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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Angeblich war beim Untergang des russischen Kriegsschiffes „Moskwa“ niemand umgekommen. Jetzt erfahren Angehörige der Besatzung eher durch Zufall, dass ihre Liebsten vermutlich tot sind.

Niemand hat angerufen, niemand hat geschrieben, nachdem die „Moskwa“ untergegangen war. Wenn sie selbst bei der Armee anrief, ging niemand ran. Es rief auch keiner zurück. „Sie“, das ist eine russische Mutter. Ihr Sohn war Matrose auf der „Moskwa“.

Ihren Namen möchte die Frau laut Nachrichtenagentur AP nicht nennen, weil sie um die Sicherheit ihres Sohnes fürchtet – sollte er noch am Leben sein. Doch die Chancen dafür sind verschwindend gering.

Feuer auf der „Moskwa“: „Alle gerettet“, sagt die Militärführung

Als am 14. April die Nachrichten vom Feuer auf der „Moskwa“ und dem Untergang des Kriegsschiffs die Runde machten, war die Mutter noch zuversichtlich. Schließlich versicherte das russische Verteidigungsministerium, dass alle Soldaten gerettet worden seien - also auch ihr Sohn, der auf dem Raketenkreuzer im Schwarzen Meer im Einsatz war.

Die Ukrainer wollen das für Russland wichtige Kriegsschiff getroffen und versenkt haben. Laut Russland war dort jedoch lediglich ein Feuer ausgebrochen. Dann wurde der Kreuzer abgeschleppt – und sank dabei angeblich in einem Sturm, den es aber gar nicht gab.

Ein Mutter bekommt gesagt: Überlebenschancen gibt es kaum

In den Tagen danach wurde die Mutter immer nervöser: Keine Nachrichten vom Sohn. Niemand habe angerufen oder sie angeschrieben, sagt die Mutter. Ihre eigenen Anrufe seien unbeantwortet geblieben, aber sie habe nicht aufgegeben.

Dann der grauenhafte Moment – der schlimmstmögliche im Leben von Müttern und Vätern: Auf dem Weg zum Einkaufen sei sie schließlich durchgekommen und habe die schreckliche Information erhalten, dass ihr Sohn vermisst werde. Überlebenschancen gebe es in dem kalten Wasser kaum.

Panik, als die Wahrheit über die „Moskwa“ bekannt wird

„Ich sagte: 'Aber Sie sagten doch, Sie hätten alle gerettet'“, berichtet die Frau. „Er sagte: 'Ich habe nur die Listen.'“ Ich schrie: „Was machen Sie denn jetzt?“

Sie sei hysterisch geworden, mitten auf der Straße an der Bushaltestelle. „Ich hatte das Gefühl, der Boden unter meinen Füßen gibt nach. Ich schwankte.“

Von einer „unverfrorenen und zynischen Lüge“, schreibt Dmitri Schkrebez auf der russischen Social-Media-Plattform VK. Von Kommandeuren des Schiffes habe er erfahren, dass sein Sohn auf die Vermisstenliste gesetzt worden sei.

Ähnliche verzweifelte Postings weiterer Angehöriger folgten. In den Sozialen Medien fand die AP nach eigenen Angaben mindestens 13 Suchen nach jungen Männern, die auf der „Moskwa“ im Einsatz gewesen sein sollen und deren Spur sich verlor.

Die vorläufige „Wahrheit“: Ein Matrose der „Moskwa“ ist tot – 27 vermisst

Mehr als eine Woche nach dem Untergang der „Moskwa“ hat das russische Verteidigungsministerium am Freitag endlich mitgeteilt, dass ein Besatzungsmitglied ums Leben gekommen sei und 27 vermisst würden. 396 seien evakuiert worden. Eine Erklärung zu den widersprüchlichen vorherigen Angaben folgte nicht.

Die Erklärungen aus dem Kreml zum Verlust des Schiffes und zum Schicksal der Soldaten folgen einem bekannten, menschenverachtenden Muster. Immer wieder begegnet Moskau damit schlechten Nachrichten: Schweigen, Dementis oder geschönte Opferzahlen. Beispiele dafür sind die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, der Untergang des Atom-U-Boots „Kursk“ in der Barentssee im Jahr 2000 oder auch der Tschetschenien-Krieg von 1994 bis 1996.

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