Ein Mann hatte im März in einem Gebäude der Zeugen Jehovas in Hamburg mehrere Menschen erschossen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft, wie er an die Waffen kommen konnte.

Nach dem Amoklauf in einem Gotteshaus der Zeugen Jehovas in Hamburg mit acht Toten hat die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg schwere Vorwürfe gegen einen Mitarbeiter der Waffenbehörde erhoben. Es gebe Anhaltspunkte für den Verdacht der fahrlässigen Tötung sowie der fahrlässigen Körperverletzung, teilten die Ermittler am Donnerstag mit. Der Mitarbeiter soll Warnungen vor dem Amoktäter Philipp F. demnach nicht weitergeleitet haben.

Amokläufer besaß legal Waffen

Der 35-jährige Täter Philipp F. hatte als Sportschütze seit 6. Dezember 2022 eine Waffenbesitzkarte und war seit 12. Dezember im legalen Besitz einer halbautomatischen Pistole.

Die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg leitete gegen einen Mitarbeiter der Hamburger Waffenbehörde und gegen drei Mitglieder eines im Hanseatic Gun Club tätigen Prüfungsausschusses Ermittlungen ein. Dazu seien die Wohnungen der vier Verdächtigen, der Arbeitsplatz des Behördenmitarbeiters sowie Räumlichkeiten des Waffenklubs durchsucht worden.

Informationen zu Philipp F. nicht weitergegeben

Der Behördenmitarbeiter soll über den Hanseatic Gun Club Informationen zu F. aus dessen Familie erhalten haben. Diese soll er aber weder dokumentiert noch ordnungsgemäß in der Waffenbehörde weitergeleitet haben. Insbesondere soll der Mitarbeiter verschwiegen haben, dass er ein am 24. Januar eingegangenes vermeintliches anonymes Schreiben selbst als Form der Benachrichtigung vorgeschlagen hatte. Er habe über die Urheber und weitere Hintergründe des Schreibens gewusst, hieß es von der Staatsanwaltschaft. In Unkenntnis dieser Hintergründe habe der zuständige Sachgebietsleiter der Waffenbehörde nur eine unangekündigte Aufbewahrungskontrolle der Waffen bei F. angeordnet, statt sich gezielt weitere Informationen über diesen zu verschaffen und die Waffe und Munition zu beschlagnahmen.

Der Verdacht gegen den Behördenmitarbeiter lautet auf sechsfache fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung in 14 Fällen. Wie eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde sagte, wurde bei der Zahl der Tötungsdelikte der ungeborene Fötus einer getöteten schwangeren Frau nicht mitgezählt, weil es sich hier strafrechtlich noch nicht um einen Menschen handle. Womöglich komme hier der Strafbestand der fahrlässigen Abtreibung in Frage. Außerdem sei der Todesfall des Amokläufers nicht mitgezählt worden.

Waffenclub soll Nachprüfungen falsch ausgestellt haben

Wegen einer erst nicht bestandenen Sachkundeprüfung hätte F., nach Auffassung der Ermittler, vermutlich keine Waffenbesitzkarte erhalten dürfen. Der Prüfungsausschuss des Waffenclubs soll nicht nur bei F., sondern in einer Vielzahl von Fällen unzutreffende Sachkundezeugnisse ausgestellt und damit irreguläre Nachprüfungen gegenüber der Waffenbehörde verschleiert haben, wie die Ermittler mitteilten.

Waffenkontrolle nach anonymem Hinweis

Schon im Januar dieses Jahres sei dann ein anonymer Hinweis bei der Polizei eingetroffen mit dem Ziel, die waffenrechtlichen Vorschriften bei Philipp F. zu überprüfen, weil er an einer psychischen Erkrankung leiden könnte. Er hege eine besondere Wut auf religiöse Anhänger, besonders auf Zeugen Jehovas und seinen ehemaligen Arbeitgeber.

Täter ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas

Der 35-Jährige sei deutscher Staatsbürger und ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas gewesen, teilte der Leiter des Staatsschutzes, Thomas Radszuweit, mit. Vor etwa anderthalb Jahren habe er die Gemeinde freiwillig verlassen – „aber offenbar nicht im Guten“.

Philipp F. stamme aus dem bayerischen Memmingen. Studiert habe er in München, so Radszuweit. Seit 2015 ist er dpa-Informationen zufolge in Hamburg gemeldet, aufgewachsen ist er demnach in Kempten im Allgäu.

Schüsse bei Zeugen Jehovas: Das ist passiert

Bei der Tat im Stadtteil Groß Borstel wurden am Donnerstagabend laut Polizei in einem Gebäude der Zeugen Jehovas acht Menschen getötet – darunter vier Männer, zwei Frauen und ein sieben Monate alter Fötus, außerdem der Täter selbst. Sechs Frauen und zwei Männer wurden verletzt, vier von ihnen lebensbedrohlich.

Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) spricht von der schlimmsten Straftat in der jüngeren Geschichte seiner Stadt:

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Nachrichten Andy Grote, Innensenator: Schlimmste Straftat in der Geschichte Hamburgs

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Andy Grote, Innensenator: Schlimmste Straftat in der Geschichte Hamburgs

Polizisten hörten offenbar, wie der Täter sich selbst erschoss

Um 21:04 Uhr seien die ersten Notrufe eingegangen, dass Schüsse im Gebäude fielen, so Matthias Tresp, Leiter der Schutzpolizei Hamburg. Er sprach von einer „Amoklage“. Eine besondere Einheit der Bereitschaftspolizei, die gerade in der Nähe war, sei dann in das Objekt eingedrungen und auf mehrere Menschen mit Schussverletzungen gestoßen. Als die Einsatzkräfte das Gebäude stürmten, sei eine Person in den ersten Stock gelaufen. Die Beamten hätten die männliche Person dort leblos mit einer Schussverletzung gefunden. Neben ihm sei die mutmaßliche Tatwaffe gelegen. Dadurch sei man davon ausgegangen, dass es sich um den Täter handelte.

Täter gab schon Schüsse auf Parkplatz ab

Zunächst sei unklar gewesen, ob es ein oder mehrere Täter gebe. Auf einem Video habe es ausgesehen, als sei eine weitere Person darauf zu sehen. Die habe sich allerdings dann als Schatten herausgestellt. Die Videoaufzeichnungen plus erste Befragungen von Augenzeugen habe der Polizei dann Sicherheit gegeben, dass man nur von einem Täter ausgehen konnte.

Bevor der Täter in das Gebäude eingedrungen sei, habe er auf dem Parkplatz auf ein Auto geschossen. Insgesamt zehn Einschüsse seien an dem Fahrzeug gefunden worden. Währenddessen habe eine Veranstaltung der Zeugen Jehovas mit rund 50 Gästen in dem Gebäude stattgefunden.

Staatsanwaltschaft: Kein terroristischer Hintergrund

Als noch unklar war, ob es sich um einen Einzeltäter handelte, habe die Staatsanwaltschaft wegen Gefahr in Verzug eine Durchsuchung seiner Wohnung angeordnet, sagte Staatsanwalt Ralf Peter Anders während der Pressekonferenz. Dabei hätten die Beamten 15 Magazine mit jeweils 15 Patronen und weitere vier Schachteln Munition mit 200 Patronen gefunden. Laptops und Smartphones würden jetzt ausgewertet. Es gebe keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund oder weitere Täter. Der 35-jährige Schütze sei der Staatsanwaltschaft nicht bekannt gewesen, so Anders weiter.

NDR-Reporter Kai Salander hat mit Augenzeugen gesprochen, die am Tatort waren:

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Nachrichten Das berichten Augenzeugen nach der Schussattacke in Hamburg

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Die Polizei ermittelt nach einem Amoklauf in Hamburg. Der Schütze war gestern Abend in eine Kirche der Zeugen Jehovas gestürmt und soll dort nach NDR Informationen mindestens acht Menschen erschossen und zum Teil schwer verletzt haben. Kai Salander:
Die Kirche, auch als Königreichsaal Jehovas Zeugen bekannt, sieht vielmehr aus wie ein zweigeschossiges Bürogebäude, es steht zwischen einer Autowerkstatt und einem Bauplatz an einer sechsspurigen Straße im Hamburger Stadtteil Groß Borstel. In der Kirche soll ein Schütze gestern auf mehrere Menschen geschossen haben. Ein Anwohner hatte den Angriff beobachtet und mit seinem Handy gefilmt. Gegen 21 Uhr war der Mann zur Kirche gelaufen und hatte zunächst durch die Fensterscheiben in das Gebetshaus geschossen. Anschließend lief er auch in das Gebäude und feuerte dort weitere Schüsse ab. Das hörten auch die beiden Augenzeugen Kemal und Felix.
„Ich hab, ja ich habe telefoniert gehabt, bei mir vor der Haustür und hab so ein dumpfes Geräusch gehört. Das hat sich angehört wie Schüsse. Dann wurde das hier auch nochmal bestätigt von Nachbarn. Dann habe ich hier noch den Krankenwagen gesehen. Das die irgendwie zwei Personen abtransportiert haben, mit schwarzen Leichensäcken. Ich hab nur zwei Schüsse gehört und dann bin ich direkt hier auf die Straße gelaufen und hab erstmal geguckt was los ist.“
Polizeibeamte waren zu der Zeit rein zufällig in der Nähe, weil sie auf dem Weg zu ihrer Unterkunft waren, erklärt Polizeisprecher Holger Vehren:
„Wir sind reingegangen und haben noch Hinweise gehört, das eventuell hier ein erweiterter Suizid stattgefunden hat und eine Person sich erschossen hat. Wir haben auch einen Schuss noch gehört. Und dann sind die Einsatzkräfte nach oben gegangen und haben noch eine Person aufgefunden die tot war, die möglicherweise der Täter ist oder einer der Täter ist. Da müssen wir aber jetzt mit der Tatarbeit klären.“
Die Einsatzkräfte brachten Verletzte in Sicherheit, darunter auch eine hochschwangere Frau. Die Polizisten trugen sie zu einem der zahlreichen Rettungswagen. Unterdessen hatten sich andere Kirchenbesucher in dem Wartehäuschen einer Bushaltestelle verschanzt, und schließlich von der Polizei gerettet. Felix, der seinen Nachnamen nicht im Radio hören will, war zu der Zeit zufällig in der Gegend und beobachtete den Polizeieinsatz:
„Dann haben Polizisten hier Schutzausrüstung angezogen und sind hier mit Maschinenpistolen vor. Dann wurden da immer mehr Verletzte rausgetragen, also sehr viele mit Bauchschusswunden und auch Brust und so, viele lagen auf der Straße, wurden da behandelt und eine Schwangere hatte einen Schuss im Bauch.“
Ein Großaufgebot der Polizei sperrte die umliegenden Straßen rund um das Gebäude. Dort parkten in der Nacht dutzende Streifenwagen. Schließlich stürmten Spezialkräfte die Kirche und durchsuchten die Räume mehrfach. Die Polizei warnte die Bevölkerung über Handy-Warnapps – die Nachbarschaft sollte in der Nacht Zuhause bleiben, weil die Polizei zunächst nicht ausschließen konnte das der oder die Schützen auf der Flucht waren. Gegen drei Uhr in der Nacht kam die Entwarnung, dazu Vehren:
„Es gibt bislang keine Hinweise auf einen flüchtenden Täter, das ist im Moment der Stand. Wer können auch nichts zur Anzahl der Person sagen. Es sind mehrere Personen die getötet wurden und mehrere die Verletzt sind.“
Spurensicherer in weißen Schutzanzügen sind in Nacht zum Tatort gefahren, sollen dort nun Beweismittel sichern. Wenige Stunden nach dem Amoklauf herrschte eine gespenstische Stille rund um die Kirche, vereinzelt klickten Kameras. Zahlreiche Journalisten standen vor dem rot-weißen Flatterband, die Linse auf das Gebetshaus gerichtet.

Ein junger Mann hat den Angriff gefilmt, und berichtet sichtlich geschockt darüber:

Zeugin: „Eine Person lief hektisch ins erste Obergeschoss“

Eine Nachbarin, Studentin Lara Bauch, sagt: „Ich habe gegen zehn vor neun Uhr mehrfach Schüsse vernommen. Die klangen sehr metallisch“. Sie berichtet von länger anhaltenden Schusssalven bei der Veranstaltung der Zeugen Jehovas. „Es waren ungefähr vier Schussperioden. In diesen Perioden fielen immer mehrere Schüsse, etwa im Abstand von 20 Sekunden bis einer Minute“, sagt Bauch am späten Donnerstagabend.

„Ich habe dann weiter aus dem Fenster geschaut und bei den Zeugen Jehovas eine Person ganz hektisch vom Erdgeschoss ins erste Geschoss laufen sehen.“ Der Mann sei dunkel gekleidet und „schnell unterwegs“ gewesen, sagt Bauch. Ob er maskiert war, konnte sie nicht sehen.

Polizei Hamburg bittet um weitere Hinweise

Die Polizei hat ein Hinweisportal eingerichtet: Hier können Fotos und Videos zur Tat oder relevanten Ereignissen in diesem Zusammenhang hochgeladen werden.

#ZeugenaufrufWir haben ein Hinweisportal eingerichtet, auf das Fotos und Videos zur Tat oder relevanten Ereignissen in diesem Zusammenhang hochgeladen werden können. https://t.co/cYhMz69Ugw#GroßBorstel #hh0903 #schießerei

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) twitterte in der Nacht:

Die Meldungen aus Alsterdorf / Groß Borstel sind erschütternd. Den Angehörigen der Opfer gilt mein tiefes Mitgefühl. Die Einsatzkräfte arbeiten mit Hochdruck an der Verfolgung des / der Täter & der Aufklärung der Hintergründe. Bitte beachten Sie die Hinweise der @PolizeiHamburg. https://t.co/38UcdguLzH

Wer sind die Zeugen Jehovas?

Die Zeugen Jehovas sind eine christliche Gemeinschaft mit eigener Bibel-Auslegung. Die Anhänger glauben an Jehova als „allmächtigen Gott und Schöpfer“ und sollen sich strengen Vorschriften unterwerfen. Sie sind davon überzeugt, dass eine neue Welt bevorsteht und sie als auserwählte Gemeinde gerettet werden.

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