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Wenn die Polizei in Brasilien gegen Drogenbanden vorgeht, wird es immer heftig. In Rio ist ein solcher Einsatz zum blutigsten Kampf der Stadtgeschichte geworden.

In den Favelas, den Slums in Brasiliens Metropolen, kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Behörden und den Drogenbanden. Allerdings sind die Einsätze bisher noch nie so eskaliert, wie am Donnerstag in Rio de Janeiro.

Die Polizei wollte im Viertel Jacarezinho gegen Drogen vorgehen – letztendlich starben 25 Menschen. 24 Tote seien Drogendealer, es sei aber auch ein Beamter der Anti-Drogen-Einheit ums Leben gekommen, hieß es von der Behörde.

Mehrere Verletzte außerhalb der Favelas

Stundenlang schossen Polizisten auf die Gang-Mitglieder. Die schossen zurück. In der Zeit mussten auch viele Menschen um die Favela herum in ihren Häusern bleiben. Auch ein Krankenhaus in der Nähe machte dicht.

Das Nachrichtenportal G1 berichtet neben der vielen Toten auch von mehreren Verletzten, die mit dem Einsatz gar nichts zu tun hatten. Zwei Fahrgäste der U-Bahn wurden angeschossen, ein Mann in seinem Haus von einem Querschläger am Fuß getroffen. Auch zwei Polizisten wurden verletzt.

Anwohner in Rio posten schockierende Videos vom Polizeieinsatz

Viele Anwohner der Favelas posteten zum Teil schockierende Bilder und Videos des Einsatzes. 200 Polizisten rückten an, die Behörde feierte die Operation als gelungenen Schlag gegen die Drogenkriminalität. Kritiker dagegen sprechen angesichts der vielen Toten von einem Massaker.

Reparem em 7 ou 8 segundos o vulto passando. #jacarezinho https://t.co/lXpA6iKAqT

A police cleaning operation in Rio de Janeiro leaves at least 25 dead in "the largest massacre in the history" of the city https://t.co/qy8UcLR82N

Man kann das nur als einen katastrophalen Einsatz bezeichnen“, sagte der Soziologe Daniel Hirata von der staatlichen brasilianischen Universität UFF. „Es handelt sich um eine Aktion, die von den Polizeibehörden genehmigt wurde. Das macht die Sache noch viel schwerwiegender.

Oberster Gerichtshof verbietet Einsätze - der Polizei ist's egal

Vor nicht mal einem Jahr, im Juli 2020, hatte der Oberste Gerichtshof in der Hauptstadt Brasília Polizeieinsätze in den Favelas währen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Nur in „absoluten Ausnahmefällen“ würden solche Einsätze erlaubt.

Die Zeitung Folha de São Paulo schreibt, die Polizei in Rio habe das Aussetzen der Razzien in den Favelas als „Justiz-Aktivismus“ bezeichnet. Also setzte sich die Behörde über die Vorgabe des Obersten Gerichtshofes weg und genehmigte den Einsatz. Er habe ja schließlich alle Anforderungen des Obersten Gerichtshofes erfüllt.

Ein Polizist im Einsatz in Rio de Janeiro (Foto: Reuters)
Etwa 200 schwer bewaffnete Polizisten stürmten das Armenviertel Jacarezinho.

Favelas in Brasilien von Drogenbanden beherrscht

In den Favelas in Brasilien herrschen schon seit vielen Jahren Drogenbanden. Gewalt, Drogen und Schutzgelderpressungen sind dort an der Tagesordnung. Die Banden kämpfen untereinander um die Vorherrschaft in den Armenvierteln.

Die Favela Jacareszinho gilt als einer der Stützpunkte des „Comando Vermelho“ („Rotes Kommando“) im Norden von Rio. Das „Kommando Vermelho“ schützt sein Revier unter anderem mit Barrikaden. Innerhalb dieser Grenzen kämpfen die Bandenmitglieder mit kleineren Gangs um die Vorherrschaft.

Brasiliens Polizei ist nicht sie sanfteste

Die Polizei in Brasilien gilt als übertrieben hart im Einsatz, das werfen Menschenrechtler der Behörde und auch der Armee immer wieder vor. Ohnehin gleichen die Polizeieinsätze in den Favelas von Rio und São Paulo eher Militäroperationen.

Das hat allerdings auch seinen Grund: Viele der Armenviertel werden von schwerbewaffneten Drogengangs kontrolliert. Rückt die Polizei zu einem Einsatz an, sind Schießereien vorprogrammiert.

Polizisten tragen einen Toten weg (Foto: Reuters)
Polizisten tragen eines der 25 Opfer der Razzia in der Favela weg.

Brasilien mit höchster Todesquote bei Polizeieinsätzen

Das hat seinen Preis. In keinem anderen Land der Welt kommen bei Einsätzen der Polizei so viele Menschen ums Leben, wie in Brasilien. 2019 töteten Sicherheitskräfte in dem 211-Millionen-Einwohner-Land laut einem Gewaltmonitor 5.800 Männer und Frauen.

Zum Vergleich: In den USA – ähnlich groß, etwas mehr Einwohner – töteten Polizisten im Jahr 2019 1.098 Menschen, in Deutschland wurden 14 Menschen von Polizisten getötet.

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