten (47,7 Prozent) stimmt der Aussage zu, keinen Bezug mehr zum christlichen Glauben zu haben. Über die Hälfte (55 Prozent) gibt an, auch ohne Kirche religös sein zu können.

Mehr zur SWR-Datenanalyse findet ihr hier:

SWR-Befragung zu Kirchenaustritten Das bewegt Menschen im Südwesten dazu, die Kirche zu verlassen

Kirchenaustritte haben in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. 2021 verließen laut statistischem Bundesamt 360.000 Menschen die Katholische Kirche - ein neuer Rekordwert. Die Evangelische Kirche verzeichnete 280.000 Austritte.  mehr...

Guten Morgen Baden-Württemberg SWR1 Baden-Württemberg

Kirchenaustritte 2021: Das sind die Zahlen für Deutschland

Erstmal zu den reinen Zahlen: Im Juni hat die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ihre aktuelle Statistik für die katholische Kirche in Deutschland vorgestellt – die evangelische Kirche (EKD) hat das bereits im März getan.

Für das vergangene Jahr 2021 ist jetzt klar:

  • Mehr als 359.000 Menschen haben die katholische Kirche verlassen.
  • Rund 280.000 Menschen sind aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

Macht in Summe rund 639.000 Austritte für ganz Deutschland. Im Jahr 2021 war erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen katholisch oder evangelisch.

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Rekord-Zahl an Kirchenaustritten auch im Südwesten

Auch im Südwesten sind die Zahlen für das vergangene Jahr so hoch wie noch nie. In Baden-Württemberg kehrten der evangelischen Kirche rund 42.200 Protestantinnen und Protestanten den Rücken. Die katholische Kirche verließen 58.000 Personen.

In Rheinland-Pfalz haben im vergangenen Jahr fast 24.600 Katholiken ihre Kirche verlassen.
Bei der Kirche der Pfalz (evangelisch) wuchs die Zahl der Austritte aus der Landeskirche auf rund 6.550 an (+34 Prozent). In Rheinland-Pfalz spielt aber auch die Evangelische Kirche im Rheinland, die Teile weiterer Bundesländer abdeckt, eine wichtige Rolle.

Was Missbrauchsskandale, Woelki und Co mit den Rekord-Kirchenaustritten zu tun haben

Das „indiskutable Leitungshandeln des Kölner Kardinals Rainer Woelki im Umgang mit sexualisierter Gewalt und ihren Betroffenen in der Kirche sowie sein verschwenderischer und weithin rechtlich fragwürdiger Umgang mit Kirchenvermögen für zweifelhafte Zwecke“ habe sich „unmittelbar auch auf alle anderen 26 Diözesen ausgewirkt“. Das sagt Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller im Juni dem Kölner Stadt-Anzeiger. Das Kölner Amtsgericht hatte im Februar 2021 von Kirchenaustritten im Viertelstundentakt gesprochen.

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Nach dem Missbrauchsgutachten der Erzdiözese München und Freising gab es dort ebenfalls einen Rekord an Kirchenaustritten. Zwischen dem 1. Januar und dem 22. Juni dieses Jahres traten demnach in München 14.035 Menschen aus der Kirche aus – über alle Konfessionen hinweg.

Kirchenaustritte: Katholische Kirche gibt sich selbstkritisch

Viele Kirchenvertreter zeigen sich selbstkritisch. Allen voran Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz:

Die Skandale, die wir innerkirchlich zu beklagen und in erheblichem Maße selbst zu verantworten haben, zeigen sich in der Austrittszahl als Spiegelbild.

Der Würzburger Bischof Franz Jung sagt, er sei verärgert über „das problembeladene Bild, das wir als Kirche abgeben“.

Es darf niemanden verwundern, dass derzeit viele Menschen der Kirche das Vertrauen entziehen und auch unserem guten Tun die Zustimmung versagen.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erklärte, dass ihn jeder einzelne Austritt schmerze. Die Gründe der Menschen könne er jedoch nachvollziehen.

Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg vom Bistum Trier spricht von einer „Abstimmung mit den Füßen“.

Auch Generalvikar Markus Magin vom Bistum Speyer erklärte, dass ihn die Zahlen der Jahrsstatistik traurig machten.

Die Zahlen zeigen deutlich, dass viele Menschen eine innere Bindung an die Kirche verloren haben und nun auch die äußeren Bindungen kappen.

Studie der EKD zum Kirchenaustritt: Viele fühlen sich mit der Kirche nicht mehr verbunden

Was Magin anspricht, ist ein wichtiger Punkt, der sich auch durch eine repräsentative Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der evangelischen Kirche untermauern lässt. Überraschendes Ergebnis: Die Kirchensteuer spielt kaum eine Rolle. „Der eigentliche Grund ist die fehlende Bindung an Kirche und Glauben“, sagt Studienleiterin Petra-Angela Ahrens.

Es geht bei den meisten nicht um das eingesparte Geld, es geht um die fehlende Plausibilität der Kirchenmitgliedschaft.

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Menschen haben sich von Kirche entfremdet

Die große Mehrheit der ausgetretenen Mitglieder, ob Katholiken oder Protestanten, nennt der Studie zufolge überhaupt keinen konkreten Anlass für ihren Austritt. Sie haben sich im Laufe der Jahre einfach von der Kirche entfremdet und ziehen irgendwann den Schlussstrich.

Ein auffälliger Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten sei jedoch, dass Katholiken häufiger austräten, weil sie sich wirklich über den Zustand ihrer Kirche aufregten, zum Beispiel über die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen.

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