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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Sie heißen Abramowitsch, Deripaska oder Potanin. Ihre Villen, Yachten und Flugzeuge sind über die ganze Welt verteilt. Bald dürfte einiges davon weg sein.

Die Sanktionen gegen Russlands Angriff auf die Ukraine weiten sich aus. Und gerade gerät eine ganz neue Gruppe von Russen ins Visier des Westens: Es sind die Oligarchen des Putin-Regimes – superreiche und -mächtige Milliardäre und Firmen-Herrscher.

Russische Oligarchen – was ist damit gemeint?

Aufgrund ihrer finanziellen Macht können diese „Wenigen“ – so die Übersetzung des griechischen Wortes „oligoí“ – sich oft das Recht herausnehmen, die Regeln nach ihren Interessen zu verbiegen. Sie sind praktisch nur vom Präsidenten abhängig und haben dementsprechend viele Möglichkeiten, reicher und reicher zu werden.

Oligarch Abramowitsch verkauft FC Chelsea – Erlös soll an ukrainische Kriegsopfer gehen

Da ist Roman Abramowitsch, bis jetzt noch Besitzer des FC Chelsea – unter anderem natürlich nur. Den Club wird er in Kürze abstoßen, hat er am Mittwoch angekündigt. Und mehr noch: Der mögliche Nettogewinn solle über eine Stiftung den Opfern des Kriegs in der Ukraine zugutekommen, schrieb der 55-Jährige in einer Mitteilung des englischen Fußball-Topclubs am Mittwochabend.

„Wie alle anderen Oligarchen ist er in Panik“, sagt der Schweizer Milliardär Hansjörg Wyss, der Chelsea eventuell kaufen will.

Der Grund: Den schwerreichen Russen drohen Sanktionen, die an das geliebte Vermögen gehen. Im englischen Parlament wurde bereits vorgeschlagen, Abramowitschs Konten einzufrieren. Auf der EU-Sanktionsliste steht der Milliardär, dem eine Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt wird, noch nicht. Aber das könnte noch kommen.

Sanktionen gegen Oligarchen: Frankreich droht mit Beschlagnahmung ihrer Reichtümer

Auch in Frankreich geht es Abramowitsch nicht besser: Dort, in Antibe an der Mittelmeerküste, ankerte häufig seine Yacht „Eclipse“. Bis 2013 galt das 162 Meter lange Schiff mit Kino, zwei Hubschrauberlandeplätzen und einem eigenen Raketenabwehrsystem als die größte Yacht der Welt.

Antibe ist fürs Erste gestorben: Gerade hat Frankreich beschlossen, Villen und Luxus-Yachten kremltreuer Russen zu beschlagnahmen. Jetzt dümpelt die Yacht erst einmal in der Karibik:

This is ‘Eclipse,’ owned by Roman Abramovich. It’s 163 meters long, has two helipads and is currently off the coast of Sint Maarten. https://t.co/SwAOcbKPb0

Deutschland: Beschlagnahmungen denkbar

Deutschland hat ähnliche Pläne: Es seien Konstellationen denkbar, in denen zur Durchsetzung der Sanktionsvorschriften „auch Beschlagnahmungen erforderlich sein können“, sagte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums am Mittwoch. Zu konkreten Fällen, etwa in deutschen Häfen liegenden Jachten, wollte er sich nicht äußern.

Doch selbst im – geschäftsbedingt – russland-freundlichen Bayern wird es jetzt ungemütlich: Aus Protest gegen den Krieg in der Ukraine demonstrierten gerade Hunderte in Rottach-Egern unweit einer Villa des Oligarchen Alischer Usmanow. Viele trugen Transparente mit der Aufschrift „Stopp Putin“ oder „Stoppt den Krieg in der Ukraine jetzt“.

USA rufen Anti-Oligarchen-Task-Force ins Leben – Deutschland macht mit

Jetzt nehmen die USA die Sache in die Hand: Dort soll eine Sondergruppe des Justizministeriums den Druck auf die russischen Oligarchen erhöhen.

Die als „KleptoCapture“ (von „Kleptokratie“, der Herrschaft von Dieben, und „to capture“, fangen) bekannte Task Force soll nicht nur Sanktionen und Exportverbote durchsetzen. US-Präsident Joe Biden will sie auch auf die Jagd nach Yachten, Villen und dergleichen mehr schicken.

„Wir werden Ihnen die sicheren Häfen nehmen“

„An jene, die das russische Regime durch Korruption und Umgehung von Sanktionen stützen: Wir werden Ihnen die sicheren Häfen nehmen und Sie zur Verantwortung ziehen“, sagt Vize-Justizministerin Lisa Monaco. „Oligarchen seid gewarnt: Wir werden alle Mittel einsetzen, um Ihre kriminellen Einkünfte einzufrieren und zu beschlagnahmen.“ Deutschland hat sofort angekündigt, sich an der Task Force zu beteiligen.

Russische Milliardäre bringen Yachten auf den Malediven in Sicherheit

Schon bringen russische Milliardäre offensichtlich ihre Super-Yachten aus der Reichweite der westlichen Sanktionen. Mindestens fünf der Luxus-Schiffe liegen bei den Malediven vor Anker oder kreuzen in den Gewässern vor der Inselgruppe im Indischen Ozean. Das geht aus Schifffahrtsdaten hervor. Die Malediven haben kein Auslieferungsabkommen mit den USA.

Nach Daten von MarineTraffic liegt beispielsweise die Superyacht „Clio“ vor der Inselgruppe. Sie gehört Oleg Deripaska, Gründer des Aluminium-Riesen Rusal. Auch die „Titan“ vom Mitbegründer des Stahlriesen Evraz, Alexander Abramow, ist im Indischen Ozean. Dasselbe gilt für die 88 Meter lange „Nirwana“ des reichsten Russen überhaupt, Wladimir Potanin, wie Satellitendaten ergeben:

Nirvana, worth $305 million and owned by Vladimir Potanin is currently anchored off the coast of the Maldives https://t.co/dDGhEGLcmB

Der Ukraine-Krieg und die Oligarchen

Wer weiß, welche Rolle die Oligarchen noch spielen könnten? Bislang waren sie vollkommen abhängig vom Präsidenten. Wer nicht hören wollte, verlor sein Vermögen oder landete sogar im Gefängnis wie der Öl-Milliardär Michail Chodorkowsky: Der saß von 2003 bis 2013 hinter Gittern – angeblich wegen Steuerhinterziehung und Betrugs.

Gerade hat er sich aus dem Londoner Exil gemeldet: Putins Anordnung zum Angriff auf die Ukraine zeige, dass der russische Präsident zunehmend „paranoid“ handle, so Chodorkowski zum französischen Sender France 24. Die Macht des Kreml werde „nicht schnell“ verfallen, aber in „ein oder zwei Jahren“.

Könnten Putins Oligarchen am Ende eine positive Rolle spielen?

Ob die Abhängigkeit der Oligarchen auf Gegenseitigkeit beruht, dürfte schwer zu sagen sein. Ende vergangener Woche haben sich einige von ihnen, darunter der Medienmogul Evgeny Lebedev, gegen den Krieg ausgesprochen: „Als Bürger Russlands bitte ich Sie, den Zustand zu beenden, in dem Russen ihre ukrainischen Brüder und Schwestern töten.“

Und ukrainische Dipomaten sollen Roman Abramowitsch um Vermittlung in dem Konflikt gebeten haben. Er und andere Oligarchen könnten also unter Umständen noch eine andere Rolle spielen, als nur die, immer mehr Millionen zu scheffeln. Ob Putin sie lässt?

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