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Warum zieht Russland rund 100.000 Soldaten zusammen, wo es doch angeblich nicht in die Ukraine einmarschieren will? Die USA glauben, dass Moskau es sehr ernst meint und schon einen konkreten Plan verfolgt.

Beweise für einen Angriffsplan? Gibt es keine. Und doch: Die Indizien mehren sich an so vielen Stellen, dass auch Russland wohlgesonnene Beobachter langsam Angst bekommen.

Das Gerücht: Moskau plant Anschläge auf eigene Leute und will sie der Ukraine unterschieben

Jetzt macht ein Gerücht die Runde. Es kommt von US-Geheimdiensten, und US-Regierungssprecherin Jen Psaki hat es am Freitag öffentlich gemacht:

„Wir haben Informationen, die darauf hindeuten, dass Russland bereits eine Gruppe von Agenten aufgestellt hat, um eine Operation unter falscher Flagge im Osten der Ukraine durchzuführen“, so Psaki. Diese Agenten seien in „urbaner Kriegsführung“ und im Umgang mit Sprengstoff geschult, um Sabotageakte gegen Vertreter Russlands durchzuführen, für die Moskau dann Kiew verantwortlich machen wolle.

Nochmal langsam: Moskau plant nach Psakis Aussagen, Anschläge auf die eigenen Leute zu verüben – unter ukrainischer Flagge sozusagen. Das Ziel: Man will hinterher sagen können, die Ukraine stecke dahinter und einen Grund zum Einmarsch schaffen – natürlich nur, um sich zu „verteidigen“.

Psaki: Moskau bereitet Aktion mit Desinformationskampagne vor

Gleichzeitig, so Psaki, laufe in Russland bereits eine Desinformationskampagne, um die eigene Bevölkerung vorzubereiten. Darin würden ukrainische Politiker als immer verrückter, kriegslüsterner und gefährlicher hingestellt.

Viele Experten in den USA halten das Szenario für denkbar und plausibel. Die britische Regierung erhob am Samstag gleich lautende Vorwürfe.

Cyber-Angriff auf die Ukraine: „Habt Angst und rechnet mit dem Schlimmsten“

Bereits in der Nacht auf Freitag hatte es eine Cyberattacke auf die Internetseiten der ukrainischen Regierung gegeben. Der ukrainische Geheimdienst SBU erklärte, insgesamt 70 Webseiten der Regierung seien angegriffen worden. Auf der Webseite des Außenministeriums waren vorübergehend die Worte „Habt Angst und rechnet mit dem Schlimmsten“ in ukrainischer, russischer und polnischer Sprache zu lesen.

Der Software-Konzern Microsoft schätzt, den Angreifern sei es gelungen, die digitale Infrastruktur der ukrainischen Regierung unbrauchbar zu machen. Es seien auch mehrere Organisationen Opfer der Hacker geworden. Diese hätten das Ziel gehabt, die Kommunikation zu zerstören. Lösegeld-Forderungen gebe es keine.

Die ukrainische Regierung sprach zunächst von Hinweisen auf eine mögliche Verwicklung russischer Geheimdienste in den Cyberangriff und am Sonntagnachmittag von „Beweisen“ für eine Beteiligung Russlands. Vergleichbare Cyber-Attacken – auch auf den deutschen Bundestag – sind in den vergangenen Jahren immer wieder mit Gruppen rund um den russischen Militärgeheimdienst in Verbindung gebracht worden. Russland weist das regelmäßig zurück, so auch in diesem Fall.

Russland weist Anschuldigungen zurück und spricht von Fake News

Angesichts der jüngsten Vorwürfe gibt sich Russland ebenfalls empört und weist sowohl Psakis Aussagen sowie die Anschuldigungen der Ukraine bezüglich des Cyberangriffs scharf zurück.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow äußerte sich am Sonntag dazu im US-Sender CNN. Die Regierung in Washington habe keine Belege für eine militärische Eskalation durch Russland vorlegen können. Peskow sprach von Fake News und sagte wörtlich: „Wir warten noch immer auf Beweise.“ Auf die Cyberattacke bezogen sagte Peskow: „Wir haben nichts damit zu tun. Die Ukrainer schieben alles auf Russland, sogar das schlechte Wetter in ihrem Land.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow erklärte, er sei ohnehin mit seiner Geduld am Ende. Russland wolle endlich eine schriftliche Zusage, dass die Nato die Ukraine nicht aufnimmt.

Russland schickt angeblich gerade noch mehr Truppen und Material an die ukrainische Grenze

Fakt ist: Die rund 100.000 russischen Soldaten stehen seit Wochen an der ukrainischen Grenze und niemand weiß warum. Und es kommen womöglich noch mehr: Die USA wollen Hinweise haben, wonach die russische Armee Kurzstreckenraketen, Elektronik, gepanzerte Fahrzeuge und Panzer aus östlichen Teilen des Landes in Richtung der Grenze zur Ukraine verlegt. Laut Süddeutscher Zeitung sollen dazu auch weitere Truppeneinheiten kommen.

Wie real ist die Kriegsgefahr in der Ukraine?

Verdeckte Operationen, Drohungen, Intrigen – viele fühlen sich an die Annexion der Krim erinnert. Auch damals war erst alles verdeckt und plötzlich gehörte die Krim zu Russland. Der Unterschied könnte diesmal sein, dass USA und Nato das nicht zulassen wollen. Etliche Experten halten die Kriegsgefahr mittlerweile für real.

SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 23. Mai, 3:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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