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In den Kinderkliniken im Land werden derzeit deutlich mehr Kinder mit dem RS-Virus behandelt. Die Lage sei sehr besorgniserregend, so der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte in Deutschland.

Es ist kein neues Virus, doch viele Kinderkliniken sind am Limit und schlagen Alarm: Sie seien an der Belastungsgrenze. Das RS-Virus ist eine Erkältungserkrankung, die in jedem Herbst und Winter vorkommt. Aber: In diesem Jahr hat die Krankheitswelle deutlich früher eingesetzt, nämlich schon im August und nicht wie sonst im Herbst. Außerdem ist sie stärker als in der Vergangenheit und führt zu mehr Komplikationen.

„Die Lage ist besorgniserregend“

In den Kinderkliniken in Deutschland werden derzeit deutlich mehr Kinder mit dem RS-Virus behandelt als sonst um diese Zeit. Die Lage sei sehr besorgniserregend, so der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte in Deutschland. Er sprach von Kinderkliniken in Not. Schon jetzt käme es bei 78% der Kliniken in Deutschland zu Versorgungsengpässen, die zu einem Aufnahmestopp von Kindern geführt haben, schreibt der Verband in einer Pressemitteilung. Und das heißt für die Eltern, dass sie mit kranken Säuglingen, die oft auch noch Luftnot haben, kilometerweit fahren müssen, um ein Krankenbett zu finden.

In Baden-Württemberg sei die Situation noch dramatischer als im Rest der Bundesrepublik, so Andreas Trotter, Ärztlicher Direktor in Singen und Präsident des Verbandes Leitender Kinder- und Jugendärzte in Deutschland. Laut einer aktuellen Umfrage melden bereits jetzt 94 Prozent der Kinder- und Jugendkliniken im Land Versorgungsengpässe. In den Kinderkliniken in der Region Bodensee-Oberschwaben zum Beispiel gibt es kaum noch freie Betten. Dazu käme, dass sich die Lage in den Wintermonaten vermutlich noch weiter zuspitze.

Kind wird von Kinderarzt untersucht. Symbolbild: RS-Virus verbreitet sich im Raum Bodensee-Oberschwaben (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Kapazitäten sind teilweise ausgeschöpft RS-Virus: Kinderkliniken im Land überlastet

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In Rheinland-Pfalz ist die Situation zwar auch angespannt aber noch nicht ganz so dramatisch wie in Baden-Württemberg, erklärte Trotter gegenüber dem SWR. 70 Prozent der Kliniken hätten dort mit Versorgungsengpässen zu kämpfen. Alle gehen allerdings davon aus, dass die Situation sich weiter verschlechtert.

Warum gibt es gerade so viele Infektionen mit dem RS-Virus?

Infektionswellen mit dem RS-Virus gibt es jedes Jahr, dieses Jahr jedoch früher und heftiger. Grund dafür ist die Corona-Pandemie: Die Immunsysteme der Kinder sind u.a. wegen der Quarantänemaßnahmen weniger Viren gewöhnt und daher anfälliger. Viele Kleinkinder kamen ohne Erkältungssymptome durch den vergangenen Winter - und holen die Infekte nun nach. Die Atemwegserkrankung kann vor allem für Säuglinge und Kleinkinder gefährlich werden, sie löst Husten, Schnupfen, Halsweh und Fieber aus.

Wir müssen damit rechnen, dass die Kliniken in den nächsten Monaten von einer Infektionswelle überrollt werden.

Baden-Württemberg

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Säuglinge, Frühchen und Kleinkinder sind besonders gefährdet

Grundsätzlich kann sich jeder Mensch infizieren, doch die Mehrzahl der Erkrankten sind Kinder. Besonders betroffen sind Säuglinge und Kleinkinder. Für sie kann die Atemwegserkrankung gefährlich werden. Auch größere Kinder oder Erwachsene können erkranken, meist aber weniger schwer.

Wenn der Körper das Virus nicht effektiv bekämpft, kann es die Bronchien und die Lunge schädigen. Einige wenige Betroffene tragen bleibende Schäden davon, in sehr seltenen Fällen sterben Kinder an der Infektion.

Im Moment sind fast zwei Drittel der infizierten Kinder in den Kliniken unter einem Jahr alt. Jedes fünfte Kind muss auf der Intensivstation beatmet werden.

Wie kann ich mein Kind vor einer Ansteckung schützen?

Dem Virus aus dem Weg zu gehen, ist fast unmöglich. Kinder halten normalerweise keinen Abstand und RS ist sehr leicht übertragbar. Da RS ein Virus ist, helfen auch Antibiotika nicht. Nur für Risikogruppen wie kranke Frühgeborene gibt es eine Impfung mit einem Medikament, das zwar nicht die Ansteckung verhindert, aber einem schweren Verlauf vorbeugt.

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Es gebe aber noch einen weiteren Grund, der die RS-Problematik in diesem Jahr kompliziert mache, so Andreas Trotter, Präsident des Verbandes Leitender Kinder- und Jugendärzte in Deutschland. Das Bundesministerium für Gesundheit hat Anfang des Jahres auch in Kinder- und Jugendklinken die sogenannte Verordnung zur Festlegung von Pflegepersonaluntergrenzen (PpUGV) eingeführt. Das bedeutet, für eine bestimmte Anzahl an Patienten muss eine feste Zahl von Pflegekräften rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Ist das nicht sichergestellt, muss das Krankenhaus Betten sperren, ansonsten drohen dem Krankenhaus hohe Strafzahlungen.

Die Regelung sei zwar generell gut, beim aktuellen Infektionsgeschehen mit dem RS-Virus aber sehr problematisch, erklärte Trotter. Teilweise würden Kinder in Kliniken abgewiesen.

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 29. November, 9:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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